Natur darf wilder werden

Vor zwei Jahren ist der Nationalpark nach jahrelangen Diskussionen an den Start gegangen. Naturschutzminister Alexander Bonde nennt ihn ein "Erfolgsprojekt". Dieses Jahr wird ein Verkehrskonzept erarbeitet.

|
Der Nationalpark Schwarzwald bietet atemberaubende Ausblicke, wie hier vom Schliffkopf bei Baiersbronn. Nach zwei Jahren gilt er bereits als "Erfolgsprojekt". Die kritschen Stimmen sind weitgehend verstummt.  Foto: 

Naturschutzminister Alexander Bonde kann sich in seinem Heimatort Baiersbronn (Kreis Freudenstadt) wieder völlig entspannt bewegen. Das war ihm vor zwei, drei Jahren kaum mehr möglich. Zu groß war die Aufregung in dem bekannten Sterne-Hotels-Ort im Nordschwarzwald über den Plan der Landesregierung, einen Teil des Waldes zum Nationalpark zu machen. Groß waren die Ängste von Hoteliers, Wald- und Sägewerks-Besitzern und von Touristikern, der Nationalpark könnte Einschränkungen mit sich bringen, die sich wirtschaftlich negativ für sie auswirken.

Schon jetzt zeigt sich: das Gegenteil ist der Fall. "Unser junger Nationalpark ist bereits nach zwei Jahren sehr erfolgreich und sehr beliebt", sagte Bonde am Mittwoch am Rande seiner Dreikönigswanderung durch das Schutzgebiet. Fast jeder zehnte Baden-Württemberger sei schon im Nationalpark gewesen, 60 Prozent der Bürger planten einen Besuch. Vorbehalte hätten nur noch sieben Prozent der Bürger des Landes und 14 Prozent der ländlichen Anrainer. Das seien "sehr ermutigende Zahlen", und es sei auch eine tolle Bestätigung für die herausragende Arbeit des Nationalpark-Teams und der gemeinsamen Gremien mit der Region, sagte Bonde. Er wanderte am Mittwoch mit dem Vorsitzenden des Nationalpark-Beirats, Staatsrat a. D. Gerhard Goll, dem Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion, Claus Schmiedel, und der Landesvorsitzenden der Grünen, Thekla Walter, im Tonbachtal auf der Gemarkung der Gemeinde Baiersbronn.

"Hier lässt sich auch gut erleben, wie sich die Kernzonen des Nationalparks entwickeln. Ab hier wird das Tal in den kommenden Jahren deutlich wilder werden", sagte Nationalpark-Leiter Wolfgang Schlund. Die Kernzone des Nationalparks ist der Bereich, in dem die Natur sich selbst überlassen bleibt.

Im Raum Baiersbronn zeigt sich auch deutlich der Sinneswandel der Bevölkerung. Baiersbronn war in der Diskussionsphase ein Zentrum des Widerstandes gegen den Nationalpark. Heute sind etliche frühere Gegner glühende Gestalter des Schutzgebietes. Mit an ihrer Spitze steht Bernd Wanke, Vorsitzender der Teilnehmergemeinschaft Baiersbronn-Tonbach. Er und 15 ehrenamtliche Helfer haben 2014 in 1800 ehrenamtlichen Stunden unter anderem drei vom Verfall bedrohte Waldhütten erhalten. In diesem Jahr soll im Tonbachtal eine neue Rangerstation entstehen. Die Blockhütte soll Anlaufstation für alle Besucher und deren Fragen werden.

Auch ein Verkehrskonzept soll in diesem Jahr erarbeitet werden. In "sehr enger und bewährter Zusammenarbeit mit der ganzen Region" sollen Lösungen für Verkehr, Tourismus und Wegekonzept gefunden werden, sagte Bonde. Erfreuliche Begleiterscheinung sei das große Interesse von Wissenschaftlern und Forschern am Nationalpark. So habe es bereits in den ersten zwei Jahren "sensationelle biologische Funde" gegeben wie die höchst seltene Pilzart "Zitronengelbe Tramete" und die erstmals im Land nachgewiesene Springspinne Sitticus saxicola. Die Arten sind nicht neu in den noch jungen Nationalpark eingewandert, aufgrund der intensiven Forschungen sind sie aber erst jetzt entdeckt worden.

Ein wichtiges Thema im neuen Jahr ist auch der Bau des Besucher- zentrums am Ruhestein. Nach Auskunft von Charly Ebel, dem Leiter des Nationalpark-Bereichs Umweltbildung und Besucherbetreuung, soll im Herbst 2016 mit dem knapp 20 Millionen Euro teuren Bau begonnen werden.

Claus Schmiedel warf noch einen ermutigenden Satz in die Runde: Der Freudenstädter Landrat und Vorsitzende des Nationalparkrats, Klaus Michael Rückert, habe ihn wissen lassen, die Menschen und Gemeinden würden sich den Nationalpark nicht mehr nehmen lassen, egal wie die Landtagswahl ausgehe.

Von anderen Nationalparks akzeptiert

Einer unter 16 Der Nationalpark Schwarzwald ist einer von 16 deutschen Nationalparks. Er liegt im nördlichen Schwarzwald zwischen Baden-Baden und Freudenstadt und ging im Januar 2014 an den Start. Die 10.00 Hektar große Fläche ist nicht ein großes zusammenhängendes Gebiet, sondern besteht aus zwei Teilen. Das Großschutzgebiet ist eingebettet in den 375.00 Hektar großen Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord. Das Projekt Nationalpark ist auf 30 Jahre angelegt. In der Zeit soll die Kernzone, die derzeit 33 Prozent des Gebiets einnimmt, auf 75 Prozent angewachsen sein. Darin wird die Natur sich selbst überlassen.

200 Schulklassen Obwohl der Nationalpark Schwarzwald erst zwei Jahre alt ist, werde er von anderen Nationalparks als vollwertig akzeptiert, sagt Naturschutzminister Alexander Bonde. Manche blickten sogar neidisch auf das umfangreiche pädagogische Angebot. 2015 wurden 800 Veranstaltungen angeboten. Über 200 Schulklassen lernten den Nationalpark mit seiner Flora und Fauna kennen.

Noch mehr Wald soll unberührt bleiben

In ihrer nach eigenen Angaben "bundesweit einmaligen Naturschutzstrategie" verfolgt die grün-rote Landesregierung das Ziel, "den dramatischen Verlust der biologischen Vielfalt bis 2020 zu stoppen und eine positive Entwicklung bis 2050 einzuleiten". Naturschutz- und Forstminister Alexander Bonde hat die Strategie Ende 2014 vorgestellt. Seitdem läuft die Umsetzung. Der zwei Jahre alte Nationalpark Schwarzwald, das gut fünf Jahre alte Biosphärengebiet Schwäbische Alb und auch das kürzlich ausgewiesene Biosphärengebiet Südschwarzwald sind Teile dieser Strategie. Mit ihnen wird vor allem das Ziel verfolgt, bis 2020 zehn Prozent der landeseigenen Wälder aus der Nutzung zu nehmen und sich selbst zu überlassen. Das sind 33.00 Hektar. Aktuell werden fünf Prozent des Staatswaldes nicht bewirtschaftet.

Der Nationalpark Schwarzwald ist ein wichtiger Teil dieser Strategie. Seine Kernzone liefert für das Ziel aktuell einen Prozentpunkt. Doch wenn in 30 Jahren 75 Prozent des Nationalparks Kernzone sein werden, liegt sein Anteil bei zwei Prozentpunkten. Weitere Anteile zum Erreichen des Zieles liefern Bannwälder und Mini-Bannwälder. "Die sind zum Teil schon vorhanden oder werden neu ausgewiesen", sagt Thomas Deines, Sprecher des Landesbetriebs ForstBW. Zähle man alle Mini-Bannwälder des Landes zusammen, seien das 1,15 Prozent des Staatswaldes.

Deines spricht von einem vor Jahrzehnten begonnenen, kontinuierlichen Prozess. Damals sei das Ziel gewesen, zwei Prozent des Staatswaldes unberührt zu lassen. Nun seien es zehn Prozent. "Der Prozess hat erheblich an Dynamik gewonnen." Auch die 90 Prozent des Staatswaldes, die bewirtschaftet werden, dienten nicht allein der Holzwirtschaft. Hier sei das Ziel, den Wald sowohl ökonomisch als auch ökologisch und als Erholungsgebiete zu nutzen.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Gutes Wahlergebnis für die AfD in Wiblingen

In Wiblingen hat die AfD bis zu 25 Prozent bekommen. Ein Großteil vermutlich von den Russlanddeutschen wie die Partei selbst sagt. Warum? weiter lesen