Mannheim baut Bunker zu Stadtarchiv um

|
Der „Ochsenpferchbunker“ wird zu einem „Haus der Stadtgeschichte und Erinnerung“ umgebaut. Künftig wird er ein Stadtarchiv beherbergen sowie ein NS-Dokumentationszentrum.  Foto: 

Ein von den Nationalsozialisten gegen Luftangriffe errichteter Bunker wird im kommenden Jahr das Mannheimer Stadtarchiv aufnehmen, das bisher in einem Büroturm in der Innenstadt untergekommen ist, der saniert werden muss. Der Beton bröckelt, „40 Jahre lang ist nichts getan worden, jetzt ist es halt zu spät“, sagt Christoph Popp, Schriftgutverwalter im Stadtarchiv.

Lange sei gesucht worden, schließlich wurden die Archivare fündig. Am nördlichen Neckarufer steht der Hochbunker, der auch klimatisch geeignet ist, Akten und andere Dokumente aufzunehmen. Das künftig „Haus der Stadtgeschichte und Erinnerung“ genannte Bollwerk wurde ins Förderprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ des Bundes aufgenommen, der zu den Kosten des Umbaus – 18,5 Millionen Euro –  6,6 Millionen Euro beisteuert. „Einzigartig in Deutschland“ sei das Projekt, sagte Stadtarchiv-Direktor Ulrich Nieß beim Richtfest. Ungewöhnlich ist auch der Name: Marchivum. Der Umbau soll Ende kommenden Jahres beendet sein, die Eröffnung ist für das Frühjahr 2018 vorgesehen.

Schon im ersten Weltkrieg wurden Bereiche an der Mündung des Neckars in den Rhein von Bombern angegriffen. Luftschutzräume gibt es deshalb allenthalben in Mannheim, unterirdisch in der Innenstadt, als Hochbunker in den Vororten. Der Marktplatz überdeckt einen Schutzraum, einer verbirgt sich beim Nationaltheater, insgesamt sind es 20. Selbst unter dem Vorzeigeobjekt der Stadt, dem Barockschloss, haben die Nazis 1941/42 einen Bunker vergraben und diesen hoffnungsvoll so konzipiert, dass er für den Rest ihres geplanten tausendjährigen Reiches unter anderem als Archiv genutzt werden könnte. Daraus wurde aus den bekannten Gründen nichts, der Platz vor der wahrscheinlich schönsten Universität Deutschlands bleibt den Studierenden und den Touristen vorbehalten.

Zweieinhalb Kilometer entfernt, gleich hinterm Neckar, wird der sechsstöckige „Ochsenpferchbunker“ um zwei Etagen aufgestockt, um vom kommenden Jahr an das Stadtarchiv nebst 20 Kilometer Akten, eine stadtgeschichtliche Ausstellung und ein NS-Dokumentationszentrum aufzunehmen.

Die Großmannssucht der Nazis schlug sich auch im Äußeren nieder: Errichtet wurde nicht einfach ein Betonklotz, sondern ein architektonisch gestaltetes Gebäude mit zwei Türmen, angedeuteten Schießscharten und umlaufenden Simsen. Mit Folgen: „Kulturdenkmale können auch Denkmäler einer Unkultur sein“, schreibt das Stadtarchiv auf der Webseite marchivum-blog.de.

Die Kriegsarchitektur habe nur vorgeblich vorrangig der Zivilbevölkerung gedient, in Wahrheit aber auf kriegswirtschaftliche Effizienz und den Schutz der Industrie und ihrer Arbeiter abgezielt. „Gleichwohl retteten die Bunker tausenden von Menschen das Leben. Dass der lebensrettende Schutz nur durch die Kriegsführung notwendig geworden war, mindert nicht seine historische Bedeutung“, schreibt das Stadtarchiv. Zwei Bombentreffer überstand das Gebäude, ohne Schaden an der Statik zu nehmen.

Die historische Bedeutung des „Ochsenpferchbunkers“ sieht auch das Denkmalamt und hat diesen deshalb unter Schutz gestellt. Nach dem Ende der Nazidiktatur wurden die Räume bis in die 1960er Jahre für Wohnzwecke genutzt, „unter katastrophalen Verhältnissen“, wie Popp berichtet. Fenster einzubauen wäre technisch möglich gewesen, verbot sich aber aus Denkmalschutzgründen. Während des Kalten Krieges wurde der Bunker als Zufluchtsort für die Zivilbevölkerung vorgehalten, „er wurde immer gewartet und gepflegt“.

Drei Stockwerke Aktenlager

Deshalb sei er für den neuen Zweck bestens geeignet. Aber nicht für die Büros der 30 Mitarbeiter, was die Aufstockung um zwei Etagen nötig machte. Dazu kommen Räume für die Aktenverwahrung anderer Kommunen. „Das ist sinnvoller, als wenn in jedem Büro ein paar Leitzordner rumstehen“, sagt Popp.

Papier ist geduldig, aber auch schwer, die Böden müssen geeignet sein, die Last der Stadtgeschichte zu tragen. Der Bunker biete aber alle Voraussetzungen für die künftige Nutzung, sagt Popp. Im Erdgeschoss wird die stadtgeschichtliche Ausstellung unterkommen, darüber das NS-Dokumentationszentrum. Es folgen drei Stockwerke als Aktenlager. Nach dem Umbau wird sich den Besuchern des Lesebereichs und der Vortragsräume wie auch  den Mitarbeitern des Stadtarchivs ein grandioser Blick über den Neckar, die nahen Stadtteile und den Industriehafen bieten.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

SSV Ulm 1846 Fußball: Auf die Stürmer ist Verlass

Trotz der Führung durch Tore von Rathgeber und Braig wird es gegen den VfB Stuttgart noch eng. Aber die Spatzen retten den Sieg ins Ziel. weiter lesen