Lkw-Fahrer Thomas Scheidt hat Europa hinterm Lenkrad erkundet

Verfolgt in Italien, aufgeschlitzt in Frankreich: Thomas Scheidt hat viel als Lkw-Fahrer erlebt. Mehr als zwei Millionen Kilometer hat er auf dem Buckel. <i>Mit Karte: Vom Südwesten in die Welt.</i>

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    Tacho Foto: 
  • Papa Bruno Scheidt ist wie sein Sohn Thomas (rechts) als Lkw-Fahrer durch Europa gekurvt. Das Bild zeigt einen einstigen Lastzug des Vaters: „Der gleiche blaue Mercedes wie in ,Auf Achse‘“, sagt Scheidt Junior. 2/4
    Papa Bruno Scheidt ist wie sein Sohn Thomas (rechts) als Lkw-Fahrer durch Europa gekurvt. Das Bild zeigt einen einstigen Lastzug des Vaters: „Der gleiche blaue Mercedes wie in ,Auf Achse‘“, sagt Scheidt Junior. Foto: 
  • Thomas Scheidts Scania-Lkw hat schon mehr Kilometer runter, als der Tacho anzeigen kann. Unfälle hatte Scheidt auch mit ihm, aber er hat sie überlebt. Der Glücksbringer wirkt. 3/4
    Thomas Scheidts Scania-Lkw hat schon mehr Kilometer runter, als der Tacho anzeigen kann. Unfälle hatte Scheidt auch mit ihm, aber er hat sie überlebt. Der Glücksbringer wirkt. Foto: 
  • Der Anfang einer Fernfahrer-Karriere: Thomas Scheidt im Jahr 1992. Inzwischen hat er mehr als zwei Millionen Kilometer auf dem Buckel. 4/4
    Der Anfang einer Fernfahrer-Karriere: Thomas Scheidt im Jahr 1992. Inzwischen hat er mehr als zwei Millionen Kilometer auf dem Buckel. Foto: 
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Ob es Schicksal war? Thomas Scheidt meisterte gerade die Lehre zum Karosseriebauer, als er sich 1988 den Fußwurzelknochen brach und der Arzt  ihm eine „sitzende Tätigkeit“ nach seiner Ausbildung empfahl. Scheidt musste nicht lange überlegen, welche das sein könnte. Er war in Lkw-Fahrerhäusern groß geworden und hatte eh immer überlegt, wie Franz Meersdonk und Günther Willers in seiner geliebten Fernsehserie „Auf Achse“ durch fremde Länder zu fahren.

Heute ist Scheidt 44. In ganz Westeuropa ist er inzwischen rumgekurvt. Mindestens zwei Millionen Kilometer hat er auf dem Buckel. An diesem Montagabend sitzen er, Mutter Heide und Vater Bruno Scheidt auf zwei Bierbänken neben dem „Eismarie“-Stand der Eltern. Den kennt jeder hier in Karlsruhe-Grötzingen. Bruno Scheidts Großmutter hat das Eisgeschäft 1925 gegründet. Spaziergänger gönnen sich eine Kugel. Die Abendsonne scheint warm.

Scheidt Senior bestand 1974 seine Lkw-Fahrpüfung, kaufte sich den ersten Lastzug und verdiente fortan Geld in jenen Monaten hinzu, in denen Eis wenig nachgefragt wird. Für ein Foto halten Sohn und Vater ein gerahmtes Bild vor die Kamera: „Sein erster Lastzug“, sagt Scheidt Junior. „Der gleiche blaue Mercedes wie in ,Auf Achse‘.“ Der Sohn besitzt alle Folgen der Kultserie, die 1980 erstmals in der ARD lief und bis 1996 produziert wurde. Er und sein Vater könnten sie weiterschreiben. Schon Thomas Scheidts Geschichten reichten aus, um eine neue Staffel zu füllen…

 

 

Folge 1, „Auf nach Spanien“: Thomas Scheidt sitzt neben dem Cousin seines Vaters im Lkw. Ihr Ziel: Valencia. Seit seinem achten Geburtstag ist Scheidt regelmäßig mit seinem Papa in den Schulferien im Lkw mitgefahren, aber soweit weit weg von daheim war er nie. Dies wird die erste richtige Fernfahrt für den 14-Jährigen. Noch in Deutschland leuchtet die Tankanzeige auf. Die Zapfsäulen sind in Sicht, als der Lkw ausgeht. Der Verwandte marschiert zur Tankstelle, aber dort gibt es keine Kanister. Zurück dreht er verzweifelt erneut den Zündschlüssel und tatsächlich, irgendwo findet sich genug Sprit für die letzten Meter. Vollgetankt geht es weiter. Stunde um Stunde, grauer Asphalt, vorbeihuschende Landschaften. Dazwischen kurze Pausen, ein Schwätzchen unter Kollegen. Irgendwann erreichen sie in Frankreich die Grenze zu Spanien. Tausende Lkw bilden auf der alten Grenzstraße eine Schlange. Ihr Fahrzeug steht glücklicherweise weit vorne. Nach ein paar Stunden können sie weiter. In Valencia ist alles wundervoll anders: die Sprache, das Essen, die spanischen Mädchen. Auf dem Rückweg haben sie Zwiebel geladen. Ihr süßlich-scharfer Geruch zieht ins Fahrerhaus und dort bleibt er bis zum Entladen in Deutschland.

„Den Gestank werde ich nie vergessen“, sagt Scheidt auf der Bierbank. „Die Fahrt war trotzdem ein herrliches Abenteuer.“ Andere Erinnerungen sind weniger schön.

Folge 2, „Socken oder leerer Lkw“: Thomas Scheidt hat ein ungutes Gefühl. Seit 1992 ist er als Fernfahrer unterwegs, seit 1995 als selbstständiger Spediteur, aber so mulmig war ihm noch nie. Abends hatten sie Neapel erreicht und sich im Hafengebiet verirrt, nur Prostituierte gesehen, aber keine Zollstelle. Jetzt folgen sie einem Mofa-Fahrer, der sie zu ihrem Ziel leiten will. Scheidts Beifahrer misstraut dem Helfer. Mit einer Eisenstange in der Hand sitzt er schlagbereit da. Scheidt fällt ein Auto im Rückspiegel auf, das erst abbiegt, als sie den Zoll erreichen. Dort erklärt der Mofa-Fahrer, dass der Wagen ihren Lkw verfolgt hätte und sie in der ersten Sackgasse ausgeraubt worden wären. Am Zoll passiert Scheidt einen Straßenhändler. Ein Kollege fragt später, ob er bei dem etwas gekauft hätte. „Nein!?“ – „Mach das, ansonsten ist dein Lkw leer.“ Ob das stimmt? Scheidt geht auf Nummer sicher und kauft ein Paket weiße Socken. Er und sein Beifahrer atmen auf, als sie den US-Militär-Stützpunkt erreichen, an dem sie Nahrungsmittel abladen.

„Die Socken haben jahrelang gehalten“, sagt  Thomas Scheidt schmunzelnd. „Mit Süditalien bin ich aber nie warm geworden.“

Scheidt hat wirklich einiges erlebt in all den Jahren auf Europas Straßen: korrupte Beamte, Diebstähle, ein über den Haufen gefahrener Polizist flog auf der Autobahn direkt an seinem Seitenfenster vorbei. Um Termine einzuhalten, überrollte er öfter seine eigenen Grenzen und fiel in Sekundenschlaf. Zum Glück ist dabei nie Schlimmeres passiert – auch nicht beim Unfall im Januar 2010.

Folge 3, „Aufgeschlitzt“: Panne. Ein Reifen an Bruno Scheidts Lkw ist geplatzt und hat dabei eine Luftleitung gekappt. Jetzt sitzt die Bremse fest. Thomas Scheidt liegt unter dem Lkw auf dem Seitenstreifen einer südfranzösischen Autobahn, um den Schaden zu beheben. Der Vater macht am Fahrzeug des Sohnes das Fernlicht an, damit Thomas besser sehen kann. Da rauscht ein Lkw heran. Er schlitzt Thomas Scheidts Auflieger auf und fährt die offene Fahrertür ab, neben der Bruno Scheidt sitzt. Aus dem fremden Lkw schießen Apfel wie Geschosse aus berstenden Holzkisten umher. Der Sohn erleidet Schnittwunden. Bruno Scheidt kommt mit einem Schrecken davon. „Wäre ich noch draußen gewesen, säße ich heute nicht hier“, sagt er. Nach Polizei und Protokollen machen Vater und Sohn mit Spanngurten bald alles so gut wie möglich wieder fest – auch die Fahrertür. Sie wollen nur noch zurück nach Grötzingen.

Nach dem Unfall hat sich Thomas Scheidt zunehmend auf das Führen seiner Spedition und seiner Fahrer konzentriert. „Jetzt springe ich nur noch auf Deutschland-Touren ein.“  Die Fernfahrerzeit will er nicht missen. Viel habe er dabei gelernt, sagt er, „Selbstständigkeit, auch in extremen Situationen gelassen zu bleiben und offen zu sein für andere Sitten“. Gerade die Spanier haben es ihm mit ihrer „aufgeschlossenen, hilfsbereiten“ Art angetan. Den Respekt, den Lkw-Fahrer etwa in England erfahren, wünschte er sich auch in Deutschland. Das Fahren liebt er weiterhin. In seinem Hobby – Lkw-Geschicklichkeitsfahren – ist er 2014 mit dem Deutschland-Team Weltmeister geworden. Die Touren ins Ausland vermisst er aber nicht. „Die Zeit ist vorbei. Etliche Beziehungen sind deswegen in die Brüche gegangen, meine jetzige soll halten.“ Scheidts Lebensmittelpunkt liegt nicht länger auf quer durch Europa rollenden Rädern. Im Februar ist der Franz Meersdonk Grötzingens Papa geworden.

Essen und Trinken auf der Strecke

Ernährung „Wenn ich länger unterwegs bin“, sagt Thomas Scheidt, „nehme ich das meiste mit: Brot, Käse, Wurst und so weiter. Im Gegensatz zu meinem Vater, gab es bei mir zum Glück immer Kühlschränke im Lkw.“  In Spanien fuhr er viele Jahre stets ein Restaurant an: „Da gab es die die weltbeste gekochte Schweinshaxe mit Soße, Salat und Kartoffeln. Leider lebt die Köchin nicht mehr“.

Alkohol „Für mich gilt,  Alkohol nur bei stehendem Lkw“, sagt Scheidt. „Ich könnte mir nie verzeihen, deswegen einen Unfall zu verursachen.“ Leider mache das nicht jeder so. „In Spanien haben viele schon morgens Carajillo getrunken, also Kaffee mit Brandy. Aber was soll man sagen, wenn das sogar die Polizisten tun?“ Das sei aber weniger geworden.  

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