Maut als Shopping-Bremse für Schweizer Einkaufstouristen in Konstanz?

Wer am Wochenende in die Konstanzer Innenstadt möchte, braucht viel Geduld: Wegen Schweizer Einkaufstouristen sind die Straßen oft verstopft. Ob die geplante Pkw-Maut daran etwas ändern könnte?

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Markus Fabia weiß genau, warum er in Konstanz einkauft. Die Auswahl sei größer als in seinem Schweizer Heimatort Lengwil, die Entfernung kürzer als nach Zürich oder St. Gallen - und die Preise zum Teil deutlich günstiger, sagt der Familienvater, während er mit seinen drei Kindern Bastelmaterial in einer Konstanzer Drogerie sucht. "Bei einer großen Familie rentiert sich das."

Die Pläne von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) für eine Pkw-Maut auf deutschen Straßen schrecken ihn nicht: "Ich lasse das Auto einfach in Kreuzlingen stehen und gehe zu Fuß über die Grenze." Dobrindts Konzept sieht ab 2016 eine Infrastrukturabgabe für das gesamte deutsche Straßennetz vor. Inländische Fahrzeughalter sollen die Vignette automatisch erhalten, ausländische Fahrer sollen sie an Tankstellen und im Internet kaufen können. Davon erwartet der Minister nach Abzug der Kosten jährliche Einnahmen von 600 Millionen Euro für Straßen-Investitionen.

Fabia und seine Kinder sind an diesem Nachmittag bei weitem nicht die einzigen Schweizer in Konstanz: Auf den Straßen sieht man zahllose eidgenössische Kennzeichen, an allen Ecken hört man den Schweizer Dialekt. Der seit 2011 ungebrochen hohe Frankenkurs lockt zunehmend auch Menschen aus entfernteren Gebieten der Schweiz - zum Teil führen Einkaufstouristen bis zu 100 Kilometer an die deutsche Grenze, heißt es beim Zoll.

Der zunehmende Autoverkehr macht Konstanz aber zu schaffen: Vor allem an den Wochenenden sind Straßen und Parkhäuser voll. Wer in die Stadt möchte, braucht viel Geduld. Im vergangenen Winter sperrte Konstanz mit der Schweizer Nachbarstadt Kreuzlingen sogar eigens einen Grenzübergang für die Autofahrer - in dem angrenzenden Stadtteil hatten an Spitzentagen sogar Rettungskräfte Probleme gehabt, durch den Verkehr zu kommen. Doch auch wenn der eine oder andere Konstanzer bei langen Schlangen an den Kassen mal seinen Unmut äußere - das Miteinander zwischen den Konstanzern und ihren Schweizer Nachbarn sei nach wie vor gut, sagt der Sprecher der Stadt.

Zudem sei das Verhältnis keine Einbahnstraße: "Viele Konstanzer nutzen zum Beispiel das Kulturangebot in der Schweiz." Eine Verkäuferin, die ihren Namen nicht nennen möchte, ist etwas weniger diplomatisch: "Die Konstanzer haben ein zwiegespaltenes Verhältnis zu den Schweizern", sagt sie. "Einerseits nervt es, dass die Stadt so voll ist und der Verkehr so zugenommen hat. Andererseits wissen wir alle, dass sie Geld mitbringen."

Von den kauffreudigen Schweizern profitiert auch der Konstanzer Einzelhandel: Viele Geschäfte in der Stadt haben einen festen Schweizer Kundenstamm. Bei Olaf Suesske, der Möbel, Kleidung und Spielsachen für Kinder verkauft, machen sie sogar 78 Prozent der Kunden aus. Dass eine Maut auf deutscher Seite ihre Einkaufslust bremsen könnte, glaubt er nicht. Viele Kunden kämen mit dem Rad aus Kreuzlingen oder per Zug aus Zürich, Winterthur und Frauenfeld.

Skeptischer bleibt der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Südbaden, Utz Geiselhart. Derzeit könne man rund ein Drittel des Konstanzer Umsatzes auf Schweizer Kunden zurückführen. Eine Maut auf deutschen Straßen wäre durchaus eine "Eintrittshürde, bei der schon der eine oder andere überlegt, ob er das macht", sagt Geiselhart. Nutzen und Ertrag stünden in keinem Verhältnis. "Wir brauchen das politische Prestigeprojekt Pkw-Maut nicht."

Profitable Grenzlage

Pendler und Touristen 4,6 Milliarden Franken haben die Schweizer 2012 in Deutschland ausgegeben - das hat eine Studie des Marktforschungsinstituts GfK ergeben. Ihre Einkaufslust ist ungebrochen: Mehr als 9 Millionen Ausfuhrzettel hat das Hauptzollamt Singen 2013 vor allem an Schweizer ausgestellt - rund 30.000 pro Werktag. Mit den "Grünen Zetteln" können sich Nicht-EU-Bürger ihre auf Einkäufe in Deutschland gezahlte Mehrwertsteuer zurückerstatten lassen. Laut einer Studie des Instituts für Systemisches Management und Public Governance an der Universität St. Gallen profitieren die baden-württembergischen Landkreise an der Grenze auch von Pendlern, die in der Schweiz arbeiten - der Einkommenstransfer betrage jährlich fast eine Milliarde Euro. lsw

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