Prozess um Waffenhandel: Das Darknet vergisst nichts

Verschlüsselter Chat und dubiose Zahlungen: Im Stuttgarter Prozess gegen zwei Männer wegen illegalen Waffenhandels im Darknet offenbarten sich weitere Details.

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Verhandlungssaal im Stuttgarter Landgericht: Im Prozess geht es um Waffenhandel.  Foto: 

Nach einer guten halben Stunde hat Richterin Manuela Haußmann genug. Lange hat sie zugehört und ruhig Fragen gestellt, nun wird sie eindringlich und erhebt die Stimme. In ihrem Prozess am Landgericht Stuttgart geht es um illegalen Waffenhandel im Darknet, dem anonymen Teil des Internets, und einer der beiden Angeklagten redet beständig davon, dass er nur als Geldgeber für Werkzeug und andere Anschaffungen fungiert habe, über die genauen Abläufe aber  nicht informiert gewesen sei.

„Ich sage es Ihnen ehrlich, ich sehe eine Lücke zwischen dem, was Sie sagen, und dem, was hier steht“, erklärt sie und zeigt auf Akten mit Protokollen von verschlüsselten Chatverläufen zwischen dem 28-Jährigen und seinem 25 Jahre alten mutmaßlichen Kompagnon. Diese Lücke könne sie nach dem bis hierhin Gehörten „einfach nicht schließen“, sagt sie und fixiert den 28-Jährigen.

Verstöße gegen das Waffengesetz und gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, so lautet die Anklage gegen die beiden Männer aus dem Raum Sindelfingen. Ihnen wird vorgeworfen, 2015 mehrere Schreckschusspistolen sowie Sturmgewehre der Marke Kalaschnikow zu scharfen Waffen umgebaut und samt Munition für mehrere zehntausend Euro im Darknet verkauft zu haben.

Zu Beginn des zweiten Verhandlungstags bekennt sich zunächst der 25-jährige Werkzeugbauer, der zurzeit in Haft sitzt, in einer von ihm verlesenen Stellungnahme schuldig, Schreckschusswaffen zu scharfen Walther PK 380 umgebaut und verkauft zu haben. Umbau und Verkauf der Sturmgewehre aber bestreitet er.

Der 28-jährige Tankstellenbesitzer, der im Anschluss frei erzählt und Fragen zulässt, hingegen windet sich in größerem Stile. Er argumentiert und versucht zu erklären, inwiefern er beteiligt gewesen war – oder nach seiner Darstellung eben nicht. Zu der Werkstatt im Keller des Wohnhauses der Oma des 25-Jährigen sagt er: „Ich habe Geld geliehen für Werkzeug. Aber ich war nie dort, habe es nie gesehen. Ich wusste nicht, was dort genau passiert ist.“ – Zu möglichen Verdiensten für ihn: „Ich sollte nicht davon profitieren.“ – Zu Gründen für sein Engagement: „Ich bin drauf eingestiegen, weil ich cool sein wollte.“ – Und zu der verschlüsselten Kommunikation der beiden im Chat: Da habe man „manches dahergeredet“, viel „heiße Luft“, weil er „keinen Glauben geschenkt“ habe, „dass es soweit kommt“.

Tatsächlich kam es zu republikweiten Versendungen, selbst nach Frankreich sollten Waffen gehen – und für einige Zeit wurde sogar untersucht, ob diese Lieferung im Zusammenhang mit den Anschlägen in Paris Ende vergangenen Jahres stehen könnte. Das tut sie offenbar nicht, dennoch reißt Richterin Haußmann an dieser Stelle der Geduldsfaden. Sie nehme ihm seine Darstellung, er sei nur Finanzierer gewesen, nicht ab, macht sie klar.

Sie hält ihm auszugsweise Protokolle aus dem Chat vor, der zuvor von Beamten entschlüsselt worden war. Die ihm dort zugewiesenen Aussagen lassen auf eine „deutlich stärkere Beteiligung“ des 28-Jährigen schließen, wie es eine später als Zeugin befragte Kriminalpolizistin ausdrückt – und zeichnen insgesamt das Bild eines ausgetüftelten Systems. Alte Handys mit anonymen Sim-Karten, die Umstellung von einem Whatsapp-Chat auf verschlüsselte Kommunikation, kryptische Tarn-Zahlungen und ein enges Netz an Waffen-Beschaffern und -Abnehmern deuten zumindest einen hohen Grad an Professionalisierung an.

Das Internet vergisst nichts, heißt es landläufig. Das gilt auch für das anonyme Darknet. Das könnte den Angeklagten zum Verhängnis werden, das haben die Chatprotokolle erahnen lassen. Der Prozess wird heute fortgesetzt.

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