Muckibude fürs Gehirn

Latein oder Französisch - in diesem Halbjahr müssen die Fünftklässler ihre zweite Fremdsprache wählen. Bernd Saur, Vorsitzender des Philologenverbands im Land, hält Latein für alles andere als eine tote Sprache.

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Herr Saur, Latein ist eine tote Sprache - stimmts oder stimmts nicht?

SAUR: Auf den ersten Blick mag es eine tote Sprache sein, es sei denn, man heißt Giovanna Chirri. Das ist die italienische Journalistin, die aufgrund ihrer guten Lateinkenntnisse die Rücktrittserklärung des Papstes als erste exakt übersetzen konnte und ihren Kollegen damit eine Nasenlänge voraus war. Aber im Ernst: Als Muttersprache Europas lebt Latein bis heute fort, auch wenn wir es nicht mehr sprechen.

Inwiefern?

SAUR: Viele Wörter in europäischen, vor allem aber natürlich in den romanischen Sprachen, haben hier ihre Wurzel. Wer Latein kann, erschließt sich andere Sprachen sehr leicht. Und manches ist ja auch noch in geflügelten Wörter präsent. Wir gehen "in medias res" oder verbreiten Weisheiten wie "Non scholae, sed vitae discimus" - Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.

Was ist der größte Vorteil für Schüler, die Latein lernen?

SAUR: Latein ist die Muckibude fürs Gehirn. Die Schüler analysieren, wie Sprache aufgebaut ist, wie sie funktioniert und wenden ihr Wissen beim Übersetzen der Lektüre an. Latein bringt Klarheit in das System der Grammatik. Es fördert das analytische, strukturierte und kombinatorische Denken, das man braucht, um sich mit komplexen Sachverhalten auseinanderzusetzen. Und es trainiert das Gedächtnis und die Ausdauer. Man setzt sich hin, beschäftigt sich mit einem Satz - bis man ihn verstanden hat.

Und dabei kann man manchmal schier verzweifeln.

SAUR: Ja, aber auch das bringt einen weiter, weil man eine gewisse Frustrationstoleranz entwickelt, eine wichtige Eigenschaft, die man heute immer seltener antrifft, was mitunter das Studium deutlich erschweren kann.

Sie meinen, mit Latein studiert es sich leichter, nicht nur, weil man es für manche Studiengänge zwingend braucht?

SAUR: Ja, langjährige Lateinschüler haben im Studium in der Tat oft weniger Schwierigkeiten als ihre Kommilitonen, die diese Sprache nicht gelernt haben. Sie lernen systematischer, zeigen großes Durchhaltevermögen, eine bemerkenswerte Anstrengungsbereitschaft, gute rhetorische Fähigkeiten - und durch die Beschäftigung mit der Historie des Römischen Reiches einen weiten Horizont. Im Übrigen sind ehemalige Lateinschüler auch unter Führungspersönlichkeiten überproportional häufig vertreten.

Welcher Typ Schüler wählt besser Französisch, welcher Latein?

SAUR: Französisch bietet sich ganz sicher für Schüler an, die sehr gerne sprechen und auch keine Probleme mit einer zunächst ungewohnten Aussprache haben. Der in sich gekehrte Schülertyp, der sich gerne in eine Aufgabe hineinvertieft, dürfte mit Latein glücklicher werden. Dazwischen gibt es natürlich viele Nuancen, daher sollten Eltern und Schüler sich im Zweifelsfall von den Fremdsprachenlehrern beraten lassen.

Welche der beiden Sprachen ist schwieriger?

SAUR: Das kann man so nicht beantworten, sie sind beide anspruchsvoll und wichtig. Beide erleichtern den Zugang zu weiteren Sprachen - etwa zum Spanischen oder Italienischen.

Was bringt Latein für die Allgemeinbildung?

SAUR: Letztlich handelt es sich bei Latein um ein Kulturerschließungsfach mit einem hohen Bildungspotenzial. Über den Spracherwerb hinaus wird eine Vielfalt an Wissenswertem vermittelt. Die Schüler beschäftigen sich in ihren Texten mit Geschichte, Politik, Kunst, Literatur, Architektur, Philosophie, was sie meistens auch spannend finden.

Wie viele Gymnasiasten entscheiden sich heute noch für Latein?

SAUR: Etwa ein Viertel bis ein Drittel der Schüler wählt Latein als zweite Fremdsprache, die anderen entscheiden sich für Französisch. Unter den Latein-Schülern finden sich im Übrigen auffallend viele Migrantenkinder, insofern wirkt diese Sprache sogar integrierend, erleichtert den Zugang zur europäischen Kultur.

Die Schulen bauen ihr Bildungsangebot weiter aus. Latein bekommt zunehmend Konkurrenz etwa durch Spanisch. Glauben Sie, dass in 20 Jahren an den Gymnasien noch Latein unterrichtet wird?

SAUR: Ich gehe davon aus, dass schon bald Spanisch in den Gymnasien des Landes flächendeckend als zweite Fremdsprache angeboten wird. Doch das wird die Bedeutung des Lateinischen keinesfalls schmälern können. Selbstverständlich wird diese Sprache noch in 20 Jahren unterrichtet werden. Auch noch so viele Neuerungen werden nicht das Ende des Lateins sein.

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