Nach 24 Jahren als höchst beliebter Ulmer Oberbürgermeister tritt Ivo Gönner ab

24 Jahre lang war Ivo Gönner Oberbürgermeister von Ulm. Er regierte in der Stadt an der Donau nicht nur in großer Beliebtheit und Popularität, sondern auch mit Erfolg. Ulm geht es nach Krisenjahren bestens.

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    Ivo Gönner: Nach 24 Jahren als OB läutet er am 17. Februar 2016 seine letzte Gemeinderatssitzung ein. Foto: 
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    Vorgänger Ernst Ludwig hängt Ivo Gönner 1992 die Amtskette um. Foto: 
  • Gönner nachdenklich bei einer Demo in der Industrie-Krise. 3/3
    Gönner nachdenklich bei einer Demo in der Industrie-Krise. Foto: 
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Phänomen Ivo Gönner? Der Mann, der jetzt nach 24 Jahren als Ulmer Oberbürgermeister aus dem Amt scheidet, hatte vom ersten Tag an als OB instinktiv erfasst: Nach einem strengen Stadtregiment, das vor ihm Ernst Ludwig (CDU) in der industriellen Krise der 1980er Jahre geführt hatte, bedurfte es einer Klima-Erwärmung zwischen Rathaus und Bürgern. Der neue OB musste sich dazu erst gar nicht verstellen. Die barocke Lebenseinstellung des oberschwäbischen Katholiken Gönner war prädestiniert, das Eis zwischen Rathaus und Bürgern schmelzen zu lassen.

Andererseits strebt Ivo Gönner mit großen Ehrgeiz nach dem, was er gern „der Stadt Bestes“ nennt. Dahinter steckt eine der breiten Öffentlichkeit über alle drei Amtszeiten hinweg verborgen gebliebene Art von eigenwilliger Eitelkeit: Ja, natürlich will er Spuren hinterlassen. Selbstverständlich gibt es Entwicklungen, die er untrennbar mit seinem Namen verbunden sehen will.

Der Oberbürgermeister Gönner startete am 1. März 1992 nicht als Neuling. Er brachte zwölf Jahre Erfahrung als Stadtrat mit auf den Chefsessel einer an die 2300 Mitarbeiter zählenden Verwaltung. Als SPD-Fraktionschef hatte er jahrelang dem inneren kommunalpolitischen Zirkel angehört. Er traf nun an, woran er mitgewirkt hatte: eine Stadt im Strukturwandel. Vorgänger Ludwig war ein harter Knochen gewesen. Nicht anschmiegsam. Beliebt geht anders. Er hatte in der alten Industriestadt Ulm die Krise im Fahrzeugbau scharf analysiert und Notwendigkeiten abgeleitet. Er mutete den Ulmern viel zu. Ludwig setzte ein Stadthaus am Münsterplatz unbeirrt durch, obwohl beim Bürgerentscheid eine Mehrheit gegen Richard Meiers modernen Neubau gestimmt hatte. Aber Quorum verfehlt. Es wird gebaut. Basta.

Gönner agiert vollkommen anders. Auch bei einem Bürgerentscheid über einen Ausbau der Straßenbahn verfehlten die Gegner die notwendige Anzahl an Stimmen, erreichten aber eine knappe Mehrheit. Der OB akzeptierte dieses Votum, um gleichzeitig festzustellen: „Das letzte Wort über die Straßenbahn in Ulm ist damit nicht gesprochen.“ Die weitere Geschichte ist: Die Straßenbahn wird erweitert, aber in verdaubareren Portionen.

Auch Gönner mutet den Bürgern eine Menge zu. Anders als Ludwig aber stimmt er auf Lasten und Belastungen ein, stellt sich Kritikern, versucht, sie einzubinden. Er macht sie nicht mundtot, indem er sie einfach ignoriert. Gönner boxt nicht durch, er moderiert sich durch. Und das in einer Zeit von Bürgerprotesten, in der erst recht seit Stuttgart 21 Wutbürger öffentliche Debatten beherrschen. Gönner hält mit den Mitteln der bürgerlichen Tradition dagegen, mit gelassenen öffentlichen Auftritten. Mit Haltung. Aber eben auch mit Contenance und der Fähigkeit, die vielen Wutbürgern in ihrer ganzen Wut abhanden gekommen ist: zuhören zu können.

Ivo Gönner ringt unablässig um die Attraktivität von Stadt und Standort. Auf allen Ebenen: Ulm als Wohnort, Ulm als Arbeitsplatz, Ulm als Stadt von Kultur, Sport, Freizeit. Ulm auch als internationale Stadt. Eine gedeihliche Entwicklung ohne Förderung des stadtgesellschaftlichen Friedens ist für ihn undenkbar. Das Bemühen darum lässt ihn auf gelassene Art rastlos sein.

Die Liste unter ihm realisierter Projekte ist ellenlang. Sie belegt, welche geschmackliche und interessenbedingte Schnittmenge Gönner vereinigen kann und welche Integrationsleistung sich allein dahinter verbirgt. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) charakterisiert den Ulmer OB so: „Ein leutseliger Mensch, aber weiß Gott kein Grüß-Gott-Onkel. Einer, der genau weiß, was er für Ulm möchte – und dies meist auch bekommt.“ Keine andere Zahl drückt besser aus, wie effektiv Gönner über drei Amtszeiten hinweg um eine attraktivere Stadt gerungen hat: Ulm hat derzeit 130 000 Einwohner, 20 000 mehr als zu Beginn seiner Zeit als OB 1992.

Als Stadtoberhaupt ist Ivo Gönner der klassische Citoyen, ein eigenverantwortlicher Bürger in der Tradition der Aufklärung, geprägt vom Ideal der europäischen Stadt als dem Ort von Freiheit, Zivilisation – und Heimat. Gönner sieht, erst recht als Präsident des Städtetags im Land (2005-2010), keine Alternative zur offenen Gesellschaft, zur offenen Stadt.

Der homo politicus Gönner, nie ein Autokrat, erklärt das Phänomen seiner außergewöhnlichen Beliebtheit, die außergewöhnliche Erfolge ermöglichte, nur zum Teil. Der andere Teil ist die Persönlichkeit. Der Sohn aus konservativem Apothekerhaus im oberschwäbischen Laupheim erlebt die prägende Schulzeit als Jesuitenzögling in St. Blasien. Dort sieht er, dass die Junge Union geduldet, die Jusos aber verboten sind. Der Jesuitenzögling Ivo lässt sich aus Protest erst mal Haare und Schnauzbart wachsen. Es ist nicht primär eine politische Grundüberzeugung, sondern die Empörung über die Ungleichbehandlung, die Gönner an die Politik heranführt. Er organisierte den ersten Schülerstreik im katholischen Internat, womit es mit der Ruhe im beschaulichen Schwarzwald-Städtchen ebenso vorbei war wie mit dem Familienfrieden daheim in Laupheim.

Der Einstieg des Juristen in die Kommunalpolitik erfolgt 1980 mit seiner ersten Wahl in den Gemeinderat. Die Stadtpolitik wird seine Berufung – und mit der Wahl zum Oberbürgermeister Ende 1991 sein Beruf. Allen Lockrufen der Partei, die das politische Ur-Talent Gönner gerne in der Landes- oder Bundespolitik gesehen hätte, widersteht er mit einem stereotypen Satz: „Mein Platz ist in Ulm.“ Ehefrau Susanne Schwarzkopf-Gönner, gelernte Journalistin, hat ihm stets dazu geraten, OB zu bleiben. Sie sagt von sich: „Ich bin alleinerziehende Mutter.“

Diesen Tribut hat die Ehefrau zu zollen, weil ihr Mann ein Arbeitstier ist. Auch wenn er kein Tamtam darum macht, nimmt der Bürger wahr, mit welcher Ernsthaftigkeit da einer im Rathaus amtiert. In 24 Jahren ist er nie unvorbereitet in einer Sitzung ertappt worden. Ein Aktenfresser, bis in die Nacht hinein.

Zum Phänomen Ivo Gönner gehört der ehrliche Umgang mit den eigenen kleinen Schwächen. Gönner raucht, trinkt gern Rotwein, hat nichts gegen einen Grappa. Nicht dass er diese kleinen Laster vor sich hertrüge. Aber er verheimlicht sie auch nicht. Das ist bemerkenswert für eine derart öffentliche Person und in einer immer neurotischeren Gesellschaft, die uns Rauchverbote aufzwingt und uns mit Ernährungsgeboten die Freude am guten Essen nimmt. Gönner zeigt seine Laster – zeigen die doch bloß: Er ist auch da mitten unter uns. Einer von uns.

Zur Person

12 Jahre Stadtrat, 24 Jahre Oberbürgermeister, sechs Jahre Präsident des Städtetags Baden-Württemberg, drei Jahre Vorsitzender des Verbands kommunaler Unternehmen: Nach 36 Jahren verabschiedet sich Ivo Gönner (64) am Wochenende von der kommunalpolitischen Bühne. Am Sonntag (9.30 Uhr) findet im Ulmer Münster ein ökumenischer Gottesdienst statt mit Grußwort des SPD-Chefs Sigmar Gabriel. Danach (11.15 Uhr) ist im Congress Centrum ein Bürgerempfang. Redner auch: Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Finanzminister Nils Schmid.

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Kommentare

25.02.2016 16:40 Uhr

Forcierte Deindustrialisierung

Meine Antwort auf die Frage, was den Erfolg industrieller Arbeit stets begründet, liegt längst unabweisbar auf dem Tisch und muss hier nicht wiederholt werden. Dr. Seitz als ein früherer Kollege von mir präsentierte sie sogar vor dem versammelten Konzern- und Werksmanagement als auch dem Betriebsrat eines der größten Industrieunternehmen weltweit. Im Jahr 2000 gab es dazu eine ausführliche Veröffentlichung in der Form eines Werkstattberichts. Andere ehemalige Kollegen wie Dr. D'Alessio und Prof. Dr. Oberbeck reden davon, dass dadurch auf einer empirisch verhältnismäßig breiten Basis der Nachweis eines Paradigmenwechsels erbracht wurde. Insofern Sie also in der einschlägigen Literatur offenbar nicht bewandert sind, haben Sie keinerlei Anlass, mich gleichsam von oben herab zu behandeln; geschweige denn, den gewonnenen Erkenntnisstand zu relativieren. Zugleich belegen Sie mit Ihrem zweifelsfrei unseriösen Leserkommentar vor aller Augen mehr als eindrücklich, weshalb weite Teile der einst in Ulm ansässigen Industrie inzwischen unwiederbringlich entschwunden sind und die übriggebliebenen Reste sich durch solch ein unsägliches Fehlverhalten auch künftig äußersten Gefahren ausgesetzt sehen.

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25.02.2016 15:31 Uhr

Antwort auf „Vertane Chance”

Viel geschrieben um des Schreibens Willen, aber leider keine Antworten parat!
Setzen, sechs!

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25.02.2016 09:45 Uhr

Vertane Chance

Ob die Bürger in Ulm die richtigen Lehren aus der industriellen Krise zu Beginn der 1980er Jahre zogen, die in der kompletten Schließung des Videocolor-Werks einen ihrer traurigen Höhepunkte fand, hängt nicht davon ab, wer in der Stadt jeweils das Amt des Oberbürgermeisters bekleidet. Solch eine Personifizierung der Verhältnisse verstellt eher den Blick auf die Prozesse des mithin sehr tiefgreifend sich vollziehenden Strukturwandels, die nach wie vor aufzuklären sind. Fraglich daher, weshalb seitdem nicht seriös die eigene Lebens- und Produktionsweise untersucht wurde, die allein den Schlüssel bedeutet, um das Tor in eine prosperierende Zukunft offen zu halten. Insofern hat die dortige Bevölkerung über lange Jahrzehnte hinweg eine wesentliche Chance vertan, die Grundlagen für jedweden Wohlstand zu erkunden, der allen dient.

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