Nach dem Hagelsturm: Wie "giftige Gewitterzellen" entstehen

Die Menschen in den Landkreisen Reutlingen und Göppingen kämpfen mit den Folgen des schweren Unwetters vom Sonntag. Wie entstehen Gewitter? Wie Hagel? Und was muss alles zusammenkommen, dass die Eiskörner so groß werden wie Tennisbälle? Der Meteorologe Klaus Riedl vom Deutschen Wetterdienst erklärt.

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    Hier nur noch golfballgroße Hagelkörner, in Salach waren die Geschosse tennisballgroß. Foto: 
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Das Hochwasser ist vorbei, jetzt sind die Sommergewitter dran. Am Sonntag wurde der Südwesten Baden-Württembergs von Unwettern heimgesucht. Besonders schwer erwischt hat es die Albkante. Im Kreis Reutlingen mussten 75 Personen in Folge des Hagelschlags medizinisch versorgt werden. Die Verwüstungen sind zum Teil unbeschreiblich. „Ein Chaos wie im Krieg. So etwas habe ich in 20 Dienstjahren noch nie erlebt“, sagt Metzingens Feuerwehrkommandant Hartmut Holder. „Es ist unvorstellbar, was alles kaputt ist und wie es in der Stadt aussieht.“ Im Metzinger Stadtteil Neugreuth etwa gibt es kaum ein Auto, das nicht beschädigt ist. Auch im Kreis Göppingen sind selbst erfahrene Rettungskräfte noch immer überrascht von der Wucht des Unwetters am Sonntag. Dort wurden 60 Patienten in der Notaufnahme behandelt. Polizeisprecher und Kreisbrandmeister gehen von Schäden in Millionenhöhe aus.

Wie solch starke Unwetter mit Hagelstürmen entstehen und wie groß Hagelkörner werden können, erklärt der Meteorologe Klaus Riedl vom Deutschen Wetterdienst am Stuttgarter Schnarrenberg. Ein Interview.

Wie entsteht Hagel? 
KLAUS RIEDL: Hagel entsteht in einer Gewitterwolke. Die Luft bewegt sich von unten nach oben. Die Wassertröpfchen in der Wolke verschmelzen zu immer größeren Wassertröpfchen. Erst erreicht die Wolke die 0°-Celsius-Grenze und irgendwann wird es dann richtig kalt: Die typischen Temperaturen für eine Gewitterwolke sind -20° Celsius bis -25° Celsius. Die Wassertröpfchen gefrieren, klar. Unterwegs sammeln die festen Partikel immer weiter flüssige Partikel auf - und werden größer. Wenn man Hagelkörner aufschneidet, sehen sie aus wie eine Zwiebel. Sie entstehen aus vielen verschiedenen Schichten - wie eine Zwiebel eben.  

Und wann kommt das Ganze runter?
RIEDL: Die flüssigen Partikel werden von den festen Partikeln im Aufwindkanal der Gewitterwolke weiter aufgesammelt. Irgendwann ist das Eigengewicht der festen Partikel so groß, dass der Aufwind sie nicht mehr tragen kann. Sie fallen runter. 

Wie groß können Hagelkörner werden?
RIEDL: Je kräftiger der Aufwind, desto größer das Hagelkorn. Wir Meteorologen sprechen vom Energievolumen oder vom Energieumsatz. Je mehr Energievolumen eine Gewitterwolke hat, desto größer werden die Hagelkörner. An der Wolkenobergrenze sind die Hagelkörner am größten. Manche Piloten konnten schon kindskopfgroße Eiskörner beobachten. Aber die kommen natürlich nicht in der Größe auf der Erde an - auf dem Weg nach unten halbiert sich die Masse wieder. Ein Teil davon schmilzt. 

Wann müssen wir uns auf das nächste Unwetter einstellen?
RIEDL: Kommendes Wochenende, vermutlich am Samstag. Durch die Kaltfrontpassage ist jetzt kühlere Luft eingeflossen. Am Montag und Dienstag wird die Temperatur bei 20° bis 25° Celsius liegen. Am Mittwoch und Donnerstag steigen die Temperaturen auf über 25° Celsius. Am Donnerstag, spätestens Freitag wird die 30°-Celsius-Marke geknackt werden. Am Samstag werden wir vermutlich wieder die Kombination für eine Gewitterzelle haben. 

Wie lautet die Kombination für eine Gewitterzelle?
RIEDL: Es braucht eine konvektive Wetterlage - eine labile Wetterlage - plus hohe Luftfeuchtigkeit.

Labile Wetterlage?
RIEDL: Fangen wir vorne an. Die stabile Wetterlage bedeutet: mit zunehmenden Höhenmetern nimmt die Lufttemperatur konstant ab. Die Wetterlage ist hingegen labil, wenn die Temperatur rasant abnimmt - also nicht konstant. Für ein Gewitter braucht es ebendiese labile Wetterlage und eine hohe Luftfeuchtigkeit. Das reicht, um explosionsartig giftige Gewitterzellen zu produzieren. 

Aber noch ist der Hagel in der Wolke. Was bringt die Wolke zum Überlaufen?
RIEDL: Der Auslöser für das Gewitter sind letztendlich die Temperaturen. Vergangenes Wochenende waren das immerhin 36° Celsius. Und diese hohen Temperaturen machen aus der Gewitterkombination das Gewitter. 

Warum gibt es Hagel eher im Sommer als im Winter?
RIEDL: Natürlich gibt es auch im Winter labile Wetterlagen. Allerdings haben die kalten Luftmassen im Winter viel weniger Energie als jetzt. Das heißt: Die Aufwinde, die die Wassertröpfchen hochwirbeln, sind viel schwächer. Das kann man keineswegs mit der Energie der Gewitterwolken vom Wochenende vergleichen. Im Winter kommt es eher zu Graupelschauern als zu Hagel.

Warum sind die Baden-Württemberger besonders oft betroffen?
RIEDL: Das liegt an der Topographie - also daran, wie die Geländestruktur einer Region beschaffen ist. Die Albkante war auch am Wochenende wieder massiv betroffen. Von Tübingen über Reutlingen bis nach Aalen konnte man die dunkle Gewitterzelle verfolgen. Die Albkante reckt wie eine Mauer aus dem Gelände heraus. Wenn die Albkante jetzt noch aus Westen oder Südwesten mit Luft angeströmt wird - beispielsweise mit Luft aus der Sahara, wie vergangenes Wochenende - bekommen die Aufwinde einen ordentlichen Schub und zusätzlichen Auftrieb. 
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