OB Boris Palmer diskutiert mit Architekten über Flüchtlingsunterkünfte

Um alle Flüchtlinge unterbringen zu können, droht Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer auch mit Beschlagnahmung und Bußgeld. Nun diskutierte er mit Architekten über den Bau von Unterkünften.

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Der Tübinger Rathauschef Boris Palmer: Der Bund schafft nichts.  Foto: 

"Der Wohnungsmarkt in Tübingen ist einfach dicht", sagte Boris Palmer beim Bund Deutscher Architekten in Stuttgart am Montagabend. Bereits im vergangenen Jahr hatte er Schlagzeilen mit seinem Vorgehen gemacht, beispielsweise mit seiner Ankündigung der Zwangsbeschlagnahmung und Zwangsvermietung leerstehenden Wohnraums. Ein letztes Mal will er sich nun an die Besitzer solcher Immobilien im Guten wenden, danach droht ein saftiges Bußgeld anhand des Zweckentfremdungsverbots, das in Stuttgart bereits seit Januar gilt. "Eine letztliche Zwangsbelegung ist aber auch nur eine randständige Lösung", sagte Palmer. Zwar baue die Uni-Stadt im Landesvergleich überdurchschnittlich viele Sozialwohnungen, dieses Tempo jedoch noch zu vervielfachen sei unmöglich. Die Prognose: Containerlandschaften.

Doch können nicht gerade Architekten beisteuern? Schließlich sind sie Spezialisten, wenn es um kreative Wohnlösungen geht. "Architekten argumentieren seit Jahrzehnten verstärkt formal und ästhetisch. Der soziale Aspekt ist unter die Räder gekommen", sagt der Stuttgarter Architekt Peter Schlaier. Er plant sowohl gemeinsam mit Studenten als auch in seinem Büro verschiedene Flüchtlingsunterkünfte in Holzbaumodulen. Trotz der geringen zur Verfügung stehenden Flächen versucht er möglichst auch Aufenthaltsflächen einzuplanen.

"Architektur kann Deeskalation fördern", sagt auch Florian Danner, Architekt aus Tübingen. In Absprache mit Palmer hat sein Büro Holzmodule entwickelt. Sie sollen die bislang eingesetzten und mittlerweile nicht mehr lieferbaren Metallcontainer ersetzen. Ökologisch und ökonomisch seien jene ohnehin vernünftiger. Zudem böten sie einen besseren Wohnkomfort und könnten später als Studentenwohnungen oder im sozialen Wohnungsbau genutzt werden.

"Architektur macht es zwar besser, löst das Problem aber nicht", sagte Palmer. Das Problem liegt nach Ansicht des Grünen-Politikers auf Bundes-Ebene: "Es nervt mich, dass der Bund sagt ,Wir schaffen das' - aber selbst nichts schafft." Freiheit und Geld fordert Palmer daher. Geld, um ernsthafte Interessenkonflikte der Städte und Kommunen (etwa durch unmöglich gewordene Investitionen in Bildung, Sportplätze und im Jugendbereich) zu vermeiden.

Ob es um Erdbeben, Hochwasser, Haftungen oder Juchtenkäfer geht: "Alle hängen an ihren Vorschriften", kritisierte Palmer und forderte: "Wir müssen runter vom Vorschriften-Perfektionismus." So könne es schnellere Lösungen geben. Unsinnige und unüberschaubare Vorschriften würden manche Projekte im Keim ersticken - etwa solche, bei denen Flüchtlinge selbst mit anpacken könnten.

Ein weiteres Problem sei, dass Unterkünfte und Bauten als Provisorien errichtet würden. Palmer forderte deshalb längerfristig gültige Genehmigungen. Architekt Schlaier prognostizierte, dass sich das Problem der Erstaufnahme in den städtischen Wohnungsbau verlagern werde: "Es wird sich die Frage stellen, ob die Städte noch verdichtet werden können oder ob grüne Flächen bebaut werden müssen." Architekten sollten sich - auch politisch - stärker einmischen: "Wir sollten das nicht den Fertighaus-Fritzen überlassen, die ihre Finger dort ohnehin schon im Spiel haben."

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