Prozess gegen Lokführer nach Unfall mit 34 Verletzten

Vor zwei Jahren kommt es in Mannheim zu einem Zugunglück mit vielen Verletzten und Millionenschaden. Jetzt steht ein Lokführer vor Gericht.

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1. August 2014 im Mannheimer Bahnhof: Zwei Eurocity-Waggons entgleisen und kippen um, Lok und zwei Güterwagen reißt es aus den Gleisen.  Foto: 

„Anhalten, anhalten, um Gottes Willen halt‘ an“, schrie der Fahrdienstleiter im Stellwerk des Mannheimer Hauptbahnhofs in sein Funkgerät. Da hörte er schon das Geräusch berstenden Blechs auf den Schienen unter sich. Dann rief er seinen Kollegen zu: „Katastrophe, alles kaputt, Rettungsdienste alarmieren.“ Von seinem Arbeitsplatz aus konnte er erkennen, was auf Gleis eins passiert war, am 1. August 2014 um 20.51 Uhr. Ein Güterzug hatte einen Eurocity der Österreichischen Bundesbahnen gerammt, der von Graz nach Saarbrücken unterwegs war. Die ersten zwei Wagen des Eurocity sprangen aus den Schienen, auch die Lokomotive des Güterzugs entgleiste, ebenso der erste Waggon.

250 Fahrgäste saßen im EC 216, 110 davon in den beiden ersten Wagen, 35 wurden verletzt. Lebensgefährliche Blessuren erlitt dank der jeweils sehr geringen Geschwindigkeit der Züge keiner der Reisenden, meist handelte es sich um Prellungen und Platzwunden, ein Passagier mit einem gebrochenen Schlüsselbein stellte Strafanzeige.

Staatsanwalt Werner Mägerle listete auf, welcher Schaden bei dem Zusammenprall entstanden ist: Eineinhalb Millionen Euro kostete die Reparatur des Eurocity, 254.000 Euro die des Güterzugs, und an den beschädigten Anlagen wurden die Kosten auf 530.000 Euro beziffert.

Gestern wurde der Prozess gegen den 62-jährigen Lokführer vor dem Mannheimer Amtsgericht eröffnet, ein Urteil soll am 28. September gesprochen werden.

Vorsätzliche Gefährdung des Bahnverkehrs und fahrlässige Körperverletzung in 14 Fällen wirft Staatsanwalt Mägerle dem Lokführer des Güterzugs vor, der gleich mehrere verhängnisvolle Fehler begangen hat.

Die letzten drei Kilometer vor dem Mannheimer Hauptbahnhof musste der Güterzug, der von Duisburg nach Ungarn unterwegs war, auf das Gegengleis ausweichen, weil die rechten Schienen blockiert waren. Auf dem linken Gleis, sagte der ermittelnde Beamte der Bundespolizei gestern vor Gericht aus, gelten auch die linken Signale. Die beachtete der 62-jährige Lokführer und stoppte seinen Zug vor einem roten Haltezeichen. Dann aber begann eine ganze Serie von Fehlverhalten. „In Bahnhöfen“, sagte der als Zeuge geladene Bundespolizist, „gibt es keine richtigen und falschen Gleise, es gelten immer die Signale auf der rechten Seite.“

Der Führer des Güterzugs orientierte sich aber weiter links und interpretierte das Signal, das für den Eurocity auf grün geschaltet war, als Hinweis, weiterfahren zu dürfen. Der Polizeibeamte schilderte, welche Sicherheitsmaßnahmen greifen, wenn eine Anweisung zum Anhalten in Form eines Rotlichts ignoriert wird. Wird ein Haltesignal missachtet, stoppt eine „Zugbeeinflussung“, so der Polizist, den Zug automatisch.

Diese Sicherung griff auch bei dem Güterzug. Warum der Lokführer dennoch wieder anfuhr und eine Reihe weiterer Fehler beging, dazu wollte er sich gestern nicht äußern. Vorgeschrieben ist in solchen Fällen einer automatischen Notbremsung, dass der Lokführer bei der Weiterfahrt Funkkontakt mit dem Fahrdienstleiter aufnimmt.

Dies unterließ der 62-Jährige, er betätigte die von Zeit zu Zeit zu bedienende, so genannte Wachsamskeitstaste und setzte seinen Zug wieder in Bewegung. Da der Güterzug, der auf Gleis drei in den Mannheimer Hauptbahnhof einfahren sollte, zwei Weichen passieren musste, die ebenfalls über Warnhinweise verfügen, hätte der Lokführer seine Fehler noch erkennen können. Als dann der Fahrdienstleiter auf das drohende Unglück aufmerksam wurde, war es zu spät, der abgesetzte Notruf konnte den Zusammenprall nicht mehr verhindern.

Die Bundespolizei nahm innerhalb weniger Minuten die Ermittlungen auf. Kriminaltechniker untersuchten und versiegelten die Lok des Güterzugs, Beamte gingen die Strecke ab, auf der sich die verhängnisvollen Fehler ereignet haben, Fotoaufnahmen wurden gemacht. Es seien keine technischen Mängel festzustellen gewesen, sagte der Bundespolizist gestern, „die Signaltechnik war in einwandfreiem Zustand“. Am nächsten Tag, einem Samstag, wurden die Funkgespräche ausgewertet. Auch diese ließen keinen Zweifel daran, dass allein der Lokführer des Güterzugs das Unglück verschuldet hatte. Dieser verlor durch sein Versagen seinen Job und ist seither arbeitslos. Der Vorfall hat den Mann sichtlich mitgenommen. Er kannte den Mannheimer Hauptbahnhof, zudem müssen Lokführer ihre Streckenkenntnis nachweisen.

Der Zug sei durch die Notbremsung 23 Sekunden gestanden, sagte der Staatsanwalt. „Bis zu diesem Zeitpunkt war die Welt noch in Ordnung.“

Zugunglücke in Deutschland

Chronologie Bahnfahren gilt als relativ sicher, dennoch kommt es gelegentlich zu schweren Unfällen. Eine Übersicht:

Februar 2016 Beim Frontalzusammenstoß zweier Nahverkehrszüge auf eingleisiger Strecke kommen im oberbayerischen Bad Aibling zwölf Menschen um. Fast 90 Menschen werden verletzt.

September 2012 Ein Intercity entgleist beim Verlassen des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Acht Menschen werden verletzt.

April 2012 Eine Regionalbahn stößt bei Offenbach in Hessen mit einem Baukran-Zug zusammen.Drei Menschen werden getötet, 13 verletzt.

September 2011 Geröll stürzt bei heftigen Regenfällen ins Gleis und lässt einen Intercity mit etwa 800 Menschen an Bord bei St. Goar im Rheintal entgleisen. 15 Menschen werden bei dem Unfall verletzt.

Januar 2011 Zehn Menschen sterben, als ein Nahverkehrszug bei Oschersleben in Sachsen-Anhalt mit einem Güterzug zusammenstößt.

April 2008 Ein ICE rast südlich von Fulda in Hessen in eine Schafherde und entgleist teilweise –  73 Menschen werden bei diesem Unglück verletzt.

Juni 1998 Nach dem Bruch eines Radreifens prallen im niedersächsischen Eschede mehrere Waggons eines ICE bei Tempo 200 gegen eine Straßenbrücke. 101 Menschen sterben bei dem Eisenbahnunglück. dpa

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