Lügen für ein neues Leben

Kein Wort von der SS, späterer Eintritt bei der NSDAP, falscher Geburtstag, geänderte Namen - mit Lügen schönten Nazis ihre Biografien. Damit sollte nach 1945 der Start in ein neues Leben erleichtert werden

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Aufgeflogen trotz Fälschung: Bernhard Fischer-Schweder (rechts) versucht, im so genannten Ulmer Einsatzgruppenprozess einen Mitangeklagten zu beruhigen. Seine Tarnung nach dem Krieg hielt immerhin bis 1956. Foto: Simon Resch/Archiv

Für Peter Müller, Leiter des Staatsarchivs in Ludwigsburg, gibt es "ein typisches Delikt für eine bestimmte Zeit der deutschen Geschichte". Damit meint der 52 Jahre alte Historiker die dreiste Fälschung von Meldebögen, die nach Ende des NS-Regimes ausgefüllt werden mussten. Bei den Antworten hielten sich viele Nazis nicht an die Wahrheit, "um möglichst ungeschoren über die politische Säuberung des Entnazifizierungsverfahrens hinwegzukommen", sagte Müller bei einem Vortrag im Rahmen der Archivreihe "Frisch entstaubt".

Mit welchen Tricks die Biografien geschönt wurden, zeigte Müller an exemplarischen Fällen. Die Spruchkammern mussten sich zunächst auf die Angaben verlassen, stand doch jede Lüge unter Strafe. Das "Document Center" der Amerikaner wusste zwar dank der Karteikarten von Mitgliedschaften in NSDAP und SS, aber wo die Männer eingesetzt waren, das war oft nicht bekannt. Sehr problematisch wurde es, wenn sie aus anderen Regionen des untergegangenen Reiches stammten und etwa in Württemberg als Fremde Fuß fassen wollten. "Darauf haben diese Personen gesetzt", glaubt Historiker Müller.

Von den Wissenslücken profitierte auch Victor Capesius aus Siebenbürgen, der sich als unbescholtener Ostflüchtling ausgab. Als Rumäne sei er zur Mitgliedschaft in der Waffen-SS gezwungen worden, behauptete er. In ausführlichen Schreiben schilderte er sein Schicksal, aber mit keiner Silbe erwähnte er, dass er Apotheker im KZ Auschwitz gewesen ist. Dort schickte er selbst Menschen, die ihm persönlich bekannt waren, direkt in die Gaskammern. Capesius soll sich am Zahngold der ermordeten Juden derart bereichert haben, dass er 1950 in Göppingen die Marktapotheke und in Reutlingen einen Schönheitssalon eröffnen konnte.

Als ihm doch noch der Prozess gemacht wurde, erklärte Capesius: "Ich habe keinem Menschen etwas zu Leide getan, war zu allen höflich und hilfsbereit, selektiert habe ich nie." Wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 2000 Menschen wurde der Ex-Sturmbannführer 1965 zu neun Jahren Zuchthaus verurteilt. Als er vorzeitig entlassen wurde, hat er am selben Abend ein Konzert in Göppingen besucht, wo er als ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft mit Beifall begrüßt worden sein soll.

Bernhard Fischer-Schweder hat auf seinen zweiten Namensteil verzichtet und sein Geburtsdatum verändert, "weil er Dreck am Stecken hatte", wie Müller sagte. Damit bekam er die Anstellung als Leiter des Ulmer Flüchtlingsheimes auf der Wilhelmsburg. Er sei "durchgerutscht bei der Entnazifizierung". Dabei war der gebürtige Spandauer schon 1924 der NSDAP beigetreten und als Kommandeur des Einsatzkommandos Tilsit an der Ermordung tausender Juden beteiligt. Als die Manipulationen in seinem Lebenslauf auffielen, schrieb ein Sachbearbeiter mit Rötel auf das Formular "Meldebogenfälscher". 1956 wurde Fischer-Schweder verhaftet, das Schwurgericht Ulm verurteilte ihn 1958 zu zehn Jahren Zuchthaus wegen Beihilfe zu 526 Morden.

Walter Reihle hat sich keine Mühe mit falschen Angaben gemacht. Er ist 1945 einfach verschwunden. Als er 1949 in Ludwigsburg auftauchte, wollte er sich nicht erinnern, wo er gewesen ist: "Ich habe das alles vergessen." Nach Ansicht Müllers war es "nicht ganz verkehrt, sich aus dem Staub zu machen". Denn Reihle war als NSDAP-Mitglied seit 1931 vom kleinen Bankangestellten zum "Gauwirtschaftsberater" aufgestiegen und damit maßgeblich beteiligt an der "Arisierung" jüdischen Eigentums. In Murrhardt galt er als "übel beleumundeter Nazibonze". Reihle wurde zunächst als "Hauptschuldiger" eingestuft, dennoch erhielt er später die Hälfte seiner Rente zugesprochen.

Der Polizist Erwin S. aus Ellwangen hat seinen Eintritt in die NSDAP am 1. Mai 1933 um sechs Jahre zurückdatiert, um seine braune Weste ein bisschen heller erscheinen zu lassen. Der Schwindel flog auf. Eine Weiterbeschäftigung als Polizist blieb ihm bis 1955 verwehrt.

Die Akten, die Peter Müller auswertete, lassen Zweifel am Wahrheitsgehalt der Meldebögen und den daraus abgeleiteten Konsequenzen aufkommen. Das Prozedere der Entnazifizierung stellt der Historiker aber nicht pauschal in Frage, auch wenn es "voller Ungerechtigkeiten, Widersprüche und Fehler" gewesen sei. Immerhin sei es für jeden zur Pflicht geworden, sich vom NS-Regime loszusagen.

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Kommentare

10.12.2012 16:46 Uhr

Entnazifizierung

Wenn ich die Geschehnisse um die NSU ( Mundlos, Böhnhardt, Zschäpe) und des dilettantischen
Versuchs der Aufklärung durch die sogenannten staatlichen Organe beobachte, beschleicht mich der
Verdacht, das in unseren höheren Polizei-und Staatsstellen eine neue "Entnazifizierung" von Nöten
wäre. Der Widerstand im Innenministerium zum Verbotsantrag der NPD bestärkt meinen Verdacht....
Mal schauen, was dabei herauskommt!

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