Mannheim steckt 30 Millionen in seine Vorzeige-Einkaufsmeile

Mannheim steckt 30 Millionen in seine Vorzeige-Einkaufsmeile, die Planken. Seit 1975 Fußgängerzone, ist eine Neugestaltung dringend geboten.

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    Einkaufsmeile mit Straßenbahn: Die Planken in Mannheim. Foto: 
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    Ein charakteristisches Brezelhäuschen auf den Mannheimer Planken. Foto: 
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Es ist ausgerechnet ein Relikt der bayerischen Vergangenheit, das die Mannheimer Fußgängerzone von denen anderer Großstädte unterscheidet und das auch sofort ins Auge fällt: das Brezelhäuschen. Seit Jahrzehnten gehören die Stände zum Inventar der „Planken“, und das wird auch nach der Umgestaltung der Vorzeige-Einkaufsmeile – welche die einzigartigen Quadrate der Stadt in Querrichtung teilt – so bleiben.

„Aber nicht die verratzten Buden“, sagt Stadtplaner Klaus Elliger. Eine Neugestaltung sei in Arbeit und werde diskutiert, fest stehe allerdings die Form: quadratisch.

Was nimmt der Passant wahr?, fragt Elliger, Bäume und die Art der Leuchten eher kaum und schon gar nicht den Bodenbelag. Nicht zu übersehen ist aber die Stadtbahn, die mit sechs Linien durch die Planken fährt oder diese quert. Und ihre Klingel, die allzu unaufmerksame Fußgänger warnt.

„Mannheim hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Chance genutzt, die Stadt autogerecht auszubauen“, sagt Elliger. Dabei aber nicht den Fehler begangen, die Straßenbahn aus der Innenstadt zu verbannen. Das zahlt sich heute aus, „wir müssen nicht, wie Straßburg, Milliarden in den Tram-Ausbau stecken“.

Aber Millionen in die Planken. Die seien, seit 1975 Fußgängerzone, „stadtgestalterisch und funktional“ nicht mehr auf der Höhe der Zeit, rechtfertigt das Rathaus die Kosten von fast 30 Millionen Euro für diesen Kilometer. Dieses Geld, sagt Elliger, wird nicht nur für die 300 000 Mannheimer ausgegeben, sondern für die ganze Metropolregion Rhein-Neckar mit den Großstädten Heidelberg und Ludwigshafen und zwölf Stadt- und Landkreisen in Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz. Zusammen sind das 2,3 Millionen Einwohner.

Historisch nicht ganz korrekt, ist das Gebiet an der Mündung des Neckars in den Rhein eher bekannt als Kurpfalz, womit wir nahtlos bei den Wittelsbachern wären – und den Brezelhäuschen.

Dass Mannheim die Einkaufsstadt für das weite Umland ist, merken auch die Ludwigshafener, die in den 1950er und 1960er Jahren ihre Stadt attraktiver gestalten wollten und den Durchgangsverkehr aus der Innenstadt verbannten. 1964 mahnte die CDU-Fraktion im Gemeinderat der rheinland-pfälzischen Kommune unter Vorsitz des späteren Bundeskanzlers Helmut Kohl eine „zukunftsweisende Planung“ an – mit der Folge, dass die Pfälzer gleich über den Rhein durchfahren und neben anderen die Mannheimer Innenstadt rund um die Planken verstopfen. So werden die Millionen- Ausgaben für die Modernisierung der Fußgängerzone teilweise zurück ins Stadtsäckel fließen, sagt Stadtdirektor Elliger.Die Vorarbeiten haben begonnen, strittig zwischen der Kommunalpolitik und dem Einzelhandel und der Gastronomie sind freilich Details wie Schaukästen oder Mobiliar.

Gerungen wird etwa auch noch um die Art der Pflastersteine und deren Reaktion auf Kaugummis. Bis zum Beginn des Umbaus im kommenden Frühjahr, ist Elliger sicher, werden auch diese Fragen beantwortet sein. Abgeschlossen sein wird die Umgestaltung Anfang 2019.

Welche badische Großstadt ist die größte? Dieser Streit wird in den nächsten Jahren zugunsten der nördlichen Konkurrentin entschieden werden, sagt Elliger. Mannheim wächst weiter durch die Umwandlung ehemaliger Militärareale in Wohnbereiche, in Karlsruhe sei die Konversion seit Mitte der 1970er Jahre abgeschlossen, die Metropole am Mittleren Oberrhein stagniere bei der Einwohnerentwicklung, so der Stadtplaner.

Die Mannheimer Tram kann mitwachsen. Die neue, so genannte Stadtbahn Nord, soll eine Million zusätzlicher Fahrgäste pro Jahr befördern und die Bewohner entlegenerer Teile besser an die Innenstadt anbinden. Auch von dort verlagern sich die Einkaufsmöglichkeiten zunehmend in die City. Wikipedia zählt die Planken zu den deutschen „Top-Lagen in Städten mit Einwohnerzahlen um 300 000“.

Verkehrsplaner wollten in den 1960er Jahren an der Straßenbahn festhalten, die Politik setzte auf das Auto, Mannheim erlag nicht, wie andere Großstädte, der Verlockung, eine U-Bahn zu graben und hat deshalb nur eine einzige unterirdische Tram-Station, und die war einer neuen Brücke und ihren Zufahrten über den Rhein in die Pfalz geschuldet.

Die Stadtbahn wird also nach der Neugestaltung weiter durch die Planken fahren, sich die Fußgängerzone mit den Fußgängern teilen – und im Vorbeifahren den Blick auf die dann neuen Brezelhäuschen erlauben.  

Die Planken

Die Bezeichnung Planken kam im 17. Jahrhundert auf, sie leitete sich ab von den Palisaden zwischen der ehemaligen Zitadelle und der Stadt. Diese Befestigung zog sich in Ost-West-Richtung vom Heidelberger Tor zum Rheintor. Die Straße, Grenze zwischen Ober- und Unterstadt, wurde im 18. Jahrhundert zu einer Promenade und zur Bundesgartenschau 1975 als Fußgängerzone angelegt. ch

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