Nord gegen Süd

Holsteiner Küste oder Schwäbische Alb? Ein Richtungsstreit um die Zukunft der Windkraft entzweit Bundesländer und Experten. Baden-Württemberg pocht darauf, nicht völlig von Importen abhängig zu werden.

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Rotor-Montage an einem Windrad bei Freiamt (Landkreis Emmendingen). Der Windkraft-Ausbau im Südwesten passt nur bedingt zur Strategie der Nordländer, massive Überkapazitäten aufzubauen. Foto: dpa

Es kling wie eine Selbstverständlichkeit: "Wir wollen einen erheblichen Teil der Energie, die wir im Land verbrauchen, auch selbst produzieren", benennt Helmfried Meinel, Ministerialdirektor im baden-württembergischen Umweltministerium, die Strategie der Landesregierung. Doch so banal, wie es klingt, ist es nicht: Sowohl unter Experten als unter den Bundesländern ist ein Richtungsstreit in Sachen Energiewende entbrannt. Es geht um die Frage, wer noch zusätzliche erneuerbare Energie produzieren sollte - und wer besser nicht.

Es ist vor allem die Windkraft, bei der die Interessen der Südländer mit den Norddeutschen kollidieren. Neue Windräder sind der Kern der Strategie, mit der Grün-Rot in Baden-Württemberg die Energiewende schaffen will. Wie kein anderes Bundesland war der Südwesten von Atomkraft abhängig, die noch 2009 mehr als 50 Prozent im Strommix ausmachte (Bundesschnitt 22 Prozent). Ohne den massiven Ausbau der Windkraft sind die grün-roten Ziele für die Zeit nach der Atom-Ära nicht zu schaffen.

Doch andere Bundesländer verfolgen ihre eigenen Pläne. So hat beispielsweise Schleswig-Holstein nicht vor, das eigene Ausbautempo zu bremsen - obwohl es an der Küste bereits jetzt Überkapazitäten gibt. "Geht dorthin, wo der Wind weht: Geht nach Norddeutschland", rief Ministerpräsident Thorsten Albig (SPD) der Branche bei einer Tagung Ende August zu. Dort sei der Windstrom "am effektivsten zu ernten". Albig wehrt sich gegen Bestrebungen von Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU), den Ausbau im Norden zu bremsen. Dabei übersteigt dort allein die Einspeisung aus Windkraft an Land "das Dreifache der maximalen Verbraucherlast in Schleswig-Holstein", wie die Landesregierung in Kiel mitteilt. Deren Strategie geht also nur auf, wenn der Strom nach Süden abtransportiert wird.

"Es geht dabei natürlich auch darum, dass man mit Erneuerbaren Energien Geld verdienen kann", sagt ein Sprecher des Umweltministeriums in Stuttgart. Dort, wo Anlagen gebaut werden, entsteht Wertschöpfung - und dort fließt auch das Geld aus der EEG-Umlage hin, die von manchen Experten schon als "Länderfinanzausgleich für Energie" bezeichnet wird. Vor diesem Hintergrund ist auch das Diktum von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) zu verstehen, Bayerns Energieversorgung solle binnen zehn Jahren "autark" werden.

Doch auch unter Fachleuten gibt es zwei Lager: Manche, etwa die Berliner Stiftung "100 Prozent Erneuerbar", setzen auf eine möglichst in regionalen "Clustern" organisierte Stromversorgung. Der Zwang zum Neubau von Stromtrassen werde so verringert. "Dezentrale Erzeugungsstrukturen erhöhen auch die Akzeptanz bei den Bürgern", sagt Geschäftsführer Rene Mono, da sich die Wertschöpfung gleichmäßiger verteile. Er nennt ein Beispiel: "Was hat Thüringen davon, wenn es die Leitungen akzeptieren muss, die Strom von Mecklenburg-Vorpommern nach Bayern bringen?"

Andere Experten sprechen sich dafür aus, den Strom da zu ernten, wo er am effektivsten und billigsten erzeugt werden kann und ihn dann in die Verbrauchszentren zu leiten. Dafür sind dann aber mehr Investitionen in Übertragungsnetze von Nord nach Süd nötig. Was volkswirtschaftlich wirklich sinnvoller ist, ist aber laut Frank Musiol vom Stuttgarter Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung (ZSW) nicht erforscht. "Ich kenne keine Studie, die die beiden Varianten gegenüber stellt", sagt Musiol.

Im baden-württembergischen Umweltministerium will man den Interessenkonflikt der Länder nicht überbewerten. Dennoch sei Steuerung nötig. "Es geht jetzt bei der Energiewende um die Frage: Wieviel wovon braucht man wo", sagt ein Sprecher von Umweltminister Franz Untersteller (Grüne). "Autarkie" könne für den Südwesten nicht das Ziel sein. "Es bringt aber auch nichts, anderswo Überkapazitäten zu schaffen und zu sagen, damit ist alles erledigt." Zumal die nötigen Übertragungsleitungen von Nord nach Süd noch längst nicht gebaut sind. Die Deutsche Energie-Agentur (Dena) warnte jüngst davor, den Ausbau im Norden ungesteuert fortzuführen. Schon jetzt müssten mangels Netzen rund 130 Gigawattstunden Windsprom pro Jahr "abgeregelt" werden. "Die nicht eingespeiste Kilowattstunde wird ja auch vergütet", sagte Dena-Geschäftsführer Stephan Kohler der Nachrichtenagentur dpa. "Das muss man mal der Bevölkerung erklären, dass sie auch dafür bezahlt, wenn der Strom gar nicht erzeugt wird."

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