Leben auf der Straße: Tag für Tag ein neuer Kampf

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Eine Streetfighterin: Andrea G., 45, will von den Drogen loskommen.  Foto: 

Minus zwei Grad, eine Dunstglocke hängt über Stuttgart-Bad Cannstatt. Andrea G. kommt pünktlich zum vereinbarten Treffpunkt am Kaufhof. Ihre Füße stecken in Wanderboots. Eine Strickmütze schützt ihre Ohren, eine brünette Haarsträhne lugt hervor. Andrea G. will berichten, wie es ist, als Frau auf der Straße zu leben. Und sie hat Pläne.

Hier am „Mitteldeck“ trifft sich die Obdachlose ab und an mit Leuten aus der Szene. Heute sitzt niemand auf den Metallbänken in der Fußgängerzone. Es ist kalt. Andrea G. schlägt eine Kneipe fürs Interview vor. Als sie vorangeht, gleicht ihr wiegender Gang dem eines Matrosen an Land. Sie trägt Bomberjacke, Jeans und Norwegerpulli. „Als Frau in der Szene kannste Dich nicht mit Rock zeigen. Da langen die Männer drunter“, sagt sie mit rauer Stimme.

Andrea G. ist 45. Seit dem Jugendalter lebt die gelernte Friseurin am Rand der Obdachlosigkeit. Ursache waren harte Drogen. Mal lebte sie bei Kumpels, auf der Straße, im betreuten Wohnen, im Hotel. Nie habe sie Fuß fassen können, wird Streetworkerin Andrea Nanz später sagen. Die Sozialarbeiterin begleitet sie zum Interview. Immer wieder habe Andrea G. ihr Dach über dem Kopf verloren, etwa weil es Streit gab oder das Hilfsangebot nicht recht zu Andrea G. passte. Die Streetworkerin sucht mit ihrem Kollegen Christoph Lakner Obdachlose an ihren Treffpunkten auf. Beide arbeiten bei der „Straßensozialarbeit Bad Cannstatt“. Oft erfahren sie als erste, wenn die Wellen über ihrer Klientel zusammenzuschlagen drohen. Nanz hat Andrea G. ermutigt, in eine Beratungsstelle zu gehen. So kam sie schon mal zu einem Wohnheimplatz.

Stopp vor einer Raucherkneipe. Drinnen, mittags um halb drei, trinken Männer Bier und spielen an Automaten. Andrea G. bestellt einen Kaffee. Sie plane einen kalten Entzug und habe begonnen, weniger zu trinken. Sie will rauskommen aus der Misere. Denn: „Frauen auf der Straße geht es beschissen.“

Die 45-Jährige nippt am Kaffee. Sie ist stärker verladen, als es ihr recht ist und fühlt sich heute schlecht. Und so angelt sie nach Worten, um ein Leben zu beschreiben, das oft aus dem Ruder lief. Sie berichtet von ihrer Familie, aber davon soll nichts in der Zeitung stehen.

Einen ersten Kampf hat Andrea G. schon gewonnen: Sie ist weg von harten Drogen. Nun hilft sie sich mit Wodka über den Tag. Sie will ihr Level runterfahren. Vielleicht gelingt es ihr mit ihrem Liebsten, der auch abstinent werden will. In eine Klinik will die Frau nicht. Die Alkoholikerin tut sich schwer mit Einrichtungen und Regeln.

Warum? Weshalb? Andrea G. antwortet nur auf wenige Fragen. Sie erzählt ihre Geschichten. Manche bleiben rätselhaft. Klar wird, dass Menschen ohne Obdach stets auf Angriffe gefasst sein müssen, von Männern, von anderen Frauen, von Hunden. Deshalb muss sie fit und wachsam sein. Andrea G., die ihre Bomberjacke auch in der Kneipe nicht ablegt, hat keine Lust, Opfer zu sein. Sie hat mit ihrem resoluten Auftreten in der Szene einen gewisse Bekanntheit erreicht. Alle wissen: sie kann auch zulangen. „Von den Fights habe ich viele Narben“, sagt sie und zeigt ihre Hand. Das Leben hat ihr schon die Nase gebrochen, ein Kampfhund hat ihr ins Gesicht gebissen. Mal hat sie sich gewehrt, mal den Streit selbst provoziert. Mit Liegestützen trainiert sie ihre Muskeln. „Man muss hinstehn! Darf sich nichts gefallen lassen!“

Das klappt nicht immer. Sie schaut von ihrem Kaffee auf. „Ein paar Männer haben mich mal aus dem Fenster geschmissen.“ An den Tischen nebenan wird es mucksmäuschenstill. Die Zecher lassen ihre Ohren herüberwachsen. Keine Details, „ich bin froh, dass ich am Leben bin“, sagt sie nur. Ins Krankenhaus ist Andrea nicht gegangen. „Ich mach das alles alleine. Ich bin ‘ne Streetfighterin.“

Andrea G. zieht an ihrer Zigarette und bläst den Rauch aus. Ein Ruhepol in ihrem Leben ist zur Zeit der Kumpel, bei dem sie wohnt. „Er ist wie ein Papa und Vater zu mir“, sagt sie, und Sozialarbeiterin Nanz bestätigt es. Andrea G. schläft auf seinem Sofa, ab und zu kocht er für sie. Ein Wohnheim meidet die Obdachlose im Moment. Sie fürchtet Stress. Man lebe eng aufeinander, sie vertrage sich dann nicht so gut mit anderen.

Andrea G. hat ihren Kaffee ausgetrunken. Nach dem Bezahlen erhebt sie sich, zupft ihre Bomberjacke zurecht. Die Friseurin träumt von einem Job bei einer Sicherheitsfirma mit hohem Gehalt. Die kräftige Frau hat schon als Security Women bei Konzerten gearbeitet. „Das ist ein abwechslungsreicher Beruf.“

Raus aus der Kneipe. Die Sonne kommt raus, und plötzlich lacht sie: fröhlich, verschmitzt und ein bisschen biestig. Gleich wird sie ihre Freunde in der zugigen Bahnhofshalle in Cannstatt wiedersehen. Andrea G. hat sich sich den kalten Entzug fest vorgenommen. Ganz bestimmt. Auf ihrem rosa-braunen Rucksack tanzen weiße Schmetterlinge.

Die Angst vor  Verlust der Wohnung nimmt zu. Es kämen zunehmend Menschen zur vorbeugenden Beratung, sagt Heiner Heizmann von der Liga der freien Wohlfahrtspflege im Südwesten. Insgesamt wurden Ende September 11 494 Menschen gezählt, die in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe lebten oder regelmäßigen Kontakt zu den Helfern haben. Dies sei ein Plus von 3,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 27 Prozent waren Frauen. Der Verband fordert ein Sofortprogramm für Sozialwohnungen. dpa

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