Prozess um den Mord an Maria L.: Ein Rätsel namens Hussein K.

|
Suizidgefährdet, unter Psychopharmaka, düstere Andeutungen über seine Vergangenheit: Was in Hussein K. vorgeht und vorging, bleibt unklar.  Foto: 

Es ist der elfte Prozesstag, als Richterin Kathrin Schenk die Prozessbeteiligten zu sich nach vorne an den Richtertisch bittet. Hussein K. ist vor Gericht, anders als auf seinen Facebookporträts, wo er sehr modisch und immer anders gekleidet und frisiert zu sehen ist, immer schlicht gekleidet: in Jeans, weinrotem Sweatshirt und dunkler Ponyfrisur. Gezeigt werden sollen gleich Aufnahmen vom Tatort. Ob der Angeklagte weiß, was er da gleich anschauen soll? In jedem Fall steht er mit seinem Anwalt Sebastian Glathe auf und trippelt in seinen Fußfesseln nach vorne.

Eine Weile schaut er die Bilder an, die die Richterin mit den anderen Verfahrensbeteiligten ansieht. Es sind Aufnahmen der fast nackten Leiche von Maria L., der 19-jährigen Studentin, die er gewürgt und vergewaltigt haben soll; die er danach im Wasser der Dreisam zurückließ, wo sie ertrank. Nach ein paar Minuten dreht sich K. weg und trippelt allein zurück zu seinem Platz. Die anderen fahren am Richtertisch ohne ihn fort. Die Bilder lösen offenbar etwas in ihm aus: Scham, Reue und Trauer. K., der zum Auftakt des Prozesses die Tat gestanden hat, hält sich die Hand vor die Augen. Er weint.

 Es ist das erste Mal, dass man im Gerichtssaal eine derartig emotionale Regung bei Hussein K. sieht. Die meiste Zeit schaut er nach vorn gebeugt vor sich hin, als gäbe es zu seinen Füßen einen Fixpunkt, der ihm hilft, dieses Verfahren zu überstehen, in dem sein Leben, seine Sexualität, sein Alkohol- und Drogenkonsum und seine Psyche durchleuchtet werden. Oft muss er gähnen – vermutlich, weil er Psychopharmaka bekommt oder nachts nicht schlafen kann. Seit seiner Festnahme im Dezember 2016 sind mindestens drei Suizidversuche in der Haft bekannt geworden. K. gilt als hochgradig suizidal und wird laut Justizministerium seit Monaten rund um die Uhr bewacht.

Es ist der wohl größte Prozess in Freiburg in der Nachkriegszeit. Das Medienaufkommen ist gigantisch. Und es geht längst nicht mehr nur um den Mord an Maria L., der Fall hat auch eine politische Dimension: K., ein mutmaßlich traumatisierter Flüchtling, war in psychotherapeutischer Behandlung; er gelangte ins deutsche Jugendhilfesystem, weil er sich gegenüber Behörden, Schule und Pflegeeltern überzeugend jünger, nämlich minderjährig, machte, als er tatsächlich war. Inzwischen räumen immer mehr in der Jugendhilfe tätige Menschen hinter vorgehaltener Hand ein, dass falsche Altersangaben unter unbegleiteten minderjährigen Ausländern (UMA) gang und gäbe seien.

 Gleichzeitig zeigt der Fall Lücken in der europäischen Zusammenarbeit auf, denn Hussein K. hatte in Griechenland bereits ein Verbrechen begangen, von dem hierzulande niemand etwas wusste. Und er wirft ein Schlaglicht auf die Betreuung von  UMA: Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Freiburg gegen den privaten Jugendhilfeträger aus Freiburg, dem das Jugendamt Hussein K. zugeteilt hatte. Im Raum stehen Schlamperei, schlechte Betreuung, falsche Abrechnungen und der Verdacht des Betrugs.

Doch wie alt ist der Angeklagte wirklich? Diese Frage nimmt im Prozess großen Raum ein. Als die Bundespolizei in Freiburg ihn im November 2015 dem Jugendamt übergab, sagte er, 16 Jahre alt zu sein, somit wäre er bei der Tat 17 gewesen. Die Jugendämter glaubten den Angaben.

K. ist 1,81 Meter groß und kräftig gebaut, aber sein breites Gesicht mit den schmalen Augen wirkt jugendlich. Im Raum stehen laut Zeugen inzwischen viele Altersangaben: 19, 21, 24 und 26. Ein ganzer Prozesstag wurde für wissenschaftliche Altersgutachten verwandt. Der Rechtsmediziner Andreas Schmeling von der Uni Münster wertete Röntgenaufnahmen von Gebiss und Hand und Brustknochen aus. Schmelings Schlussfolgerung: K ist mindestens 19, höchstwahrscheinlich jedoch 23 Jahre alt. Die Freiburger Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen analysierte einen Schneidezahn, der dem Angeklagten acht Monate vor der Tat aus medizinischen Gründen gezogen wurde. An einem aufgeschnittenen Zahn kann man das Alter wie bei Jahresringen an Bäumen ablesen. Ihr Fazit: Hussein K. war zur Tatzeit zwischen 22 und 26 Jahre alt. Es liegt nun beim Gericht, final zu entscheiden.

Rätsel gibt auch die Sexualität von Hussein K. auf – ein Thema, über das er nicht reden will. Er behauptet aber, gar nicht gesehen zu haben, ob er in der Tatnacht Mann oder Frau attackierte. Eine Rolle könnte spielen, was K. in einer afghanischen Koranschule passiert sein soll – Andeutungen in Richtung Missbrauch klingen öfter an. Und warum bot er am Tatabend einem Mitarbeiter des Freiburger Theaters in einer Schwulenbar Sex gegen Bezahlung an? Wieso stellte er auf seine Facebook-Seite das Foto eines Werwolfs, der über eine Frau herfällt? Was war wirklich das Motiv für seine Attacke auf eine Frau in Griechenland? Das Gericht wird noch bis März 2018 nach Antworten suchen.

Wäre Hussein K. minderjährig, wie er es bei seiner Einreise 2015 angegeben hatte, müsste Jugendstrafrecht angewendet werden; für Mord wäre dann eine maximal zehnjährige Haftstrafe vorgesehen. Der Angeklagte hat aber eingeräumt, gelogen zu haben. Er sei zwei Jahre älter, also 19. . Dann wäre er im juristischen Sinne Heranwachsender (zwischen 18 und 21) und könnte je nachdem, wie das Gericht seine Reife einschätzt, nach Jugend- oder nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden. Bei Mord müsste er für 15 Jahre ins Gefängnis oder lebenslang.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

ICE-Lokführer verpennt Halt in Neu-Ulm

Seit dem Fahrplanwechsel hält täglich einmal ein ICE in Neu-Ulm. Das klappt noch nicht so gut, wie am Dienstag zu sehen war. 50 Passagiere blieben am Bahnsteig zurück. weiter lesen