Neues Gefängnis in Rottweil soll architektonisch zukunftsweisend werden

Das neue Gefängnis in Rottweil soll zukunftsweisend werden, deshalb wird ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Der Bau soll die Resozialisierung der Insassen fördern - und in die Landschaft passen.

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Noch vor wenigen Jahren galt die neue Justizvollzugsanstalt (JVA) in Offenburg als das Nonplusultra im Gefängnis-Neubau. Heute schlagen Experten die Hände über dem Kopf zusammen und wenden sich mit Grausen ab. Tatsächlich ist die Offenburger JVA ein seelenloses Beton-Konstrukt, das zwar modern ausgestattet ist, aber keine oder höchstens eine abweisende Atmosphäre verströmt. Die Gebäude ragen wie Kasernen riegelartig in die Landschaft. Deren Insassen werden von der Außenwelt durch eine hohe Betonmauer abgeschirmt.

Schön ist anders, und deshalb wollen sich die Rottweiler, in deren Gewann "Esch" in den nächsten Jahren ein Gefängnis gebaut wird, die Offenburger JVA auf keinen Fall als Vorbild nehmen. Bauherr ist ohnehin das Land, doch das fragt die Bürger, wie sie sich die Anstalt vorstellen, zumal die auf ein Gelände gebaut wird, an das Natur- und Landschaftsschutzgebiete angrenzen.

In den Beteiligungs-Workshops für die Bürger war die Architektur der neuen JVA ein großes Thema. Die Frage war und ist noch immer, wie kann ein Zweckbau für 400 Häftlinge mit Unterkünften, Arbeits- und Freizeitbereichen, der Verwaltung sowie der Ver- und Entsorgung und auch noch einer Sicherung nach außen hin architektonisch ansprechend gestaltet werden? Die Frage wird im Frühjahr in Form eines Wettbewerbs an die Architekten Europas weitergegeben.

Einige von ihnen weisen auch darauf hin, dass die Architektur eines Gefängnisses nicht nur etwas mit der Optik zu tun, sondern einen tiefergehenden Aspekt hat. Auf den Internetseiten der Stadt Rottweil zum JVA-Neubau ist eine Zusammenfassung der Diplomarbeit von Carola Geise zu finden. Sie hat über die Architektur von Gefängnissen geschrieben und dafür einige Insassen und auch die Menschen befragt, die in den Gebäuden arbeiten. "Überall begegneten mir dieselbe Illusionslosigkeit und Unzufriedenheit mit den Gegebenheiten". So fasst sie das Ergebnis der Befragung zusammen.

Für sie steht fest, dass die Gestaltung und Ausstattung der Räume, in denen die Häftlinge leben, durchaus Einfluss auf ihr Verhalten haben. Gefangene, die in menschenunwürdigen Unterkünften hausen müssten, würden sich bald auch unwürdig verhalten. "Die Häftlinge verbringen viel Zeit in ihren Zellen und deshalb hat jedes Detail Einfluss auf ihr Verhalten." Deshalb müssten Gebäude und Räume so gestaltet werden, dass sie die Resozialisierung der Insassen fördern: hell, lichtdurchflutet, farbig, mit viel Grün. "Dem kommt das Gebiet, in dem die Anstalt gebaut wird, entgegen." Das Gefängnis dürfe aber auch den Passanten mit hohen Mauern und Stacheldraht keine Angst machen. Vielmehr sollten auch sie durch eine ansprechende Architektur den Eindruck gewinnen, dass die Resozialisierung gelingt.

Es gibt solche Gefängnisse. Josef Hohensinn, der in Österreich ein Architekturbüro betreibt, hat in Rottweil einige seiner Arbeiten vorgestellt: zum Beispiel das 2005 eröffnete Justizzentrum Leoben in der Steiermark. Es gilt als das "schönste Gefängnis" weltweit. Die Idee dazu war, dass Freiheitsentzug nicht gleich Entmündigung bedeuten muss. Auch das Gefängnis in Berlin-Heidering ist ein Beispiel für einen liberalen architektonischen Ansatz.

Der Rottweiler Architekt Alfons Bürk, der die Stadtverwaltung auch in Fragen der JVA berät, ist überzeugt davon, dass "wir eine der modernsten Anstalten in Europa bekommen". Er hofft auf ein zukunftsweisendes Projekt. Möglich werde das, weil sich die Bürger damit auseinandersetzten. Im "Esch" müsse es eine Symbiose aus Natur und Gebäude geben. Die JVA müsse nicht versteckt, sondern in die Landschaft "modelliert" werden.

Ein langer Weg

Bürgerentscheid Nach vielen Jahren des Suchens und Diskutierens hat sich die Landesregierung im Juli vergangenen Jahres dafür entschieden, das dringend notwendige Gefängnis im Gewann "Esch" in Rottweil zu bauen. Damit war der Alternativstandort Meßstetten aus dem Rennen. Am 20. September 2015 entschied sich auch die Mehrheit der Rottweiler in einem Bürgerentscheid für den Standort. Das neue Gefängnis für 400 Häftlinge soll die in die Jahre gekommenen Anstalten in Rottweil, Hechingen, Villingen-Schwenningen, Oberndorf und Waldshut-Tiengen ersetzen. Sie sind in der Ausstattung veraltet und mit ihren geringen Kapazitäten nicht mehr wirtschaftlich.

Bis 2019 fertig Das Justizministerium geht davon aus, dass das neue Gefängnis bis 2019 fertig ist. In diesem Frühjahr wird ein Architektenwettbewerb gestartet. 

 

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