Primark: Proteste und Jubel zur Eröffnung

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    „Billige Ware“: Demonstrantin Esky Bail hält ein Protestbanner vor der neu eröffneten Primark-Filiale in Stuttgart hoch. Foto: 
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    Wer wollte, konnte gestern Primark-Einkäufe in einen Con­tainer werfen. Foto: 
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Guten Morgen, Stuttgart“, rief Wolfgang Krogmann, und diese Ansage des Deutschland-Chefs von Primark löste Jubel bei seinen Mitarbeitern aus. Einige Hundert hatten sich am Dienstag um 9 Uhr im Erdgeschoss der neuen Primark-Filiale in der Stuttgarter Königstraße  versammelt. Wenige Minuten später öffneten Sicherheitskräfte die Eingangstüren des umstrittenen Textildiscounters, und die ersten Kunden betraten das Geschäft durch ein Spalier von lauter Verkäuferinnen und Verkäufern in schwarzen Hemden. Aus den Lautsprechern schallte Musik von den Toten Hosen – „an Tagen wie diesen“.

Primark beschäftigt in den fünf Geschossen 440 Mitarbeiter, die derzeit noch von 156 „Supportern“ (Unterstützern) instruiert werden. Das Haus verfügt über 8000 Quadratmeter Verkaufsfläche und ist damit doppelt so groß wie das erste Geschäft im Einkaufszentrum Milaneo.

Angekündigt war die Eröffnung des zweiten Stuttgarter Primark-Geschäfts erst für zehn Uhr, aber das Direktorium hatte das Opening um fast eine Stunde vorgezogen, laut Krogmann mit Rücksicht auf die Markthändler auf der Königstraße.  Überrascht wurden hingegen die Demonstranten von der vorgezogenen Eröffnung. Sie trudelten später ein. Einer der ersten war Helge Gumpert von den Stuttgarter Weltläden. Er verhüllte seinen Kopf mit einer Tüte, auf dem der Spruch stand: „Wer bezahlt den wahren Preis für unsere Kleidung?“

Die Eröffnung des Discounters empfindet Bildungsreferent Gumpert als „kein gutes Zeichen“. Denn der Handelsriese mit 350 Läden in elf Ländern bewirke genau das Gegenteil von dem, „was die Menschheit tun sollte, nämlich weniger zu verbrauchen“. Die  „Kampagne für saubere Kleidung“ wies auch auf fragwürdige Methoden bei der Herstellung von Billigware hin. Direkt vor dem Primark postierten sich zwei Aktivistinnen mit einer Nähmaschine. Auf ihrem Gesichtsschleier stand „Slave for you“ – Ich bin dein Sklave.

Unter der Kolonnade des Königsbaus am Schlossplatz schließlich platzierten das „Kaufhaus Mitte“ und das Café „Mission Coffee“ einen schwarzen Container und riefen dazu auf, Primark-Ware hier abzugeben, die dann an Bedürftige weitergegeben werde. Gegen 12.50 Uhr lagen in dem Behälter allerdings erst zwei Tüten. Die zweite stammte von der 18-jährigen Ludmila Paola aus Herrenberg (Kreis Böblingen). Sie hatte sich in dem neuen Primark-Laden eine Bommelmütze für drei Euro erstanden und war nach dem Einkauf auf die beiden Näherinnen gestoßen. Da seien ihr dann Zweifel an der fairen Herstellung von Primark gekommen, sagte die junge Frau.

Die Aktionen und Proteste gegen Primark muten Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg, „einfach befremdlich“ an. Sie unterstellte den Kritikern, sich ein Urteil anzumaßen, ohne genau zu wissen, wie es sich tatsächlich verhält. Primark hat sich laut Hagmann dazu verpflichtet, bei der Produktion faire Regeln zu beachten.

Krogmann selbst zeigte sich auf der Königstraße zu Gesprächen mit den Demonstranten bereit. Er habe einen tiefen Einblick in die Geschäftsverläufe seines Unternehmens und wisse, „was wir machen und was andere nicht machen“. Die Informationen der Kritiker über seine Firma hält er für „nicht ausreichend“.

Die Stuttgarter City-Managerin Bettina Fuchs begrüßte indes den Einstieg von Primark an dem Platz, den vor zwei Jahren die Kaufhaus-Kette Karstadt freigemacht hatte. Fuchs geht davon aus, dass sich Primark in der Königstraße belebend auswirken werde. Davon profitierten auch bisher weniger frequentierte Nebenstraßen.

Das neue Geschäft in der Stuttgarter Einkaufsmeile Königstraße ist die 25. Filiale des Textilhandelsriesen in Deutschland. Das irische Unternehmen beschäftigt weltweit 73 000 Mitarbeiter und 6700 in Deutschland. Der Textildiscounter steuert seine Geschäfte vom irischen Dublin aus.

Primark besitzt eigenen Angaben zufolge keine eigenen Fabriken. Jede Fabrik, die Produkte für Primark fertigt, müsse sich zuvor verpflichten, internationale Standards einzuhalten. Ein Team für ethischen Handel und ökologische Nachhaltigkeit überwache die Einhaltung der Standards. eb

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Kommentare

06.12.2017 21:10 Uhr

Gibt es den richtigen Kleiderkauf?

Es steht außer Frage, daß Primark ein schlimmer Konzern ist. Dort, wo Primark produzieren läßt, sind auch H&M und Adidas involviert. Warum also Proteste nur gegen Primark?
Die Erfolgsstory von Primark ist sonnenklar: Immer mehr Menschen sind auf Billigprodukte angewiesen. Der durchschnittliche Billigmodekunde ist Azubi, Teenager, McHartzer, Migrant und Rentner. Hauptsächlich junge Menschen zwischen 15 und 25 sind darauf angewiesen sich gut zu kleiden, will man irgendwie dazugehören und sei es fürs Vorstellungsgespräch für einen 450-€uro-Job. Gerade die prekären Bevölkerungsschichten wollen nicht wie das Lumpenproletariat aussehen, das sie ökonomisch gesehen ja sind. Vielleicht ist es diese Nivellierung, was das Bionadenbürgertum so in Rage bringt. Doch gerade das entlarvt die Konsumkritik als die arrogante eklige Selbstzufriedenheit, selber alles richtig gemacht zu haben.
Es ist grotesk jene zu kritisieren, die morgen abgeschoben werden oder die Stütze gekürzt kriegen Nachhaltigkeit zu predigen und auf den Flohmarkt zu drängen, um diese Standorte aufzuwerten. Stattdessen sollte die Kritiker in Solidarität mit den ökonomisch Abgehängten treten und die Mißstände analysieren, die solche Phänomene wie Primark hervorbringen.

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