Lehrer ernüchtert von Inklusion in der Schule

Eine Umfrage zeigt: Viele Lehrer im Land rücken von der Idee der Inklusion ab. Die Gründe: zu wenig Personal, unzureichende Fortbildungen.

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Gemeinsamer Unterricht mit behinderten und nicht behinderten Kindern: Viele Lehrer sind von der Umsetzung im Alltag enttäuscht.  Foto: 

Lehrerklagen kennt man, seit es Schulen gibt. Diese hier allerdings offenbart einen Einblick in den Schulalltag, der weit entfernt scheint von allen bildungspolitischen Sonntagsreden. Bereits zum zweiten Mal hat der Verband Bildung und Erziehung (VBE) eine Umfrage unter Lehrern in Auftrag gegeben, die zeigen soll, wo es an der Inklusion mangelt – und wenn man den Ergebnissen glaubt, ist das so gut wie überall.

Das augenfälligste Ergebnis der repräsentativen Forsa-Befragung: Die Akzeptanz unter den Lehrer sinkt. Hielten vor Jahresfrist noch satte 66 Prozent den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung für „grundsätzlich sinnvoll“, ist nun offenbar bei vielen Ernüchterung eingekehrt – und der Wert auf 51 Prozent gesunken. In dieser Gruppe sagt zudem jeder Siebte, die Regelschule könne den erhöhten Förderbedarf gar nicht leisten, sowohl Behinderte als auch Nichtbehinderte kämen zu kurz. Dies liege vor allem am fehlenden Fachpersonal.

 Fast jeder Lehrer (94 Prozent) verlangt in Inklusionsklassen deshalb nach einer Doppelbesetzung im Unterricht, also Klassen- oder Fachlehrer plus einen Sonderpädagogen. In der Grundschule, wo die Zusammensetzung am heterogensten ist, sind es sogar 100 Prozent. Ohne diese Doppelbesetzung, so VBE-Chef Gerhard Brand, ist es, „wie wenn der Hausarzt allein am OP-Tisch steht.“

Das Zwei-Lehrer-Prinzip wäre aber teuer: 4700 zusätzliche Sonderpädagogen-Stellen wären notwendig, das heißt grob gerechnet für jede Schule ein Deputat von 26 Stunden. Weil aber private wie öffentliche Sonderschulen (mit rund 6000 Klassen in Baden-Württemberg) ohnehin unterversorgt seien,  fordert Brand dafür weitere 1000 Sonderpädagogen. Deren Ausbildung, räumt er ein, überfordere die derzeitige Kapazität der Lehrerbildung bei weitem. Denn auch in einem inklusiven Schulsystem, verlangen 96 Prozent der befragten Lehrkräfte, müsse das bestehende Sonderschulsystem auf jeden Fall erhalten bleiben.

 Die alte Landesregierung hat laut Brand zwar die richtigen Weichen gestellt, indem sonderpädagogische Inhalte allen Lehramtsstudenten vermittelt würden – nur schlage sich das in der Praxis noch nicht nieder. Deshalb sei Fortbildung notwendig – allerdings bekommt die derzeitige zweieinhalbtägige Schnellbleiche schlechte Noten: Ein Drittel der befragten Lehrer gibt ihr ein „mangelhaft“ oder „ungenügend“.  Bliebe die Unterstützung  durch Sozialarbeiter und Schulpsychologen: Immerhin in sechs von zehn Schulen ist einer vor Ort – für die Schüler. Die Lehrer selbst hingegen erfahren kaum Supervision . Brand: „Hier stiehlt sich der Arbeitgeber aus der Verantwortung.“

 Die Forderung nach einem generellen Doppellehrer-Prinzip in Inklusionsklassen bezeichnet   Schulministerin Susanne Eisenmann (CDU) als Gießkannenprinzip – und lehnt den rund 50 Millionen teuren  Vorstoß als „nicht zielführend“  ab: „Wir können nicht einfach den Schalter umlegen. Inklusion ist ein Prozess, der Zeit braucht.“ Ganz anders die oppositionelle SPD, die bislang den Kultusminister stellte und deren Schulgesetz im Herbst in Kraft trat: Am Ende sollte in der Tat eine durchgängige Doppelbesetzung stehen und die Hochschulkapazitäten schnell ausgebaut werden. Die FDP fordert zudem einen regelmäßigen Inklusionsbericht für den Landtag.

Gesetzlicher Anspruch besteht seit 2015

Gesetz Die 2006 von den Vereinten Nationen verabschiedete Behindertenrechts-Konvention ist 2009 in Deutschland in Kraft getreten. Ihr Artikel 24 erkennt das Recht behinderter Menschen auf Bildung an. Behinderte Menschen dürften nicht aufgrund einer Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden. Zum Zeitpunkt der Verabschiedung des Inklusionsgesetzes der grün-roten Vorgängerregierung im Juli 2015 lernten 53 000 behinderte Schüler an Sonderschulen in Baden-Württemberg. Seit dem Schuljahr 2015/16 haben sie die Wahl zwischen Sonder- oder Regelschule.

Wahlfreiheit Im Gesetz ist ein Anspruch auf sonderpädagogische Förderung behinderter Kinder im gemeinsamen Unterricht mit nicht-behinderten Schülern verankert. Ausnahme ist die Ober- und Kursstufe an den Gymnasien. Die Eltern können nach einer Beratung entscheiden, ob ihre Kinder eine Sonderschule oder eine Regelschule besuchen, ohne Anrecht auf eine bestimmte Schule zu haben. Mit dem neuen Inklusionsgesetz entfiel nach über 40 Jahren die Sonderschulpflicht.dpa

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