Landtagswahl: Digitales Werben um den Wähler nimmt weiter zu

Stand auf dem Marktplatz oder soziale Medien? Beides sei im Wahlkampf wichtig, sagen die Parteien. Das Werben im Netz werde aber immer wichtiger.

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Ganz gleich, ob Grüne, SPD, CDU, FDP, Die Linke oder AfD: Das Werben um Wähler wird immer digitaler – und immer professioneller organisiert. Der Stellenwert des Wahlkampfes über soziale Medien wie Facebook, Twitter, Instagram und Co. sei in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, sagen alle Parteien unisono. Marius Livschütz, FDP-Pressesprecher, erklärt: „Die Anzahl der Nutzer, die sich für Politik in den sozialen Medien interessieren, ist deutlich größer geworden. Die Interaktion ist ebenfalls stärker.“
 
Carsten Preiss, bei den Grünen zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, Kampagnen und Onlinekommunikation, sieht das genauso und erklärt, welche Kanäle die Partei nutzt: „Facebook, Twitter, Flickr, Instagram und YouTube.“ Facebook schenke man „wahrscheinlich am meisten Aufmerksamkeit, bei Twitter posten wir aber mehr“. Zudem betreue man die Internetseiten des Landesverbandes sowie von Landesvater Winfried Kretschmann. In der Konzeption der Öffentlichkeitsarbeit habe der Stellenwert des Digitalen in den letzten Jahren zugenommen.
 
Preiss’ SPD-Pendant Robin Mesarosch setzt ebenfalls stark auf Facebook: „Hier können wir die meisten Leute aus allen Altersgruppen erreichen. Täglich veröffentlichen wir hier Inhalte auf den Seiten unseres Landesverbandes und des Spitzenkandidaten Nils Schmid.“ Matthias von Herrmann, Pressesprecher bei Die Linke, hat im Vergleich zum Wahlkampf vor fünf Jahren einen Wandel ausgemacht: „War Facebook 2011 noch ein Beiwerk, so ist es heute einer der wichtigsten direkten Kommunikationskanäle zu unseren Wählerinnen und Wählern, auf dem wir bis zu 100 Anfragen am Tag bekommen.“
 
Ähnlich sieht das auch Mesarosch: „Seit 2011 hat sich viel getan: Personell und finanziell haben wir erheblich aufgestockt. Denn ein guter Online-Wahlkampf besteht nicht nur aus schönen Bildchen und geschalteter Werbung.“ Man sei nahezu rund um die Uhr ansprechbar, bereite komplexe Inhalte auf und beantworte Fragen. „Diese Entwicklung kommt natürlich auch daher, dass wir als Partei dazugelernt haben, aber eben vor allem daher, dass sich die Leute heute viel stärker über die sozialen Medien über Politik informieren als noch 2011.“ Bei der AfD besteht die Öffentlichkeitsarbeit „seit Gründung unserer Partei zu einem erheblichen Teil aus der Nutzung von digitalen Kanälen“, sagt Sven Kortmann, Mitglied des Landesvorstands. Er ergänzt zur Entstehungshistorie: „Die meisten unserer Gründungsmitglieder haben uns auch über genau diese Kanäle gefunden und unterstützt.“
 
Der digitale Wahlkampf läuft mittlerweile bei allen Parteien sehr viel stringenter und zielgerichteter. Bei der FDP etwa sind Facebook und Twitter relativ strikt getrennt, erklärt Pressesprecher Livschütz: „Auf Facebook posten wir zwei bis drei Beiträge am Tag. Auf Twitter findet hauptsächlich unser Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke statt.“  Matthias von Herrmann und Die Linke fahren eine ähnliche Strategie: „Bei den Spitzenkandidaten ist auch Twitter sehr wichtig sowie die persönlichen Facebookseiten. Im Durchschnitt ist ein aktueller Beitrag und ein Themenbeitrag am Tag sinnvoll, bei besonderen Anlässen auch häufiger.“  Bei der SPD nutzt man Twitter „ebenfalls sehr stark, allerdings mit dem Fokus auf der Kommunikation mit Journalisten“. Bei der Linken hat man zudem gute Erfahrungen mit eigenen Facebook-Veranstaltungen gemacht. Man habe „dabei sehr gute Rückmeldungen, was die tatsächlichen Besucherzahlen angeht“, sagt von Herrmann.
 
YouTube nimmt bei vielen Parteien eine Sonderrolle ein. Carsten Preiss von den Grünen formuliert das so: „Für YouTube haben wir vor ein paar Jahren noch deutlich mehr Videos produziert, inzwischen setzen wir es seltener und gezielter ein.“ Matthias von Herrmann von der Linken gibt sich in Bezug auf das Bewegtbild-Portal selbstkritisch: „Ausbaufähig sind die Bewegtbildkanäle wie YouTube. Dort sind wir nicht so präsent, wie wir es gerne hätten.“ Die Liberalen hingegen sind dort sehr aktiv und bestücken ihren Kanal mit Videos von Veranstaltungen, wie Pressesprecher Livschütz sagt. Bei der AfD ist der YouTube-Kanal noch relativ neu: Man arbeite vor allem mit aktuellen Redebeiträgen, sagt Sven Kortmann. Generell setzt man bei der rechtskonservativen Partei eher darauf, eine breite Masse an Menschen erreichen zu können: „Allzu spezielle Angebote, die sich nur auf eine kleine Gruppe von Internetnutzern beschränken würde, setzen wir nicht ein.“
 
Das ist bei den übrigen Parteien durchaus anders. „Auf Instagram sind wir noch nicht so lange und wir suchen dafür noch etwas den Platz zwischen Flickr und Facebook“, sagt etwa Carsten Preiss von den Grünen. SPD-Mann Mesarosch  ist da schon ein Stück weiter: „Auf Flickr zeigen wir unsere Bilder, die wir dort insbesondere für unsere Mitglieder zum Download anbieten.  Darüber hinaus haben wir einen Instagram-Account, der vor allem jüngeren Menschen Einblicke in den Wahlkampf bietet.“ Bei der FDP ist Instagram vor allem Spitzenkandidat Rülke vorbehalten, der dort „die Wähler via Instagram an seinem Leben teilhaben“ lässt, wie Pressesprecher Livschütz sagt.
 
Am zurückhaltendsten äußert sich in der gesamten Diskussion CDU-Pressesprecher Andreas Mair am Tinkhof: Die sozialen Medien würden genutzt, um „Menschen aus allen sozialen Gruppen und Schichten zu adressieren“, allerdings seien sie „nach wie vor nur ein Baustein des Medienmixes in der Kampagne“. Carsten Preiss strebt mit den Grünen eine Vernetzung des Online- und Offline-Werbens um Wähler an: Es solle „möglichst aus einem Guss sein“. Vier Personen kümmern sich von „Konzeption bis zur Umsetzung“ um konsistente Öffentlichkeitsarbeit.
  
Dafür muss auch der Einsatz gesteigert werden. Bei der SPD wurde eigens für den Wahlkampf eine Stelle geschaffen; insgesamt kümmern sich fünf Mitarbeiter um den Auftritt im Netz und die Kommunikation mit Usern. Bei der noch relativ jungen AfD liegt die Organisation vor allem beim Landesvorstand, insbesondere in Absprache mit Sven Kortmann, wie dieser erklärt. Die CDU hat eigens für den Online-Wahlkampf einen Koordinator, auch bei der FDP gibt es eine solche Stelle, erklärt Pressesprecher Livschütz. Hinzu kommen zwei Vollzeit-Mitarbeiter sowie ehrenamtliche Unterstützer. Bei der Linken  besteht das Webteam „hauptsächlich aus ehrenamtlich arbeitenden Mitgliedern auch aus dem Landesvorstand, mit Unterstützung durch die Landesgeschäfsstelle“. Zudem gibt es eine enge Koordination mit der Pressestelle und den Spitzenkandidaten. Bei den Grünen kümmert man sich zu viert um den gesamten Wahlkampfaufbau – on- wie offline.
 
Zur Zielgruppe sagt Matthias von Herrmann von den Linken: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Wählerinnen und Wähler sowie an unseren Positionen Interessierte eine große Affinität zur digitalen Welt haben.“ Man versuche die Geschehnisse des Wahlkampfes im Netz zu spiegeln. Bei den Grünen versucht man, „verstärkt potentielle WählerInnen anzusprechen und Unentschlossene von uns zu überzeugen“. Zudem gehe es aber auch „stark über die Mobilisierung unserer Mitglieder“. Ähnlich lautet es bei der CDU: Die Christdemokraten wollen „dort unsere Argumente vertreten und für die Wahl am 13. März 2016 motivieren“. Die AfD kann „keinen signifikanten Unterschied“ zwischen „jungen“ und „älteren“ Interessenten ausmachen und bei der FDP sei der Adressat „der informationshungrige Wähler“. Konkreter nennt Livschütz junge Menschen, Gründer, der Mittelstand.
 
Bei der SPD soll es indes nicht bei der bisherigen Strategie bleiben. „Es ist uns auch ein großes Anliegen, die 70 Kandidierenden zu befähigen, starke Online-Auftritte zu entwickeln“, erklärt Mesarosch. Entsprechend gebe es Schulungen und einen Leitfaden zum digitalen Wahlkampf. Das Engagement lohne sich, sagt er: Mit einem Post habe die Partei mehr als 4,8 Millionen Menschen erreicht – ohne Werbung.

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