Neue Kultusministerin Eisenmann: "Ich kann Widerspruch ertragen"

Kompetent, Frau und für Urbanität stehend: Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) ist schnell in ihrem Ressort angekommen.

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Aktenstapel zu diversen Bildungsthemen kennt  Susanne Eisenmann schon aus ihrer Bürgermeisterzeit im Stuttgarter Rathaus. Das Thema ist ihr als neue Kultusministerin geblieben, die Dimensionen sind allerdings neu.  Foto: 

Auf dem Schreibtisch türmen sich zwei gut 30 Zentimeter hohe Aktenstapel. „So sieht es aus, wenn man nur einen Tag nicht da ist“, erklärt Baden-Württembergs neue Kultusministerin Susanne Eisenmann fröhlich. Viele Stapel konnte sie seit ihrer Vereidigung am 12. Mai schon abarbeiten, denn die geplante Provence-Reise in den Pfingstferien hat sie natürlich abgeblasen.

Das Ankommen im Ressort ist Eisenmann sichtlich nicht schwer gefallen. Warum auch? Im Gegensatz zu anderen Neulingen in der grün-schwarzen Regierung ist ihr das Aufgabenfeld schließlich bestens aus dem Stuttgarter Rathaus bekannt, wo der Grüne Fritz Kuhn Oberbürgermeister ist: Die letzten elf Jahre war die 51-jährige Christdemokratin (mit 16 trat sie in die Junge Union ein)   Bürgermeisterin für Kultur, Bildung und Sport. Jetzt zeichnet die Ministerin verantwortlich für Kultus, Jugend und Sport.

Da sie auch den entsprechenden Ausschuss beim Städtetag geleitet hat, ging ihr Blick schon bisher über den Horizont der Landeshauptstadt hinaus. Verändert haben sich allerdings die Dimensionen: Statt rund 200 Millionen Euro beträgt der Etat jetzt über zehn Milliarden Euro. Und statt für 2000 trägt Eisenmann jetzt Verantwortung für mehr als 120.000 Mitarbeiter.

„Natürlich habe ich nach wenigen Tagen nicht schon zu allem eine fertige Meinung“, sagt Eisenmann. Sie gilt als durchsetzungsstark, will aber möglichen Befürchtungen vorbeugen, sie könnte zu festgelegt sein. Im Gegenteil. Als „offen und neugierig“ beschreibt  sich die promovierte Germanistin, die eine Zeit als Assistentin an der Universität Stuttgart gearbeitet hatte.   „Ich kann Widerspruch ertragen,  diskutiere sehr gern und bin durchaus in der Lage, meine Meinung zu korrigieren.“ Vorausgesetzt, die Argumente überzeugten: „Dann ist eine Haltung auch erarbeitet.“   Nicht zuletzt in den 14 Jahren als Büroleiterin beim damaligen CDU-Fraktionschef und späteren Ministerpräsidenten Günther Oettinger habe sie diese Arbeitsweise schätzen gelernt.

 Leitlinie jetzt ist der Koalitionsvertrag, dem die CDU,  wie Eisenmann betont, „mit über 90 Prozent zugestimmt hat.“ Mag daran auch partiell Kritik in den eigenen Reihen laut werden: An der Abmachung, dass es  flächendeckend beim G8 bleibt und nur 44 allgemeinbildende Modellgymnasien neun Schuljahre bis zum Abitur anbieten, wird nicht gerüttelt. Dass die CDU sich im Wahlkampf für die Wahlfreiheit der Schulen ausgesprochen hatte, sei der üblichen Polarisierung vor Wahlen geschuldet gewesen. Als „natürliche G9-Partner“ sieht die Ministerin die beruflichen Gymnasien. Die seien nicht zuletzt mit Blick auf die Bedeutung der dualen Ausbildung wichtig.

Bewerten und dann nachsteuern wo nötig, so will die Kultusministerin  ihre Aufgabe annehmen, „aber nicht umkrempeln um des Umkrempelns willen“.  Niemand müsse sich Sorgen machen: „Notgedrungenermaßen“, weil sich die gesellschaftlichen Bedürfnisse verändert hätten, habe es in den letzten Jahren  viele Reformen im Schulbereich gegeben. Doch jetzt sei es nötig, „dass wir auch wieder Ruhe reinbekommen“.

Wenn Susanne Eisenmann sagt, „der Sport liegt mir am Herzen“, dann kann man ihr das abnehmen. Am Wochenende joggt sie eher zwei- als einmal. Handball und Tennis sind ihr vertraut, vor allem sieht man sie bei Sportevents in Hallen und Stadien. Dass sowohl der VfB als auch Kickers abgestiegen sind, schmerzt die gebürtige Stuttgarterin richtig. Doch: „Man wird mich auch bei ihren Spielen sehen.“  Und erste Liga wird in Freiburg geguckt: OB Dieter Salomon hat sie schon eingeladen. Wichtiger aber ist ihr der Hinweis auf die Integrationsfunktion des Sports, die gesellschaftspolitisch ungemein nützliche, ehrenamtliche  Vereinsarbeit.  Und ihre klar ablehnende Haltung zum Doping. Als sie 2007 bei der Rad-WM in Stuttgart dem schmutzigen Sport sehr engagiert den Kampf ansagte, machte sie bundesweit Schlagzeilen.

 Mit der Entscheidung für Susanne Eisenmann als Ministerin hat der CDU-Landeschef, der jetzige Innenminister Thomas Strobl, nicht nur Kompetenz in der Sache gefunden und eine Frau aufgeboten. Sie deckt auch ab, was der stark aufs Ländliche reduzierten Partei nicht erst bei der letzten Wahl weitgehend verloren gegangen ist: Eisenmann steht für Urbanität. Sie hat dank ihrer insgesamt über 20-jährigen kommunalpolitischen Erfahrung in der Landeshauptstadt schon berufsbedingt Antennen für gesellschaftliche Veränderungen, die in Großstädten allemal schneller von statten gehen. „Das hat mich geprägt“, bestätigt sie.

 Persönlich ist sie Teil einer Patchwork-Familie. „Ich habe fünf angeheiratete Kinder, die jetzt zwischen 23 und 33 Jahren sind“, lacht die Ehefrau von Christoph Dahl, Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung. Die drei Jungs und beiden Mädchen erfolgreich „durch alle Tiefen und Höhen“ des Schulbesuchs  gebracht zu haben – auch das sei rückblickend eine nützliche Erfahrung.

Ressort mit vielen Baustellen

Bildungspolitik Die Bildungspolitik war im Wahlkampf ein Zankapfel. In den Koalitionsverhandlungen fanden Grün und Schwarz aber recht schnell zueinander und einigten sich auf Kompromisse. Deren Details auszuarbeiten, ist nun Aufgabe von Kultusministerin Susanne Eisenmann. Der Teufel dürfte im Detail stecken, weitere Konflikte sind nicht ausgeschlossen.

Gemeinschaftsschulen Grün-Schwarz will auch künftig neue Gemeinschaftsschulen zulassen. In Teilen der CDU ist das umstritten, lange hatte die Partei dieses grün-rote Prestigeprojekt bekämpft. Kleiner Trost: Die CDU geht davon aus, dass sich ihre Zahl in Grenzen halten wird, da es schon 299 genehmigte Gemeinschaftsschulen gibt. Für die Einrichtung einer gymnasialen Oberstufe soll es strenge Kriterien geben. In fünf Jahren soll es maximal zehn Gemeinschaftsschulen geben, an denen Schüler Abi machen können.

Realschulen Die Realschulen, die der CDU am Herzen liegen, sollen zukünftig gestärkt werden. Die Werkrealschule soll zudem als Schulart erhalten bleiben. Die Schulen sollen aber einen Verbund mit benachbarten Realschulen bilden können.

Grundschulempfehlung Hier dürfte eine Befriedung einkehren: Die Empfehlung zum Schulwechsel nach der vierten Klasse bleibt unverbindlich, das Wahlrecht der Eltern erhalten. Allerdings ist das Beratungsgespräch verbindlich. Die weiterführende Schule erfährt, welche Empfehlung welches Kind erhalten hat.

Ganztagsschulen Sie bleiben eine Baustelle  – neben den verpflichtenden gebundenen (und gesetzlich geregelten) Ganztagsschulen sollen auch andere Angebote der Kommunen, „Flexibilität“ und Wahlfreiheit der Eltern erhalten werden. Details dazu fehlen, ein „Ganztags-Gipfel“ soll  Abhilfe schaffen. dpa/rom

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