Missbrauch von Patientinnen statt Therapie

Verzweifelte Frauen suchten Hilfe bei einem "Energieheiler". Bei der ungewöhnlichen Therapie sollten sie sexuellen Missbrauch ertragen. Das Landgericht Mosbach verhängte deswegen eine Bewährungsstrafe.

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Der Prozess in Mosbach beeindruckte Anhänger des selbsternannten Heilers wenig: Noch im Gericht wollte eine Frau Hilfe gegen Erkältung.  Foto: 

Der "Geist- und Energieheiler" war "die letzte Hoffnung" für Svenja (25). Zwei Jahre rannte sie von einem Arzt zum anderen. Doch kein Doktor konnte sie von Gelenkschmerzen und Schlafstörungen erlösen. Deshalb suchte die jungverheiratete Frau auf Rat der Familie den alternativen Medizinmann im zwei Kilometer entfernten Nachbardorf auf. Der 80-Jährige kam rasch zur Sache. Zu seiner eigenen Befriedigung, wie die Kriminalpolizei erfuhr, massierte er Svenjas Brustwarzen. Damit, behauptete F., sollten "die Chakren aktiviert" werden, womit auch gleich der Kinderwunsch in Erfüllung gehe. Um den "energetischen Durchfluss" zu steigern, fasste der selbst ernannte Heiler in den Slip. Erst gestreichelt, dann mit dem Finger für drei bis fünf Minuten in die Vagina eingedrungen: "Zu jeder guten Therapie gehört ein Orgasmus", soll der Alte behauptet haben.

Derartige Details des sexuellen Missbrauchs unter Ausnutzung eines Behandlungsverhältnisses finden sich in der Anklage, die am Donnerstag von der großen Strafkammer des Landgerichts Mosbach verhandelt wurde. Dem Heiler wurden drei Vergehen zur Last gelegt. Er gestand alle Vorwürfe und bereute seine Taten auch sofort.

Der Angeklagte Albert F. erlernte das Elektrohandwerk, führte auch eine eigene Kunststofffirma; vom Wünschelrutengänger sattelte er um zum "Geist- und Energieheiler". Dabei war er auf eine lukrative Geldquelle gestoßen. 50 Euro verlangte er für eine Sitzung. Er genoss in der Gegend offenbar einen so guten Ruf, dass er sich wenig beeindrucken ließ von der Ermahnung eines Kriminalkommissars. Der Beamte war vorstellig geworden, nachdem bereits im Herbst 2014 die Panikattacken einer 25-Jährigen mit Berührungen im Intimbereich gelindert werden sollten. Doch wenig später hielt es F. für angemessen, die Beziehungsprobleme einer 18-Jährigen mit dem Streicheln der äußeren Schamlippen zu beseitigen. Auch Brustberührungen im 15-Sekunden-Takt gehörten zu dieser Art von Therapie. Die junge Frau ist so stark traumatisiert, dass sie schon Kreislaufbeschwerden bekommt, wenn sie beim Einkaufen nur einen alten Mann sieht. Ans Ausgehen denkt sie gar nicht mehr, sie lebt isoliert.

"Die Opfer leiden unter den Übergriffen so schwer, dass sie therapeutische Hilfe brauchen", betonte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer. Trotz hohen Alters, Geständnis und Bereitschaft zur Zahlung von Schmerzensgeld forderte sie eine Freiheitsstrafe von drei Jahren. Der Verteidiger - er hatte den beiden am schlimmsten betroffenen Frauen vor Weihnachten Schecks über 1500 Euro geschickt - beantragte für seinen Mandanten "einen Lebensabend in Freiheit". Es seien ja "sehr viel schlimmere sexuelle Übergriffe" möglich.

Die Strafkammer unter Vorsitz von Richter Alexander Ganter sah ab von Haft, weil zwei Jahre zur Bewährung "tatangemessen" seien. Zum Urteil gehört nicht nur ein dreijähriges Behandlungsverbot von Frauen, der fromme Katholik muss auch 15.000 Euro an die Flüchtlingshilfe der Jesuiten überweisen.

Der Prozess schmälerte das Ansehen des Heilers kaum. Vor der Urteilsverkündung umringte ihn ein halbes Dutzend Frauen. Einer Zuhörerin legte er die Hände auf die Schultern, um ihre Erkältung zu vertreiben. "Es wirkt", behauptete sie, "ich kann schon besser atmen."

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