Mannheim geht gegen „Autoposer“ vor

In einer gemeinsamen Aktion gehen die Stadt Mannheim und die Verkehrspolizei gegen „Poser“ vor. Erste Erfolge sind zu vermelden.

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Lärm-Breitseiten fürs geneigte (oder eher genervte) Publikum: In Mannheim zieht die Polizei bei notorischen PS-Angebern nun andere Saiten auf.  Foto: 

Harley Davidson-Motorräder, sagt Polizeidirektor Dieter Schäfer, der Leiter der Mannheimer Verkehrspolizeidirektion, seien serienmäßig auf Krawall gebürstet. Eine Steigerung sei gleichwohl möglich. Der Lärm italienischer Luxussportwagen erreicht nach seinen Worten schon im Stand fast die Schmerzgrenze. Wenn dann deren Fahrer an belebten Plätzen, vor Cafés oder Kneipen zeigen wollten, wie viel PS sie unter der Haube haben, werden die Anwohner der von „Posern“ bevorzugten Strecken „sozialschädlich belästigt“, begründet Erster Bürgermeister und Sicherheitsdezernent Christian Specht die gemeinsame Aktion der Stadt Mannheim und des Polizeipräsidiums.

Der Kampf gegen den Lärm sei nicht einfach, sagt Specht, und rät seinen Kollegen in ähnlicher Lage im Südwesten, kreativ zu sein. Nur mit Blitzern etwa könne man die rücksichtslosen Fahrer nicht stoppen.

„Die Aufenthalts- und Wohnqualität in der Innenstadt darf nicht unter rücksichtslosem Autolärm leiden“, sagte Specht gestern bei der gemeinsamen Pressekonferenz von Stadt und Polizei. Besonders bei schönem Wetter und nach dem Berufsverkehr trete das „sozialschädliche Phänomen“ auf, nicht nur im „verkehrspolitisch exponierten“ Mannheim, sondern etwa auch in Stuttgart und entlang der Schweizer Grenze. Dort nutzen, sagte Schäfer, die Eidgenossen die Gelegenheit, Gas zu geben, welche ihnen die strikte helvetische Gesetzgebung verwehre.

„Wenn die Klappen im Auspuff aufgehen, wird es richtig laut“, sagt Schäfer. So genannte Active Sound Booster erzeugten einen „authentischen Klang“, die Mannheimer Polizei zog einen Audi A 8 Diesel aus dem Verkehr, „der klang wie ein Ferrari“. Dem Fahrer droht die Stilllegung des Autos, weil er sich von Verwarnungen, dass der Lärm nicht hingenommen werde, nicht hat beeindrucken lassen. Bei „ganz Hartnäckigen“, sagt Schäfer, könne auch die Eignung zum Führen von Kraftfahrzeugen überprüft werden, so der Chef der Verkehrspolizei.

Sechzehn, siebzehn Fahrer von Luxusfahrzeugen seien in der Kurpfalz bekannt, die auffallen wollen, sagt Schäfer. Dazu bedürfe es nicht viel, schon im Stand erreichten Ferraris oder Lamborghinis knapp die Schmerzgrenze. Die Mehrheit freilich sei von ganz anderem Schlag, auf der Ringstraße rund um die Mannheimer Quadrate, in der Friedrich-, Kriegsberg- und Theodor-Heuss-Straße in Stuttgart oder anderswo. Die Polizei, sagt Schäfer, sei „nicht rassistisch“, müsse aber feststellen: Typus jung, männlich, mit südosteuropäischem Migrationshintergrund. Es sei gleichwohl eine „kleine Clique“, die der Bevölkerung lautstark und wiederholt zu schaffen mache, manche führen den Beamten bis zu zehn Mal am Tag über den Weg.

In jedem Fall zeige ein Verwarnungsgeld von zehn oder 20 Euro als Sanktion keine Wirkung. „Poser“ verfolgen die Mannheimer Verkehrspolizisten deshalb jetzt ganz gezielt, mit Erfolg: 22 Personenautos und drei Motorräder wurden in den vergangenen zwei Wochen stillgelegt, „alles schön anzuschauende Autos“, und in diesen Fällen schmerzt nicht nur der Verlust des Vehikels, sondern auch der Griff der Obrigkeit in den Geldbeutel. „Für einmal Posing“, sagt Schäfer, würden mindestens 1000 Euro fällig, komme die Gebühr für einen Gutachter und der Rückbau des Auspuffs hinzu, könne sich dieser Betrag verzehnfachen.

Die Stilllegung kann auch dem Schutz des Fahrers selbst dienen. Bei einem BMW mit Spurverbreiterung schabten die Reifen beständig an den Kotflügeln, Schäfer: „Bei 150 auf der Autobahn bleibt da kein Auge trocken.“

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Kommentare

16.08.2016 10:08 Uhr

"Posing" nimmt in Kleinstädten überhand

Selbst in Kleinstädten und nicht nur in Metropolregionen wie Mannheim oder Stuttgart nimmt das Phänomen des "Posing" inzwischen überhand. Als Anwohner einer Straßenkreuzung am Rande von Blaubeurens Altstadt haben wir vor allem an den Wochenenden im Sommer einen mitunter von den zahllosen Motorrädern geradezu infernalisch erzeugten Lärm zu ertragen, die mitten durch den Ort fahren. Neben den Motorrädern fallen die Fahrer von Automobilen entweder mit manipuliertem Auspuff oder mit leistungsstark aufgedrehter Musikanlage auf. Der Schalldruck erreicht dabei jeweils solche Pegel, dass die Gläser in unserem Wohnzimmerschrank klirren. Generell können wir die dreifach verglasten Schallschutzfenster darüber hinaus deshalb tagsüber nicht mehr öffnen, weil sonst die Rückstände von verbranntem Benzin und Diesel des übrigen ohnehin massiv zunehmenden Verkehrs als Abgase in die Wohnung ziehen und in allen Zimmern die Atemluft verpesten würden. Bedenkt man, dass schon vor Jahren eine im Zuge des besagten Fehlverhaltens völlig sinnlose Umgehungsstraße mit Millionenaufwand gebaut wurde, die an sich dazu dienen soll, sozialschädliches Gebaren aus der denkmalgeschützten Altstadt wenigstens zum Teil zu verbannen, lässt sich daran sehr anschaulich ablesen, wie extrem zugespitzt inzwischen die Situation für Menschen ist, die dort leben.

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