Politikforscher Jörg Tremmel: Wir brauchen eine Nachwuchsquote

Junge Menschen müssen in der Politik besser repräsentiert werden. Das fordert Jörg Tremmel, Tübinger Juniorprofessor für generationengerechte Politik.

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Jörg Tremmel forscht an der Uni Tübingen.  Foto: 

Im Oktober 2015 hat Grün-Rot den Paragraf 41a der Gemeindeordnung geändert. Kommunen sind seither verpflichtet, Jugendliche bei Themen, die sie betreffen, „in angemessener Weise zu beteiligen“. So sollen etwa Jugendgemeinderäte leichter gegründet werden können. Ein guter Anlass, um mit dem Tübinger Juniorprofessor für Generationengerechte Politik, Jörg Tremmel, darüber zu sprechen, wo Baden-Württemberg bei der Jugendbeteiligung im Wahljahr 2016 steht.

Herr Tremmel, Sie haben gerade das Buch „Politische Beteiligung junger Menschen“ mit herausgegeben. Wie ist es um die Partizipation junger Menschen hierzulande bestellt?
JÖRG TREMMEL: Baden-Württemberg ist grundsätzlich gut aufgestellt. Es gibt auf kommunaler Ebene das Wahlalter 16. Zudem bietet die Änderung des Paragrafen 41a der Gemeindeordnung viele Möglichkeiten der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen.

Auch das betrifft die kommunale Ebene. An welcher Stelle sehen Sie im Land denn Nachholbedarf?
TREMMEL: Ein großes Manko ist, dass von 138 Landtagsabgeordneten nur vier unter 35 Jahre alt sind. Das sind weniger als drei Prozent. Der Anteil der 18- bis 35-Jährigen an der Bevölkerung hingegen beträgt 21 Prozent.

Wie wollen Sie das ändern?
TREMMEL: Wir bräuchten eine Nachwuchsquote. Die Parteien sollten sich verpflichten, in jedem fünften Wahlkreis (es gibt 70, Anm. d. Red.) eine Person zwischen 18 und 35 Jahren antreten zu lassen.

Diese Altersgruppe soll besser repräsentiert werden. . .
TREMMEL: Genau. Aber das ist nur ein Aspekt. Im Landtag würde dann eine größere Themenpalette diskutiert, weil unterschiedliche Generationen auch verschiedene Lebenswirklichkeiten haben. Zudem hätte es eine symbolische Aussage: Junge Menschen werden ernst genommen. Das würde auch Politikverdrossenheit entgegenwirken. Man wählt Gleichaltrige lieber. Ältere Abgeordnete glauben, sie könnten die Interessen des politischen Nachwuchses mitvertreten, aber diese jungen Erwachsenen können sich sehr gut selbst vertreten. Es ist ganz wichtig, diese paternalistische Einstellung – wie es sie im Übrigen auch lange gegenüber Frauen gab – zu durchbrechen. Partizipation lernt man nur durch Partizipation.

Vermutlich ein langer Weg. . .
TREMMEL: Es ist – wie gesagt – eine ganz ähnliche Diskussion, wie es sie auch schon in Bezug auf Frauen in der Politik gab. Man muss das ganz konkret fordern. Dann müssen die Parteien sich auf die Suche machen. Es geht um aktive Nachwuchsförderung. Ich wäre im Übrigen auch dafür, diese Quote für Nachwuchspolitiker an eine Begrenzung auf zunächst zwei Legislaturperioden zu koppeln. Dann sollten die jungen Menschen erstmal im Beruf Fuß fassen. Später können sie ja immer noch in die Politik zurückkehren.

Abgesehen von der Vertretung durch Menschen der eigenen Altersgruppe: Vor einer Landtagswahl stellt sich auch die Frage des Wählens ab 16 auf Landesebene – so, wie es das in anderen Bundesländern gibt. . .
TREMMEL: Das wäre wünschenswert. In Österreich hatten bei Wahlen die 16- und 17-Jährigen zum Beispiel eine höhere Wahlbeteiligung als ältere Erstwähler. Es ist ein viel günstigerer Zeitpunkt, da Vorbereitung im Schulunterricht stattfinden kann. Später ist man bei der Informationsbeschaffung auf sich allein gestellt. Es zeigt sich auch, dass die Wahrscheinlichkeit, dass man wieder wählen geht, sehr viel höher ist.

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