Leitartikel: Mordfall Maria L.: Das Fanal von Freiburg

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Autorenfoto Foto: Könneke Volkmar  Foto: 

Das Opfer heißt Maria L.: Sie war 19 Jahre alt, studierte in Freiburg Medizin, engagierte sich in einem Verein für Menschen in Afrika. Nun ist sie tot: Vergewaltigt und ermordet mutmaßlich von einem 17-jährigen Flüchtling aus Afghanistan. Es ist nicht nur die Tragik dieser Geschichte, die viele Menschen aufwühlt. Der Fall steht beinahe gleichnishaft für vieles, was in Deutschland seit Monaten im Umgang mit Flüchtlingen diskutiert wird. Sind Hilfsbereitschaft und „Gutmenschentum“ gleich Naivität? Und wo verläuft die Grenze?

Hätte es die deutsche Flüchtlingspolitik und die „Willkommenskultur“ nicht gegeben, Maria L. würde noch leben – die Logik dieses Arguments mag plump sein, einfach widerlegen lässt sie sich nicht. So wird die Geschichte zum Fanal in der Flüchtlingsdebatte, so wie die Silvesternacht von Köln bereits eines war. Ein Fanal ist in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Art Leuchtfeuer. Es macht weithin sichtbar, was viele Menschen ohnehin fühlten, befürchteten, unterstellten: Dass mit den Fremden auch Gefahren ins Land kommen, dass, wer die Grenzen für Kriegsflüchtlinge öffnet, auch potenzielle Diebe, Terroristen, Sextäter importiere. Zur traurigen Realität der Debatte gehört, dass der Fall sofort von Populisten und Hetzern in­strumentalisiert wird und sogar die Eltern des Opfers Häme und Anschuldigungen ertragen müssen.

Doch auch jene, die es richtig finden, dass ein reiches Land Menschen Zuflucht bietet, die vor Krieg und Elend fliehen, lassen Fälle wie in Freiburg oder nun auch in Bochum nicht kalt; schließlich geht es auch um eine Art Verrat, um Undankbarkeit, enttäuschte Hoffnung. Auch in den Kommunen und auf dem Arbeitsmarkt ist teils Ernüchterung zu spüren. Es ist, als arbeite sich die Gesellschaft noch immer an der Stimmung von vor über einem Jahr ab, als eine beispiellose Welle der Solidarität das Land erfasst hatte. Kritische oder warnende Stimmen wurden damals ungern gehört. Doch es ist eben so, wie es der Tübinger OB Boris Palmer formuliert: Flüchtlinge sind keine besseren Menschen, sie sind einfach nur Menschen. Dass unter einer Million auch einige Straftäter, ja Terroristen oder Mörder sind, dürfte nicht überraschen. Warum fühlt es sich trotzdem so an?

Freiburg lehrt uns, dass Hilfsbereitschaft stets mit dem Risiko behaftet ist, missbraucht zu werden. Es ist schwer, das offen auszusprechen, wenn es um politische Entscheidungen geht: Aber auch gute Taten können einen Preis fordern.

Doch sind sie deshalb falsch? Die Frage ist, was die Alternative wäre angesichts von Krieg und Verfolgung in Syrien, dem Irak und Teilen der Erde. Wenn unter einer Million Flüchtlinge 1000 Verbrecher sein könnten, nimmt man dann keinen einzigen auf? Und sieht man dann gleichmütig weiter zu, wie Menschen ermordet werden und ertrinken? Soll wegen des Risikos, dass einige die Chance auf ein neues Leben nicht nutzen, niemand mehr eine bekommen? Eine solche Haltung, wie sie viele Flüchtlingsgegner an den Tag legen, ist konsequent, aber zynisch. Und sie hat einen Preis: den Verlust von Humanität.

leitartikel@swp.de

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Kommentare

13.12.2016 15:40 Uhr

Nicht den Hauch einer Ahnung

Wären unter den "Flüchtlingen", die 2015 ins Land gekommen sind - es waren nicht eine Million, sondern, nach offizieller Zählweise "nur" 890 000 - wirklich nicht mehr als "1000 Verbrecher" gewesen - wo wäre das Problem? Tatsächlich waren es aber 114 238 Verbrecher, wenn man denn die tatverdächtigen Zuwanderer laut Polizeilicher Kriminalstatistik 2015 als solche bezeichnen möchte.

Ein Journalist, der vor dem Hintergrund dieser Fakten von "1000 Verbrechern" fantasiert, beweist nur eines: Er hat von der Dimension des Themas, über das er sich zu kommentieren anmaßt, noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung..

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