NSU: Aust stellt Zwei-Täter-Theorie in Frage

Normalerweise befragen Journalisten Politiker. Im NSU-Ausschuss war es gestern umgekehrt. Mehrere Publizisten wiesen die Abgeordneten auf offene Spuren hin. Auf das Gremium wartet viel Arbeit.

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Kurios: Der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses Wolfgang Drexler (SPD) beneidete die befragten Journalisten um deren Akteneinsicht.  Foto: 

"Sie haben die Akten schon, wir kriegen sie erst", stellt Wolfgang Drexler, der Vorsitzende des NSU-Ausschusses im Landtag, mitten in der Befragung des Journalisten Thumilan Selvakumaran bedauernd fest. Der Redakteur des "Haller Tagblatts", einer Tochter der SÜDWEST PRESSE, der gerade aus Gerichtsakten zitiert hat, kontert: "Vielleicht hätten Sie den Ausschuss einfach früher einsetzen sollen." Montag, sechste Sitzung des Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschusses. Das Gremium hat diesmal vier Journalisten als Sachverständige geladen, alles ausgewiesene Kenner der Materie: Ex-Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust und den Ko-Autoren des gemeinsamen NSU-Buchs "Heimatschutz", Dirk Laabs, sowie den ARD-Terrorismusexperten Holger Schmidt und eben Thumilan Selvakumaran, Mitautor des Werks "Geheimsache NSU".

Es ist eine ungewöhnliche Konstellation: Abgeordnete befragen Journalisten. Normalerweise läuft es ja umgekehrt.

Es sind am Ende aber die geladenen Publizisten, die den Politikern viele Fragen mitgeben für die weitere Ausschussarbeit. Zum Mord an der Polizistin Michele Kiesewetter auf der Heilbronner Theresienwiese 2007. Zur früheren Mitgliedschaft ihres damaligen Gruppenführers und weiterer Polizisten beim Schwäbisch Haller Ableger des rassistischen Geheimbunds Ku-Klux-Klan; zur Rolle der V-Leute im Umfeld des NSU-Trios.

"Man macht es sich zu einfach, wenn man sagt: Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos waren die Täter und mehr gibt es nicht", stellte Aust die Zwei-Täter-Theorie der Bundesanwaltschaft genauso in Frage wie die These, dass die Polizistin ein "Zufallsopfer" gewesen sei.

Auch Selvakumaran forderte den Ausschuss auf, die Verbindungen von Kiesewetter und ihrer Familie ins rechte Milieu genau zu durchleuchten. Schließlich war der Onkel der Mordopfers in Thüringen bei der Kriminalpolizei tätigt und zog schon 2007 Parallelen zu den vorangegangenen - und erst 2011 dem NSU zugeschriebenen - Morden an neun Migranten.

Dagegen stützte Schmidt die offizielle Auffassung, wonach die NSU-Terroristen die Polizistin und ihren schwer verletzten Kollegen nicht wegen eines "Kennverhältnisses" als Opfer ausgewählt hätten. Viel mehr seien sie aus Tätersicht als Ordnungshüter Vertreter des verhassten Staates gewesen. Angesichts der Tatsache, dass Täter und Opfer aus der gleichen Gegend stammten, so Schmidt, hätte ein Krimi-Autor da "natürlich den Stoff seines Lebens gefunden".

Im Publikum folgt der Autor Wolfgang Schorlau den Ausführungen. Er hat schon im Vorfeld angekündigt, einen Krimi über das Sujet schreiben zu wollen. Auch ihn will der Ausschuss in Kürze als Sachverständigen hören - eine Zuschreibung übrigens, bei der sich zumindest Aust "nicht so wohl fühlt": "Wir sind nichts anderes als recherchierende Journalisten."

Bislang haben die Rechercheure einen erheblichen Wissensvorsprung, von dem die Abgeordneten im spät eingesetzten Ausschuss profitieren wollen - zumal das Gremium noch auf wichtige Akten wartet. Die sachverständigen Journalisten können indes nicht jede Nachfrage der Politiker beantworten. "Dann hätten wir das ja geschrieben", sagt Laabs, Ko-Autor eines 900-Seiten-Werks, an einer Stelle.

Aber sie machen dem Ausschuss Hoffnung, dass er mit seinen gerichtsähnlichen Befugnissen an den Stellen weiterkommen könnte, "wo wir", wie Aust eingesteht, "mit unserem Latein am Ende waren".

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