Praxis auf Rädern

Unbürokratische und vergleichsweise kostengünstige Hilfe: Im Landkreis Tübingen fährt eine mobile Arztpraxis kleinere Flüchtlingsunterkünfte an, in denen es keine medizinischen Sprechstunden gibt.

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Mit ihrer einjährigen Tochter Joud auf dem Arm steigt die 22-jährige Shaemaa AlDarwish in den Kleinbus. Sie möchte die Kleine impfen lassen. Doch das Kind ist erkältet. "Da darf man nicht impfen", erklärt Lisa Federle. Sie hört die Lunge der kleinen Patientin ab und misst Fieber, "Grippe", diagnostiziert die Ärztin. Der Mutter gibt sie Hustensaft und Nasentropfen für ihr Kind mit.

Das zur mobilen Arztpraxis umgebaute Wohnmobil hat an diesem kalten Winternachmittag vor der Flüchtlingsunterkunft in der Tübinger Weststadt Station gemacht. Während in dem Kleinbus die Tübinger Ärztin Federle die ersten Patienten behandelt, bildet sich vor dem Wagen schnell eine Schlange: Der Bedarf nach medizinischer Unterstützung und ärztlichem Rat ist groß. In den beiden großen Unterkünften in der Tübinger Kreissporthalle und in der Erstaufnahmestelle im Rottenburger Stadtteil Ergenzingen gibt es zwar täglich Sprechstunden. Doch für die Menschen in den kleineren Unterkünften ist es schwierig, ärztlichen Rat einzuholen.

Als Notärztin und ehrenamtliche Präsidentin des DRK-Kreisverbands hat Federle mitbekommen, dass sich die Menschen dort deshalb oft nicht anders zu helfen wissen, als den Rettungsdienst zu rufen - eben auch bei harmloseren Erkrankungen. "Das sind enorme Kosten, außerdem fehlen die Notärzte dann an anderer Stelle", sagt sie. Kollegen hätten ihr zudem berichtet, dass es kaum möglich sei, so viele Patienten in den Praxen zu behandeln. So sei ihr die Idee zu einer mobilen Arztpraxis gekommen. In Zusammenarbeit mit dem oberschwäbischen Wohnmobilbauer Hymer und mit Hilfe zahlreicher Spenden konnte Federle die Idee rasch umsetzen.

Im hinteren Teil des Wagens gibt es eine Untersuchungsliege und viel Stauraum für Medikamente und Instrumente. Die Praxis auf Rädern ist unter anderem mit einem Messgerät für Blutwerte und einem Ultraschallgerät ausgestattet. Seit Ende vergangenen Jahres ist das Arztmobil im Einsatz und fährt 16 Flüchtlingsunterkünfte im Landkreis an. Knapp 20 Ärzte sind dazu abwechselnd im Einsatz. "Wir sind noch in der Testphase", sagt Federle. Improvisationstalent ist an Bord ohnehin immer nötig. Als in einer der Flüchtlingsunterkünfte beispielsweise plötzlich bei neun Kindern die Krätze ausbrach, musste das mobile Team kurzfristig die für den Tag geplante Route ändern.

Vor dem Auto warten vor allem aus Syrien geflüchtete junge Mütter, die ihre Kinder zum Schutz vor der Kälte in Decken gewickelt auf dem Arm tragen und zu der Ärztin möchten. "Die Kinder haben Vorrang," sagt Federle. Sie bittet so viele Patienten in den Bus, wie Platz haben, damit Kinder und Eltern nicht unnötig draußen frieren müssen. Plötzlich ist der Bus voll, auf den Sitzen im vorderen Teil des Wagens sitzt ein Vater mit seiner kleinen Tochter, außerdem wartet eine junge Mutter mit ihrem Sohn und der Tochter. Unterdessen untersucht die Ärztin im hinteren Teil des Busses ein weiteres Kleinkind.

Die Ärztin tastet den Bauch des Kindes ab. Mit Hilfe des Medizinstudenten Zayn Hamdan, der ins Arabische übersetzt, sucht sie nach Ursachen für den seit Tagen anhaltenden Durchfall, unter dem das Kind leidet. Sie gibt Tipps für die richtige Ernährung und die Zubereitung des Milchpulvers. Zur Sicherheit soll jedoch die Kinderärztin, die wenige Tage später mit dem Arztmobil hier wieder Station machen wird, das Kind noch einmal untersuchen.

Ein syrischer Vater ist mit seiner Tochter bereits zum dritten Mal da, der Ausschlag will einfach nicht weggehen. Federle gibt ihm eine Salbe mit. Die Kinderkrankenschwester Karin Fischer-Touré, die an diesem Nachmittag mit an Bord ist, nimmt die Daten der Patienten auf, notiert, welche Medikamente die Ärztin gibt. "Wir geben die Medikamente direkt mit", sagt Federle. Alles andere sei zu kompliziert und wegen möglicher Sprachbarrieren in der Apotheke auch zu unsicher. Windeldermatitis, Bronchitis, Grippe, starke Kopfschmerzen oder heftiger Haarausfall, Würmer und Diabetes - die Bandbreite der Beschwerden ist groß.

Ein umgebautes Wohnmobil also als Lösung für die medizinische Versorgung in kleineren Flüchtlingsunterkünften? Eine große Hilfe ist es auf jeden Fall. Außerdem sei es relativ kostensparend und organisatorisch weniger aufwendig als Arztbesuche in der Praxis, sagt Federle, und: "Eine andere Lösung wäre im Moment gar nicht möglich."

Spenden und Stiftung

Finanzierung Viele Menschen haben geholfen, die Idee zum 70.000 Euro teuren Arztmobil möglichst schnell umzusetzen: Schon vorab sicherte Til Schweiger persönlich Hilfe zu, indem seine Stiftung jeden gespendeten Euro bis 35.000 Euro verdoppeln würde. Die Firma Hymer baute den Wagen zum Selbstkostenpreis innerhalb kurzer Zeit um. Über eine Spendenaktion des Schwäbischen Tagblatts kam das Doppelte des benötigten Betrags zusammen.

Einsatz Mit dem medizinischen Mobil ist ein Team aus knapp 20 Ärzten und mehreren Helfern unterwegs. Sie erhalten statt der üblichen Pro-Kopf-Bezahlung einen Stundenlohn.

Medikamente Die notwendigen Medikamente erhält das Mobil vom Tübinger Universitätsklinikum, das Landratsamt übernimmt die Kosten dafür.

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