Philologenverband fordert Ausbau von G9

Die grün-schwarze Landesregierung hat sich gegen eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium entschieden. Eine Petition kämpft dennoch für die versprochene Wahlfreiheit.

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Mammuts und Höhlenmenschen sind verschwunden – nicht nur von den steinzeitlichen Steppen, sondern vielerorts auch aus den Lehrplänen an Baden-Württembergs Gymnasien. „Da blutet mir als Geschichtslehrer das Herz“, sagt Cord Santelmann. Jahrtausende der Menschheitsgeschichte würden ausgespart. Für die Steinzeit fehlt im Unterricht die Zeit. Darin zeige sich wieder einmal die Absurdität einer verfehlten Schulpolitik.

Lehrer Santelmann möchte nicht nur Mammuts und Höhlenmenschen zurück in die Lehrpläne bringen, sondern vor allem eine Umkehr bei der grün-schwarzen Landesregierung bewirken: Weg vom achtjährigen Abitur mit den lückenhaften Lehrplänen hin zum ursprünglichen Abschluss an Gymnasien in neun Jahren. Als Bezirksvorsitzender des Philologenverbandes (PhV) hat er eine Petition gestartet mit dem Titel „Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 zulassen!“

Die Forderungen des Verbandes, in dem vorwiegend Gymnasiallehrer organisiert sind, richten sich vor allem an die neue Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Ihre Partei hatte sich im Wahlkampf für den G9-Ausbau starkgemacht. Doch im Koalitionsvertrag ist nun davon wenig zu lesen. Maßgeblicher Grund dürfte die Haltung der Grünen sein. Bereits in der grün-roten Landesregierung hatten sich die Grünen gegen weitere G9-Schulen ausgesprochen. Im Koalitionsvertrag wurde als Kompromiss festgehalten: „Wir wollen das G8 weiterentwickeln. An den 44 G9-Modellschulen wollen wir den Schulversuch unverändert weiterführen.“

Die Modellschulen, von denen 2012 jeweils eine in jedem Stadt- und Landkreis eingerichtet wurde, sollten ein „Abitur der zwei Geschwindigkeiten“ ermöglichen. In der Realität setzte sich vielerorts das bei Eltern beliebte G9 durch. Repräsentatives Beispiel: Das Albert-Schweitzer-Gymnasium in Laichingen. Bereits im ersten Jahr der Einführung kam keine G8-Klasse mehr zustande – wegen mangelnder Nachfrage. Simon Wiedemer, Vorsitzender des Elternbeirats, erzählt: „Wir waren alle verblüfft, dass die Entscheidung für G9 so eindeutig ausfiel.“

An der Schule wurde das Modell in kurzer Zeit zum populären Regelfall. „Die Sicht der Eltern ist insgesamt sehr positiv“, sagt Wiedemer. Im Gegensatz zum G9 früher sieht das heutige Modell den identischen Lehrplan und dasselbe Abitur wie für G8-Züge vor. Dafür bleibt den Schülern des neunjährigen Gymnasiums mehr Zeit. Auch Geschichtslehrer Santelmann vom Philologenverband ist überzeugt von den Vorteilen des G9: „Ein Großteil der Schülerschaft würde von einem Jahr mehr Zeit für vertieftes schulisches Lernen und ihre Persönlichkeitsentwicklung, von mehr Freizeit am Nachmittag für sportliches, musisches oder ehrenamtliches Engagement enorm profitieren“, schreibt er in seiner Petition.

Rund 8000 Unterschriften hat er bislang gesammelt. In den kommenden Tagen sollen es deutlich mehr werden. Santelmann und seine Verbandskollegen wollen in Fußgängerzonen werben und weitere Unterstützer gewinnen. Sie wollen nicht aufgeben, auch wenn Kultusministerin Eisenmann den Forderungen der Philologen bereits eine Absage erteilt hat. Auf Anfrage teilt das Ministerium mit: „Die Entscheidung ist gefallen. G8 wurde vor über zehn Jahren eingeführt, ist etabliert, und sehr viele Eltern sind damit zufrieden. Darüber hinaus gibt es neben den 44 G9-Standorten weitere Möglichkeiten für einen neunjährigen Weg zur Hochschulreife, insbesondere über die beruflichen Gymnasien.“

Widerspruch gegen die Forderungen des Philologenverbandes kommt auch von der SPD-nahen Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW): „Ein vermeintlich leichteres Erreichen des Abiturs würde die Leistungsbandbreite am Gymnasium verstärken“, schreibt die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz in einer Mitteilung. Dadurch würden andere Schulformen, wie Realschulen, Gemeinschaftsschulen und berufliche Gymnasien geschwächt. Ihr Fazit: „G8 und G9 gleichzeitig anzubieten, wäre eine bildungspolitische Sackgasse mit unüberschaubaren finanziellen Mehrbelastungen.“

Zusätzlich zu den doppelten Strukturen würde jedes weitere Schuljahr Mehrkosten verursachen. Genaue Zahlen kann das Kultusministerium nicht nennen, Erhebungen des Bildungsfinanzberichts belegen jedoch, dass heute je Schüler und Jahr rund 6000 Euro anfallen.

Bildungsexperten sind sich indes weiter uneins, ob sich das zusätzliche Jahr für die Entwicklung der Kinder lohnen würde. Tatsächlich gibt es inzwischen eine Vielzahl an wissenschaftlichen Untersuchungen über die Auswirkungen von G8 – gemeinsam ist ihnen vor allem, dass sie sich gegenseitig widersprechen.

Die Widersprüche setzen sich auch in der öffentliche Debatte fort. Neben G8 dauert auch die Diskussion über die Rolle der Gemeinschaftsschulen an. Auch hierzu gibt es eine Online-Petition mit bereits 16.000 Unterschriften, die sich für die Stärkung der Schulart einsetzen. Koalitionsvertrag hin- oder her, die Debatte um die Zukunft der Bildungsangebote hat wohl gerade erst begonnen – wieder einmal.

Schavans Reform

Turbo-Abi Das achtjährige Gymnasium (G8) wurde in Baden-Württemberg im Schuljahr 2004/2005 von der damaligen Kultusministerin Annette Schavan (CDU) eingeführt. Seitdem gibt es Kritik. Von 2012 an wurden im Land Modellschulen mit G9-Zügen eingerichtet.  Heute gibt es insgesamt solcher 44 Schulen im Land.

Flickenteppich Deutschland gleicht einem gymnasialen. Während Länder wie Rheinland-Pfalz oder Niedersachsen flächendeckend G9 anbieten, setzen andere auf die Wahlfreiheit. Dazu zählen unter anderem Bayern und Hessen.asp

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Kommentare

24.05.2016 10:24 Uhr

G9

Rückkehr zu G9 unausweichlich - Schulpolitik gegen den Willen der Eltern rächt sich

Heike Schmoll, Auszug faz.net, 25.02.2014

„Wenn mir eine Fee zum Thema Gymnasien einen Wunsch erfüllen würde, wäre mein Wunsch die Rückkehr zum G9.“

Josef Kraus, Präsident Deutscher Lehrerverband, Erfurt, 27.05.2013

Der Philologenverband fordert die sofortige Rückkehr zu G 9

DPhV-Vorsitzender Heinz-Peter Meidinger, bild.de, 21.05.2013

Nun hat auch der Bayerische Philologenverband nach langer Zurückhaltung eingeräumt, dass die Erfahrungen der letzten neun Jahre mit dem verkürzten Gymnasium gezeigt hätten, dass viele Schülerinnen und Schüler das Ziel einer qualitätsvollen allgemeinen Hochschulreife in neun Jahren besser erreichen als in acht.

bundespresseportal.de, 04.06.2013

Aus Niedersachsen
Der Philologenverband hat sich unterdessen für die generelle Abschaffung des Turbo-Abiturs an Gymnasien ausgesprochen.
Auch die Gewerkschaft GEW plädiert für eine Rückkehr zum alten Modell.

Hannoversche Allgemeine, 07.06.2013

Der Gymnasiallehrerverband (DPhV) ist überzeugt, dass die Rückkehr Niedersachsens zu G9 bundesweit "als Katalysator wirkt" und andere Bundesländer nachziehen. Diese müssten zur Kenntnis nehmen, dass das Turbo-Abi nach acht Jahren nie in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei. Es sei gut, dass Niedersachsen die Konsequenzen daraus gezogen habe, dass Dreiviertel der Bürger neun Jahre Gymnasium für richtig hielten, betonte Meidinger.

hannoverzeitung.net, 20.02.2014

"Da ist nun eine Dynamik entstanden, die sich selbst verstärkt", sagt der Chef des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger. "Das achtjährige Gymnasium ist nicht mehr zu retten, die Akzeptanz sinkt weiter."

welt.de, 23.02.2014

WB: Hat das Schul-Niveau unter G8 etwa gelitten?
Josef Kraus: Lassen Sie es mich so sagen: Mit G8 sollte die Unzufriedenheit der Bürger mit den Schulsystemen gesenkt werden. Deshalb sind die Anforderungen an die Schüler grundsätzlich gesenkt worden.

Auszug wochenblatt.de, 20.02.2014

Schüler applaudierten bei Kritik an Turbo-Abi und Vereinheitlichung der Schulformen

Auszug derwesten.de, 03.05.2014

G9 in NRW / Gegen Dreiviertelmehrheiten Politik zu machen, ist aber riskant, besonders in der Schulpolitik. Mit der lassen sich Wahlen schwer gewinnen, aber leicht verlieren.

Auszug Rheinische Post, 02.05.2014

Aber wie Schulsenator Ties Rabe wenden sich auch die anderen Fraktionen gegen eine neue Strukturreform, die viel Unruhe bringen würde. Und vor allem: Die längere Schulzeit gilt als Wettbewerbsvorteil der Stadtteilschulen, die durch leistungsbewusste Schüler gestärkt werden sollen. Gäbe es auch an Gymnasien wieder G9, würde man die Stadtteilschulen aber schwächen.

Auszug Hamburger Abendblatt, 14.12.2013

Niedersachsens Ministerpräsident Stefan Weil (SPD) / Im verkürz

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