Projekte im Land wollen junge Muslime vor Radikalisierung abhalten

Auch aus Stuttgart sind Muslime nach Syrien in den Dschihad gelockt worden. Jetzt wehren sich Bürger der Stadt: Sie wollen ihre jungen Leute vor dem Kalaschnikow-Islam schützen. Und damit sich selbst.

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Bis Ende Oktober waren es 20 Baden-Württemberger, die versuchten, nach Syrien auszureisen und gegen den Despoten Assad zu kämpfen. Von den zehn Stuttgartern schafften es sechs nach Syrien - vier sind wieder heimgekehrt, zwei gestorben. Inzwischen wurde ein Rückkehrer angeklagt.

Bisher gibt es kaum Projekte gegen die Propaganda des Heiligen Krieges. Deshalb haben die Integrationsbeauftragten im Stuttgarter Rathaus beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge einen Projektantrag gestellt: Sie wollen Präventionsarbeit im Internet leisten. "Wir möchten auf islamische Gemeinden zugehen und deren Jugendliche befähigen, in den sozialen Medien aufzuklären. Dazu möchten wir mit ihnen und eventuell mit externen Experten ein Konzept erarbeiten", sagt Levent Günes von der städtischen Integrationsstelle.

Spät, aber noch rechtzeitig hat der Landtag zudem beschlossen, das Projekt Team Mex in Stuttgart bei der Landeszentrale für politische Bildung (LPB) zu verlängern. Es informiert Lehrende und sozialpädagogische Fachkräfte über Anwerbestrategien von Islamisten und über gefährdete Jugendliche. Letztes Jahr wurden 63 Veranstaltungen gebucht, die Nachfrage stieg.

"Wichtig ist meines Erachtens zum Beispiel, dass die Lehrkräfte Kompetenzen haben, ganz ,normale' Religiosität von der Radikalisierung unterscheiden zu lernen", sagt Team-Mex-Leiter Felix Steinbrenner. Laut LPB und Experten kommen viele Dschihadisten aus salafistischen Kreisen. Sie stammen aus allen Bildungsschichten, sind sehr jung, einige sogar minderjährig. Gefährdet sind gerade 16- bis 25-Jährige. 20 Prozent kommen nicht aus Einwandererfamilien: Sie sind Konvertiten.

"Die Anwerbung erfolgt im persönlichen Gespräch, im Internet und den sozialen Medien", sagt Martin Lang, Leiter des Staatsschutzes der Polizei. Bei den Beamten melden sich schon mal besorgte Menschen, weil ein bisheriger Partygänger plötzlich alte Freunde meidet und viel betet. Verzweifelte Eltern suchen Hilfe, weil sie fürchten, ihr Sohn wolle in den Krieg ziehen, sei sogar schon verschwunden. Auch Moscheevereine fragen um Rat.

Außer mit Beratung kann die Polizei nur etwa per Befragung oder Festnahme der Genannten eingreifen. Die Beamten sehen ihre Grenzen. "Das ist ja auch ein gesellschaftliches Problem. Es braucht ein ganzes Team an Experten, etwa aus Psychologie, Islamwissenschaft oder Jugendhilfe", sagt Lang. Oft seien die jungen Menschen orientierungslos, suchten eine Perspektive. Er begrüßt eine angekündigte Präventions-Initiative der Innenminister. "Wir brauchen ein bundesweites, möglichst internationales Netzwerk an Experten, um ein Präventionskonzept auszuarbeiten, umzusetzen und Fälle zu betreuen."

Die meisten jungen Dschihadisten ziehen blauäugig in den Krieg. "Sie sehen sich auf der Straße des Sieges, der Gottesstaat ist zum Greifen nah, und sie können hier alle Probleme hinter sich lassen", sagt Lang. Wer lebend zurückkehrt, sei oft traumatisiert.

"Wenn Jugendliche revoltieren, scheinen sie sich in einem Sinnvakuum zu befinden", sagt Integrations-Fachmann Günes. Die jungen Muslime glaubten, im Gottesstaat und in seinen angeblich klaren Regeln eine Alternative zu finden und wollten an der neuen Gesellschaft mitwirken - egal, ob sie aus Hartz-IV- oder Akademiker-Familien kommen. "Es ist kein Schicht-, sondern ein Altersphänomen."

Dass manche Experten das Sympathisieren mit dem Islamischen Staat für Jugendkultur halten, ärgert den promovierten Politikwissenschaftler. "Das ist keine Kultur. Es ist eine Form von brachialer Jugendgewalt." Der fanatisierte Islamismus wolle Machtstrukturen errichten, die dem Islam zuwider stünden. Für Günes steht fest: "Wir müssen in den sozialen Medien so unterwegs sein, dass Jugendliche nicht abdriften. Dort treffen sie sich, dort formieren sie sich."

Hilfe im Netz

Stoffsammlung Die Landeszentrale für politische Bildung erklärt in einem Online-Dossier die Hintergründe und Begriffe des radikalen Islamismus. Entstehung und Ziele des Islamischen Staates werden unter anderem in einem Video erklärt. Daneben gibt es eine lange Liste an Links und Büchern zum Thema. (www.lpb-bw.de/islamischer-staat.html)

Multiplikatoren Ebenfalls online stellt sich auch das Projekt Team Mex vor. Dort gibt es Infos zu Fortbildungen und Fachvorträge für Multiplikatoren sowie Literaturtipps. (www.team-mex.de)

 

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