Mit der Fräse durch den Berg

Nur an Weihnachten machen die Mineure Pause. Ansonsten arbeiten die Bergleute im Reutlinger Scheibengipfeltunnel die ganze Woche, Tag und Nacht, rund um die Uhr. Ein schwerer Job für ganz harte Männer.

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Der Lärm ist ohrenbetäubend. Mit der Druckluftlanze bläst Karsten Mengewein loses Material von der Sohle. Das zischt gewaltig. Der Mineur bereitet den Boden fürs Betonieren vor. Ein Kollege transportiert die eisernen Matten für die Armierung. Der Betonmischer wartet bereits.

Strahler erleuchten die Szenerie direkt vor der Ortsbrust. Damit meinen Bergleute die Stirnwand, die sie wegbrechen. Ein dickes Rohr, die so genannte Lutte, bläst frische Luft in den Tunnel. "Das ist das Gefährliche", sagt Kurt Freitl, "du arbeitest und schwitzt, und das ständig in der Zugluft." Deswegen sei erst kürzlich einer der Kollegen ausgefallen. Erkältung.

Sie müssen einiges aushalten, die Männer im Berg. Seit einigen Wochen bohren sie unter Tage den Scheibengipfeltunnel in Reutlingen. Diese Röhre wird ab 2016 den Überlandverkehr um die Stadt herum führen. Der Tunnel ist nach dem Höhenrücken am Hang des Reutlinger Hausbergs Achalm benannt.

Bereits im Juni haben die Bauarbeiten an den Tunnelportalen in offener Bauweise begonnen. Die Einschnitte sind mit Verbauwänden gesichert. Vom Nordportal aus begann im November der bergmännische Part. Gleichzeitig bohren die Bergleute einen parallelen Rettungsstollen. Die Mineure werden mit ihren Spezialbaggern 280 000 Kubikmeter Ausbruchmaterial heraustransportieren. Lastwagen fahren den Ausbruch über die B 28 an Metzingen vorbei zum Zwischenlager nach Eningen. "Dadurch vermeiden wir den Transportverkehr durch Ortschaften", sagt Norbert Heinzelmann, der Projektleiter des Regierungspräsidiums Tübingen.

Die Bergleute arbeiten im Dreischichtbetrieb rund um die Uhr und jeweils zehn Tage am Stück. Danach machen sie vier Tage frei. Freitl (56) fährt jedes Mal nach Hause zu seiner Familie, 700 Kilometer in die Steiermark. Er ist ein alter Hase. Seit 38 Jahren arbeitet der gelernte Stahlbauschlosser schon im Tunnelbau.

Freitls Schicht ist bunt gemischt. Sein Kumpel Mengewein kommt aus Sachsen-Anhalt, Peter Korup stammt aus Thüringen. Ihn nennen sie "Schussinger", weil er die Lizenz zum Sprengen hat. Die Zeit außerhalb der Schicht verbringen sie in Containern oberhalb des Nordportals. Man arbeitet zusammen, man isst zusammen, man wohnt zusammen. Korup: "Man ist mehr mit den Kollegen zusammen als mit der Familie." Zuvor hatten sie am Silberberg-Tunnel gebohrt, eine Röhre für die neue ICE-Strecke Erfurt - Ebensfeld.

Lärm, Staub, Dunkelheit: Die Arbeit im Berg ist was für harte Männer. "Man muss immer 100 Prozent geben", sagt Korup. Zwar verfügen die Männer über viel technisches Gerät, mechanische Fräsen und Meißel und den zweiarmigen Bohrwagen. Aber für die Feinarbeit greifen sie schon mal zur Hacke. Und bei alledem heißt es, Gefahren zu erkennen. Sie lauern ständig. Nicht nur beim Sprengen. Auch im Normalbetrieb. Ständig fahren Großfahrzeuge in den Schacht, manchmal rückwärts. Jeder der Bergleute im Scheibengipfeltunnel kennt Geschichten über einen Kumpel, der von solch einem Fahrzeug erdrückt oder überrollt worden ist.

Etwa 50 Meter vor dem Tunnelausgang blinkt an der Decke ein grünes Licht. Der Gassensor. Vor wenigen Wochen hatten Arbeiter Blubbern in Wasserpfützen bemerkt. Methangas, wie sich herausstellte. In so geringen Mengen, dass das Messgerät nicht reagierte. Dennoch stoppte das Regierungspräsidium den Betrieb für ein paar Tage und zog einen Fachbetrieb für Wettertechnik zu Rate.

Momentan arbeiten sich die Kumpel nur mit Meißel und Fräse durch den Opalinuston, ein eher weiches Braunjura-Gestein. Doch später wird Korup auch sein Spezialwissen anbringen. Dann wird gesprengt.

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