Pendler vom ersten Feinstaub-Alarm in Stuttgart unbeeindruckt

Der erste Feinstaub-Alarm in Stuttgart ist am Freitag nach fünf Tagen zu Ende gegangen. Er gilt als Flop: Nur drei Prozent weniger Autos wurden im Kessel gezählt. Die Behörden sehen aber auch Erfolge.

|

Als am Dienstagabend der öffentliche Nahverkehr in Stuttgart für Stunden zum Erliegen kommt, sind Häme und Spott programmiert. Das Chaos ist zwar höherer Gewalt geschuldet - eine Fliegerbombe muss entschärft werden. Doch all jene, die der Idee vom Feinstaub-Alarm und dem (freiwilligen) Verzicht aufs Auto schon vorher nichts abgewinnen konnten, fühlen sich jetzt bestätigt. "Und da denkt noch wirklich jemand, man steigt wegen des Feinstaub-Alarms auf die Bahn um", lautet einer der Kommentare im Netz.

Ein Satz, der offenbar vielen aus der Seele spricht. Zumindest hat das Gros der Autofahrer sein Verhalten während des fünftägigen Feinstaub-Alarms nicht geändert. Die Aktion, die bundesweit als einmalig gilt, ist am Freitag auf Samstag um Mitternacht zu Ende gegangen. Grund war angekündigter Regen, der den Feinstaub erfahrungsgemäß aus der Luft spült. Zuvor hatte eine anhaltende austauscharme Wetterlage, wie sie vor allem im Winter häufig vorkommt, dafür gesorgt, dass die Schadstoffe nicht aus dem Talkessel entweichen konnten. Pendler in der ganzen Metropolregion waren aufgerufen, ihre Wagen stehenzulassen. Auch Komfort-Kamine sollten ruhen, um die Werte nicht noch mehr in die Höhe zu treiben.

Einige tausend Tickets für Busse und Bahnen mehr als sonst wurden in diesen fünf Tagen zwar verkauft. Nach Angaben der Integrierten Verkehrsleitzentrale wurden nach ersten Prognosen in der Alarm-Phase jedoch gerade mal drei Prozent weniger Autos in Stuttgart gezählt. Parallel dazu kletterten die Feinstaub-Werte an der Messstelle Neckartor in astronomische Höhen von bis zu 140 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft - erlaubt sind laut EU nur bis zu 50 Mikrogramm an nicht mehr als 35 Tagen im Jahr.

Das Verkehrsministerium räumt nun ein: Obwohl die detaillierte Auswertung der Aktion noch ausstehe, sei schon jetzt klar, dass "bei Weitem" nicht genügend Leute vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel umgestiegen seien. Aus einigen tausend müssten einige zehntausend Umsteiger werden, um die Schadstoffkonzentration zu mildern. Als Erfolg verbuchen Verkehrsminister Winfried Hermann und OB Fritz Kuhn (beide Grüne) hingegen, dass das Thema vorher noch nie so breit in der Öffentlichkeit diskutiert worden sei. So liefen die sozialen Netzwerke mit Kommentaren voll, beim Kurznachrichtendienst Twitter hielt sich der Hashtag #feinstaubalarm zeitweise auf Platz zwei der deutschen Top 100. Die Problematik sei stärker ins Bewusstsein gerückt, so Hermann. "Daran wollen wir anknüpfen."

Wer sein Verhalten ändern soll, muss in der Tat erst mal darüber nachdenken, erklärt der Tübinger Psychologe Arnd Engeln, der seit den 90er Jahren zu verkehrspsychologischen Themen forscht. "Der morgendliche Griff zum Autoschlüssel wird nicht reflektiert", sagt der 48-Jährige. Die Berichterstattung und die Appelle auf Verkehrsschildern könnten helfen, das zu ändern.

Im zweiten Schritt müssten dann aber Alternativen zur Verfügung stehen, die Autofahrern attraktiver erschienen. Allein der Hinweis auf die gesundheitsgefährdende Wirkung von Feinstaub und Stickstoffdioxid reiche nicht, um die Masse zu bewegen. Zumal ja abertausende Pendler nicht in Stuttgart lebten, sich nur tagsüber hier aufhielten. Man müsse den Leuten etwas bieten, ihnen aufzeigen, wo für sie der persönliche Nutzen sei, sagt Engeln. Doch genau an dem Punkt hapert's offenbar noch. Zumal die S-Bahn als Rückgrat des ÖPNV in der Region Stuttgart nach wie vor kränkelt, regelmäßig mit Störungen und Unpünktlichkeit kämpft.

Fakt bleibt gleichzeitig: Stadt und Land müssen handeln. Die EU sitzt ihnen im Nacken, weil die Feinstaub-Werte seit Jahren gerissen werden. Sie hat Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet, Millionenstrafen drohen. Weitere Klagen gibt es von Stuttgarter Bürgern und der Deutschen Umwelthilfe. Kritiker fordern sofortige Fahrverbote.

Da zucken Kuhn und Hermann zwar noch zurück. Doch in zwei Jahren soll es so weit sein, sofern die Werte nicht besser werden. Der Feinstaub-Alarm dient ihnen dann freilich auch als Rechtfertigung: "Keiner kann dann sagen, er hätte es nicht gewusst", sagt ein Sprecher des Verkehrsministeriums. Notfalls schafft der nächste Alarm Abhilfe. Wann der ausgelöst wird, ist allerdings noch unklar. Am Wochenende soll erst mal Ruhe sein.

Kommentieren

Kommentare

23.01.2016 08:33 Uhr

Ich kann ihnen schreiben,

was ich auch schon in der StZ angeregt habe. Der Wasen als Parkplatz, Shuttlebus Verkehr ( HbF - Königstrasse) z.B. oder ab dem Wasen ein Förderband,wie man es von Flugplätzen kennt. Die Idee wurde anscheinend aufgegriffen aber an den Parkgebühren und den zusätzlichen Fahrzeugen wird es scheitern. Meine Reaktion : "Wenn es am Geld scheitert, war es der letzte Tipp für den Gaskessel" .

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Feinstaub-Alarm in Stuttgart

Als erste Stadt in Deutschland kämpft Stuttgart mit einem Feinstaubalarm gegen die hohen Schadstoffwerte. Wird ein solcher Alarm ausgelöst, sollen Bürger auf freiwilliger Basis ihr Auto stehen lassen.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Tödlicher Verkehrsunfall: Person in Fahrzeug verbrannt - Identität des Toten unklar

Am Mittwochabend wurde der Polizei über Notruf mitgeteilt, dass ein brennendes Fahrzeug neben der Landstraße bei Allmersbach steht. weiter lesen