Peter Friedrich: Aus mit 80-Stunden-Wochen

Irgendwann lässt der Schmerz mal nach", sagt Peter Friedrich. Abgeklärt klingt das nicht, denn es folgt sofort der Zusatz: "Aber der Frust ist nach wie vor groß."

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Gleich drei Amtssitze hatte der Bundesrats- und Europaminister in den letzten fünf Jahren - im Staatsministerium und in den beiden Landesvertretungen in Berlin und Brüssel. Zumindest auf einen Sitz im Landtag hatte der Konstanzer Sozialdemokrat, der 2011 aus dem Bundestag nach Stuttgart gekommen war, hoffen dürfen. Doch Fehlanzeige.

"Ich glaube, ich habe Gutes getan, nicht nur für den Wahlkreis", sagt der 43-Jährige selbstbewusst. "Auch was Nahbarkeit, Bodenständigkeit, Gesprächsfähigkeit, inhaltliche Kompetenz angeht war mir die politische Konkurrenz, glaube ich, nicht überlegen - aber offensichtlich hat das überhaupt keine Rolle gespielt." Symptomatisch ist für ihn ein Erlebnis kurz vor der Wahl. Aufmunternd hatte ihm ein Nachbar zugerufen: "Toi, toi, toi Herr Friedrich, Herrn Kretschmann hab' ich schon gewählt." Im konkreten Fall wohl die grüne Newcomerin Nese Erikli, die mehr als dreimal so viele Stimmen wie Friedrich holte.

Es ist dieses Nichtverstehen, das Friedrich umtreibt. Die naheliegende Annahme, die Wählerstimme gibt es als Quittung für Geleistetes (das Friedrich niemand abspricht), hat sich als falsch erwiesen. Er sieht sich als Beweis dafür, dass es mit der Unmittelbarkeit des Persönlichkeitswahlrechts soweit nicht her ist. Einem Zwei-Stimmen-Wahlrecht könnte Friedrich mehr denn je etwas abgewinnen. Immer wieder sei ihm im Wahlkampf versichert worden: "Ich wähle Grün-Rot" - mit einer Stimme! "Aber", fügt er sofort an, "es kommt schlecht, wenn der Wahlverlierer das Wahlrecht ändern möchte".

"Maschinist der Macht" wurde der gelernte Diplomverwaltungswissenschaftler in der Koalition genannt. Nicht ohne Grund. Als Roter im grüngeführten Staatsministerium, als Bundesratsminister einer zunächst exotisch anmutenden Landesregierung hatte Friedrich eine Scharnierfunktion inne. Dass das Zusammenspiel in der Koalition insgesamt so gut klappte ("für die SPD sogar zu gut"), schreibt er auch sich gut. Auf der Habenseite verbucht der Minister, der nächste Woche nochmal im Bundesrat ist, vor allem, "dass Baden-Württemberg im Bund und in Europa mehr mitzureden hatte als zuvor, jedenfalls seit Erwin Teufels Zeiten".

Und jetzt? Friedrich spricht von "erzwungener Auszeit", die nach den 80-Stunden-Wochen ("ich habe keine zwei Nächte hintereinander im selben Bett geschlafen und das nicht aus liederlichen Gründen") erst einmal mit vielem gefüllt werde, was bislang zu kurz kam, die Familie vornedran. Es gebe Optionen. Ein "Spurwechsel" könnte interessant sein. Oder doch wieder die Politik? SPD-Landesvorsitzender? Bundestagsabgeordneter? Peter Friedrich lächelt und schweigt.

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