Polizei wetteifert mit der freien Wirtschaft

|
Vorherige Inhalte
  • Situatives Handlungstraining, kurz SHT, bei der Polizeiausbildung in Biberach: Durchsuchung am Boden. 1/3
    Situatives Handlungstraining, kurz SHT, bei der Polizeiausbildung in Biberach: Durchsuchung am Boden. Foto: 
  • 
Guido Mebold (links) leitet den Institutsbereich Ausbildung in Biberach. Günter Hones ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit an der Polizeihochschule. 2/3
    Guido Mebold (links) leitet den Institutsbereich Ausbildung in Biberach. Günter Hones ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit an der Polizeihochschule. Foto: 
  •  SWP Grafik; Quelle: Innenministerium-Landespolizeipräsidium 3/3
    SWP Grafik; Quelle: Innenministerium-Landespolizeipräsidium Foto: 
Nächste Inhalte

Es klingelt an der Tür. Eine Frau öffnet. „Was machen Sie denn hier? Es ist alles in Ordnung. Wir hatten nur einen kleinen Streit“, versucht sie vehement, die beiden Polizeibeamten abzuwimmeln, die gerade per Funk zum Einsatz­ort geschickt wurden. Der Grund: Verdacht auf häusliche Gewalt. Für die Polizisten heißt es jetzt, einen kühlen Kopf bewahren. Das umsetzen, was sie ein paar Minuten vorher besprochen haben. Sie stehen unter Beobachtung – von den Lehrern und Mitschülern, sowie einer Videokamera. Denn es handelt sich noch nicht um einen echten Einsatz. Hier wird für den Ernstfall trainiert.

Das situative Handlungstraining, kurz SHT, ist Teil der Ausbildung an der Hochschule für Polizei im oberschwäbischen Biberach. Dabei sollen die jungen Beamten-Anwärter sich ausprobieren. Hinterher werden falsche und richtige Verhaltensweisen analysiert, um später gut für den Alltag gerüstet zu sein. Dass dieser Alltag kein Zuckerschlecken wird, wissen sie selbst. „In Stress­situationen keinen Fehler zu machen, ist nicht einfach. Das zu meistern, ist eine Herausforderung“, erklärt der 21-jährige Anwärter Cornelius Mayer. Seine Kollegin Jasmin Müller (20) ergänzt: „Als Frau bin ich eigentlich körperlich unterlegen. Da hat man schon Respekt.“ Sie steigt in die Fußstapfen ihres Vaters, der ebenfalls Polizist ist. „Ich wollte nach dem Abitur nicht ins Ausland und nicht studieren, sondern gleich was anfangen. Das duale Konzept gefällt mir.“ Mayer nickt zustimmend. Nachdem er bei der Firma Voith nicht genommen wurde und ihm eine Freundin die Polizei schmackhaft gemacht hatte, bewarb auch er sich. „Ich wollte einen abwechslungsreichen Job, bei dem man nicht den ganzen Tag im Büro sitzt.“

Und so entschieden sich am Ende beide bewusst für die polizeiliche Ausbildung. Zusammen mit vielen anderen. Dennoch fehlt es dem Polizeivollzugsdienst in Baden-Württemberg an Nachwuchs. Aus einer Antwort des Landesinnenministeriums auf eine Anfrage der FDP-Fraktion geht hervor, dass in den kommenden zwei Jahren gut 350 freiwerdende Stellen nicht besetzt werden können. 2017 werden laut Prognose etwa 900 Beamte ausscheiden, 2018 rund 1000. Dagegen werden heuer nur etwa 750 Anwärter eingestellt, nächstes Jahr nur 800.

Erst im Jahr 2019 wird sich laut der Prognosen die Zahl derer, die ausscheiden und derer, die eingestellt werden, wieder ausgleichen. Ab 2020 soll es dann sogar so viele ausgebildete Polizeibeamte geben, dass neue Stellen geschaffen werden können. Bis zum Ende der Legislaturperiode 2021 will die grün-schwarze Landesregierung 900 zusätzliche Stellen im Vollzugsdienst geschaffen haben. Dieser umfasst alle Beschäftigten, die im operativen Bereich tätig sind, also vor allem im Streifendienst oder bei der Kriminalpolizei.

„Um diese zusätzlichen Planstellen mit ausgebildeten Beamten besetzen zu können, wurden die Einstellungszahlen für Polizeianwärter im Rahmen der Einstellungsoffensive zwischenzeitlich massiv erhöht“, heißt es in einer Antwort auf eine Anfrage unserer Zeitung ans Innenministerium. Seit diesem Jahr werden also 1400 Anwärter eingestellt, wobei die Ausbildung im mittleren Dienst zweieinhalb, die für den gehobenen mehr als drei Jahre dauert. Die Knappheit beim Personal kann also nicht ad hoc behoben werden.

„Die Nachfrage ist da. Es sieht gut aus“, blickt Guido Mebold, Leiter des Institutsbereichs Ausbildung an der Hochschule in Biberach, optimistisch in die Zukunft. Die Zahlen für die Einstellung im März seien gut. Eine weitere Grundvoraussetzung sei, dass es menschlich passe. „Die freie Wirtschaft ist unsere größte Konkurrenz“, sagt er. Mithalten könne die Hochschule zwar allemal: freie Unterkunft, nur wenig steuerliche Abzüge vom Netto-Gehalt, ein sicherer Job. Günter Hones, Referent für Öffentlichkeitsarbeit an der Hochschule, ergänzt: „Wir bilden den Allrounder aus, der sich dann spezialisieren kann.“

So ein „Allrounder“ will auch die 24-jährige Amanda Lorenz werden. Sie hat ihren Bürojob als Industriekauffrau bei einem Softwarehersteller gegen den der Polizeianwärterin getauscht. „Ich wollte einfach mehr Kontakt zu Menschen und raus aus dem Alltagstrott“, erklärt die Schwäbisch Gmünderin. Im Fach Abwehrzugriffstechniken (AZT) lernt sie gerade, wie sie jemandem die Handschellen anlegt, ohne sich selbst dabei zu gefährden. „Das erfordert viel Hintergrundwissen – rechtlich, taktisch und psychologisch. Später im Beruf muss das automatisch gehen“, erklärt Lorenz. Die Praxis helfe ihr dabei sehr. Es sei ganz selten, dass jemand auf Übungen dieser Art „keinen Bock“ habe, weiß Dieter Hartmann, Lehrer im Fachbereich Sporteinsatzausbildung.

Gekonnt bringt er den jungen Mann, der sich als Versuchskaninchen für die Übung zur Verfügung gestellt hat, mit wenigen Handgriffen an die Wand. „Jetzt können wir ihn gefahrlos durchsuchen“, erklärt der 58-Jährige seinen Schützlingen. Etwas zaghaft und weniger routiniert trainieren sie den Zugriff in ihren Dreiergruppen. Zum Schluss ist noch die Durchsuchung am Boden dran. Es scheint schmerzhaft, was Hartmann da zeigt. Denn sein Opfer, der junge Mann, liegt mit hochrotem Kopf auf der Matte. Er windet sich. Entkommen unmöglich.

Ausbildungsleiter Mebold sagt eindringlich: „Auch das gehört dazu. Am Ende sind alle extrem stolz auf das, was sie hier lernen und identifizieren sich mit ihrem Beruf.“

Günter Hones wollte eigentlich Lehrer werden, weil er einen Beruf mit Menschen ausüben wollte. Als Lehrer hatte er allerdings keine gute Zeit erwischt und so musste Plan B herhalten: Polizei. „Meine 20 Jahre bei der Kripo waren toll. Immer hat sich etwas verändert, es war sehr vielfältig und nie langweilig.“ Man wisse nie, was auf einen zukomme. Anfangs haderte er mit der Kasernierung, aber das verlor sich im Laufe des Berufslebens.

Guido Mebold hat der Beruf des Polizisten immer gereizt. Der Vater eines Klassenkameraden war bei der Polizei und meinte irgendwann: „Du wärst doch der richtige für uns.“ Also ging er mit 17 zur Polizei, stellte aber erst mit den Jahren fest, dass das tatsächlich der perfekte Beruf für ihn ist. „Ich bin kein Überzeugungstäter. Aber spätestens als ich mit der Polizeikappelle nach Amerika fliegen durfte, wusste ich: bei der Firma bleib‘ ich.“

Bei Interesse an der Polizei-Laufbahn gibt es Informationen zu Bewerbung, Voraussetzungen usw. im Internet unter www.polizei-der-beruf.de. Außerdem soll auch in diesem Jahr wieder eine „Polizei-Challenge“ stattfinden, bei dem Jugendliche bei einem eintägigen „Erlebnispraktikum“ einen Einblick in den Beruf erhalten. Auch auf Berufs- und Bildungsmessen sind die Polizeibehörden regelmäßig vertreten. Einstellungstermine für den mittleren Dienst sind der 1. März und der 1. September, für den gehobenen Dienst ist es der 1. Juli.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Suizid bei Aichelberg nach Straftat im Kreis Ludwigsburg

Ein kreisender Hubschrauber hat am Mittwochabend im oberen Filstal für Aufsehen gesorgt. Hintergrund ist ein Suizid, dem eine Straftat im Kreis Ludwigsburg vorausgegangen war. weiter lesen