Mit Robotern verstrahlten Müll aufspüren

Bis 2025 müssen in Europa 50 Atomkraftwerke abgebaut werden. Das Know-How dafür wird in einem Forschungsprojekt in Karlsruhe gebündelt. 

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Es ist ein europaweit einzigartiges Netzwerk unter Beteiligung von drei Ländern: Das Projekt „Rückbau kerntechnischer Anlagen“ bündelt sein Wissen im Karlsruher Institut für Technologie (KIT). In Deutschland will die Bundesregierung einen Ausstieg bis 2022: Neun Atomkraftwerke sind betroffen, darunter Neckarwestheim und Philippsburg. Europaweit sollen 50 Atomkraftwerke bis 2025 vom Netz gehen. Dazu kommen abgeschaltete Werke, etwa in Belgien, England und Russland, bei denen das Abwrackproblem ungelöst ist.

„Den radioaktiven Abfall möglichst gering halten“, nennt Walter Tromm als ein wichtiges Ziel. Er ist beim KIT unter anderem für Sicherheitsforschung für Kernreaktoren und Notfallmaßnahmen zuständig. Einwickelt wurde für die Müllvermeidung das Robotersystem MAFRO (Manipulatorgestütztes Freimessen von Oberflächen). Kontaminierte Betonschichten kratzt der Roboter ab, misst danach die Werte und fräst erneut, wenn die Strahlenbelastung des Rests noch zu hoch ist. Durch die Kratztechnik werde der strahlende Müllanteil reduziert.

Mit diesem ersten Schritt ist zudem gewährleistet, dass weniger Abfall im Endlager landet. „Das Endlager ist unser zweites großes Anliegen“, sagt Tromm. Denn die dort eingelagerten Brennstäbe werden über 100 000 Jahre radioaktiv sein. An noch besseren Behälter-Materialien werde gearbeitet, um die Abschirmung zu erhöhen. Eingebunden sind zudem Überlegungen, wie man die Behälter wirkungsvoller vor Erbeben schützen kann.

Allein im Themenfeld nukleare Sicherheit arbeiten in Karlsruhe rund 80 Wissenschaftler mit. Außerdem ist die Meinung der Bevölkerung wichtig. „Wir haben mit Bürgermeistern gesprochen, etwa aus Obrigheim, und mit ganz normalen Leuten aus dem Ort wie einem Bäcker“, berichtet Tromm. In Obrigheim ist der Reaktor abgeschaltet, abgebrannte Brennstäbe sollten auf dem Gelände gelagert werden. Vor Ort herrscht aber Einigkeit, dass die Brennstäbe möglichst rasch verschwinden sollten. Doch „die Allgemeinheit ist gegen eine zentrale Endlagerung“, sagt Tromm.

Einfließen wird zudem, was die Wissenschaftler aus der Tschernobyl-Katastrophe gelernt haben. „In Russland wussten die Behörden nicht, wie stark die Strahlung ist und wie sie sich auf die Umgebung auswirkt“, sagt Tromm. Deshalb wurde ein Mess-System erdacht, in dem Voraussagen integriert sind. Als Beispiel nennt der Ingenieur einen potenziellen Unfall in Philippsburg: „Mit unserem System könnten wir die radioaktiven Faktoren aufzeichnen und würden die Windbewegungen erfassen, so dass wir sagen könnten, wann Strahlung in Heilbronn oder Heidelberg eintrifft.“

Neben dem Know-how, das in Karlsruhe zusammenfließt, geht es auch um den Nachwuchs. Bei der dortigen DHBW (Duale Hochschule Baden-Württemberg) werden Ingenieure ausgebildet, die sich mit Sicherheitsfragen von Reaktoren und Strahlenschutz beschäftigen. Seit 2008 gibt es beim KIT eine eigene Professur für den Rückbau kerntechnischer Anlagen. Auch die Universität Stuttgart mit ihrem Institut für Kern- und Energietechnik und die Materialprüfungsanstalt Stuttgart sind angeschlossen. Aus der Schweiz arbeitet das Paul Scherrer Institut mit, außerdem ist ein belgisches Institut der Europäischen Kommission beteiligt. Gestartet ist das Netzwerk dieses Jahr – Tromm rechnet mit einer Laufzeit des Projekts von rund 20 Jahren.

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