Lieder gegen Waffen

Gut 200 Friedensaktivisten haben vor den Werkstoren von Heckler & Koch in Oberndorf für eine Welt ohne Waffen demonstriert. Die Aktion war Teil eines Kongresses gegen den Handel mit Kleinwaffen.

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Protest im Regen: Vor dem Eingang zur Waffenfabrik Heckler & Koch in Oberndorf drängten sich am Samstag die Demonstranten unter Regenschirmen. Foto: Petra Walheim

Eine Frau steht im strömenden Regen vor der Waffenfabrik Heckler & Koch in Oberndorf (Kreis Rottweil) und bricht in Tränen aus. Auch andere haben Tränen in den Augen - Ausdruck von Wut und Trauer zugleich. Sie können es fast nicht aushalten, vor der Firma zu stehen, in denen die Waffen hergestellt werden, mit denen Jahr für Jahr weltweit zigtausende Menschen getötet werden.

Insgesamt sind es gut 200 Friedensaktivisten, die sich am Samstag zusammenfinden, um mit Liedern und Geschichten friedlich für eine Welt ohne Waffen zu demonstrieren. Die meisten Teilnehmer der Aktion waren aus Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis) angereist. In Villingen lief bis gestern der internationale Kongress "Zielscheibe Mensch" gegen den Handel mit Kleinwaffen. Hunderte von Gästen aus aller Welt waren nach Villingen gereist, um über die Folgen des Kleinwaffen-Handels zu informieren. Organisiert hatte den Kongress die deutsche Sektion des Vereins "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs/Ärzte in sozialer Verantwortung" (IPPNW). Die Stadt mit ihrem Oberbürgermeister Rupert Kubon war Mitveranstalter.

Selbstverständlich sei das nicht, dass sich die Stadt hinter eine solche Veranstaltung stelle, sagt Helmut Lohrer, Kongresspräsident und Hausarzt in Villingen. Auch in der Doppelstadt gebe es Mitarbeiter und Zuliefererfirmen von Heckler & Koch, die den Kongress kritisch sähen.

Die waren am Samstag sicher nicht in Oberndorf zu finden. Dafür viele Ärzte aus dem ganzen Bundesgebiet. Mit den anderen Friedensaktivisten wollten sie darauf aufmerksam machen, welche Auswirkungen die Produktion von Waffen und deren Export in alle Welt haben. "Wenn die Waffen erst mal produziert sind, finden sie auch ihren Weg in die Hände derer, die damit töten", sagt Jens Wagner, Arzt aus Hamburg. "Wenn man sieht, wie viele Menschen in Afrika und anderen Ländern durch deutsche Waffen und mit Zustimmung der Bundesregierung ums Leben kommen, muss man dagegen etwas unternehmen", sagt Günter Baitsch. Er war Chefarzt in der Hochrheinklinik in Bad Säckingen, hat sich in Afrika engagiert und lebt jetzt in Basel.

Auch er steht an diesem Samstagmorgen im strömenden Regen vor dem Werkstor der Waffenfabrik und lauscht den Friedensliedern, die von Sängerinnen und Sängern des "Chornetzwerks" und der "Lebenslaute Süd" gesungen werden. Beides sind Gruppierungen, die Musik und Gesellschaftskritik miteinander verbinden.

Der Rüstungsgegner Jürgen Grässlin hatte vor der Aktion in Oberndorf beim Kongress in Villingen über Heckler & Koch informiert. Für ihn ist die Firma "das tödlichste Unternehmen Europas". Tatsächlich ist H&K europaweit größter Hersteller von Pistolen und Gewehren. "Seit 1955 sind durch H&K-Waffen mehr als zwei Millionen Menschen ums Leben gekommen", sagte Grässlin. Umgerechnet seien in dem Zeitraum täglich 114 Menschen mit Waffen aus Oberndorf oder anderen Ländern, in denen die Waffen in Lizenz hergestellt werden, getötet worden. Mitverantwortlich dafür sei die Bundesregierung mit Kanzlerin Angela Merkel. Grässlin bezeichnet sie als "Marketenderin der Todeswaffen", denn nur mit Genehmigung des Bundessicherheitsrats können Waffen exportiert werden. Diese Exporte haben sich nach Grässlins Recherchen von 2011 bis 2012 fast verdoppelt.

Dass über all das in der Oberndorfer Bevölkerung nicht gesprochen wird, war Thema des Kongress-Workshops "Leben in einer Waffenstadt". Obwohl acht von zehn Familien mit Heckler & Koch verbunden sind, sei die Waffenproduktion in der Stadt ein Tabuthema, hieß es. Viele wollten die Zusammenhänge zwischen dem, was in den Hallen hergestellt wird, und dem Tod von Millionen nicht wahrhaben, sagte der Oberndorfer Ulrich Pfaff. Er war 50 Jahre als Entwicklungshelfer in Afrika, lebt nun wieder in der Neckarstadt. Um dieses Schweigen zu brechen und auch um darauf aufmerksam zu machen, welches Leid mit Waffen von Heckler & Koch angerichtet wird, auch dafür standen die Friedensaktivisten vor dem Werkstor. Von der Firma selbst gab es keine Reaktion. Nur zwei Männer vom Werksschutz beobachteten hinter dem Zaun die Szenerie.

Internationale Rüstungsgegner
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