Ortsumgehung Unlingen: Ende einer unendlichen Geschichte

58 Jahre hat Unlingen für eine Ortsumfahrung gekämpft, eine lange Geschichte mit viel politischem Gezänk. Nun wurde das neue Teilstück der B 311 eröffnet.

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    Eines der ersten Autos auf der gestern eröffneten Ortsumfahrung Unlingen. Foto: 
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    Protest bei Göggingen im Kreis Sigmaringen: Der starke Verkehr auf der B 311 nervt nicht nur die Unlinger.  Foto: 
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Die Unlinger Souvenir-Jäger brauchen nicht lange. Noch während die Politiker, die soeben das Band zerschnitten und damit die Ortsumgehung Unlingen offiziell eröffnet haben, die von der Stadtkapelle intonierte deutsche Nationalhymne singen, schneiden sich viele der herbeigeeilten Zuschauer einen Teil des in Schwarz-Rot-Gold gehaltenen Bandes ab. Ganz so, wie sich Fußballfans bei einem Platzsturm ein Stück Rasen sichern, wenn ihr Team einen Titel geholt hat.

Und irgendwie fühlte sich der gestrige Tag für viele Bewohner der 2400-Einwohner-Gemeinde ja auch so an – wie ein Triumph. Seit 1959 hat Unlingen, an der Bundesstraße 311 bei Riedlingen (Kreis Biberach) gelegen, für eine Ortsumgehung gekämpft. Nur ein Jahr kürzer als der FC Schalke 04 auf einen Deutschen Meistertitel im Fußball wartet. 58 Jahre mit vielen Aufs und Abs, mit kleinen Erfolgen und großen Rückschlägen. 58 Jahre, die vielen Bürgern eine Unendlichkeit waren. Selbst denen, die erst seit 20 Jahren im Ort wohnen wie Hans Hörmann. „Das war ja unerträglich, es war wirklich Zeit“, sagt er.

Was der Mann mit den kurzen grauen Haaren meint: Eine S-förmige Passage der B 311, die sich von Ulm aus kommend bergab durch den Ort schlängelt, ihn durchschneidet, eng und verwinkelt. Lkw, die sich nur Zentimeter an Hauswänden vorbeipressen. Und oft genug auch reinkrachten. Hörmann meint die Unfälle, die Schwertransporte, meint den Lärm und die Abgase. Unlingen lächzte danach, den Verkehr aus dem Ort zu verbannen.

Richard Mück (CDU) ist seit 31 Jahren Bürgermeister in Unlingen. „Zu meinem Amtsantritt 1986 hätte ich Haus und Hof gewettet, dass wir die Ortsumgehung binnen zweier Amtszeiten, also 16 Jahren, bekommen“, sagt er gestern. Er wäre heute ein obdachloser Mann. Denn „Unlingen“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie langwierig und zäh Infrastrukturprojekte sein können. Wie Pläne entstehen und in Schubladen verschwinden. Wie Entwürfe von Einwänden blockiert werden und zwischen Ökologie und Ökonomie gerungen wird. Wie aber auch Bundes- gegen Landespolitiker keilen (und andersherum) und am Ende politische Seilschaften Prozesse beschleunigen.

Denn dass das Projekt nach langer Vorgeschichte ab 2012 zügig umgesetzt wurde, liegt vor allem an den engen Banden des Biberacher CDU-Bundestagsabgeordneten Josef Rief mit dem damaligen Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Der kam 2012 auf Einladung Riefs zu einem Ortstermin und bewilligte Geld. Ein Jahr später folgte der Spatenstich. Dem blieb Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) verärgert fern. Er fühlte sich übergangen, er hatte andere Trassen auf der Basis einer Kosten-Nutzen-Rechnung präferiert. Besonders freundlich ist der Empfang für Hermann gestern in Unlingen denn auch nicht, sogar Trillerpfeifen erklingen. Und als Hermann ausführt, er sei gerne gekommen und habe „nie an der Wichtigkeit und Bedeutung der Straße gezweifelt“, gibt es Gelächter. Der Landesverkehrsminister aber lässt sich nicht beirren: „Das war gegenüber den anderen wichtigen Projekten unfair, zumal zu befürchten war, dass dringlichere Maßnahmen dann nicht zum Zuge kommen würden“, sagt er. „Ich mache keine Politik nach Gutsherrenart.“

Bürgermeister Mück verzichtet „an einem der schönsten Tage in meinem Leben“ darauf, zurückzuschießen. Und so steigen kurz vor dem Zerschneiden des obligatorischen Bandes sieben weiße Tauben auf. „Friedenstauben“, wie der Unlinger, dem sie gehören, mit Blick auf 58 bewegte Jahre sagt. Um 12.03 Uhr, mit drei Minuten Verspätung, reckt Bürgermeister Mück den Daumen aus dem Fenster seines Autos  – Kennzeichen: BC B 311 – und befährt als Erster sein „Lebenswerk“. Und was sind schon drei Minuten im Vergleich zu 58 Jahren.

Historie Die ersten Pläne für eine Ortsumgehung Unlingens entstehen 1959. In den 1970ern werden sie ersetzt, da zwischen Ulm im Osten und Freiburg im Westen eine Autobahn gebaut werden soll. Das ist 1979 passé. Also geht es wieder um eine Umfahrung. 16 verschiedene Entwürfe werden angefertigt – zwölf im Donautal, vier am höhergelegenen Hang des Bussen –, einen Beschluss des Planfeststellungsverfahrens aber gibt es erst 2010. Und erst drei Jahre später folgt der Spatenstich. Die Strecke bleibt in der Bauphase im Zeit-, aber nicht im Kostenrahmen: Statt der ursprünglich veranschlagten 14 kostet sie am Ende 22 Millionen Euro.  tk

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