Landtagswahl: Auf verlorenem Posten

Melih Günaydin tritt bei der Landtagswahl an. Er ackert und rackert - und bleibt dennoch ohne Chance, denn er ist Linker im schwarzen Landkreis Sigmaringen. Auf Tour mit einem aussichtslosen Wahlkämpfer.

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  • Plakate aufhängen im Pfullendorfer Schnee: Wer hier als Landtagskandidat der Linken kämpft, der muss leidensfähig genug sein, um einen Marathon laufen zu können, bei dem er vom Start an weiß, dass 98 Prozent der Zuschauer andere anfeuern werden und nur zwei Prozent ihn. 1/3
    Plakate aufhängen im Pfullendorfer Schnee: Wer hier als Landtagskandidat der Linken kämpft, der muss leidensfähig genug sein, um einen Marathon laufen zu können, bei dem er vom Start an weiß, dass 98 Prozent der Zuschauer andere anfeuern werden und nur zwei Prozent ihn. Foto: 
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Schnee fällt. Die Scheibenwischer arbeiten. Genau das richtige Wetter, um Wahlplakate aufzuhängen. "Die sieht doch schön aus", sagt Daniel Morteza und Melih Günaydin drückt auf die Bremse. Die Schöne ist schlank, groß und grau. Ein Prachtexemplar von einer Straßenlaterne gleich neben dem Hauptsitz des Küchenmöbelherstellers Alno in Pfullendorf.

Autos rauschen vorbei. Ein kalter Wind treibt weiße Flocken ins Gesicht. Günaydin trägt Handschuhe und Wollmütze, Mortezas schutzlose Hände färben sich langsam blau. Die beiden fädeln Plastikbänder ein, schieben und zerren, bis Günaydins Konterfei den Autofahrern aus zweieinhalb Meter Höhe entgegenlächelt. "Melih Günaydin. Menschen vor Profite! Die Linke" steht unter dem Bild. Der 24-Jährige ist Landtagskandidat der Partei im Wahlkreis 70 Sigmaringen. Und so ist es wohl auch ganz gut, dass es an diesem Februartag richtig schön ungemütlich ist, denn wer hier als Linker antritt, muss leiden können.

Zu gewinnen gibt in dieser Gegend für einen Linken nichts - auf jeden Fall keinen Sitz im Stuttgarter Parlament. Seit 1976 holt stets die CDU das Direktmandat. Auch die Grünen sind stark. Ministerpräsident Winfried Kretschmann wohnt im Sigmaringer Stadtteil Laiz. Ja, wer hier als Landtagskandidat der Linken kämpft, der muss leidensfähig genug sein, um einen Marathon laufen zu können, bei dem er vom Start an weiß, dass 98 Prozent der Zuschauer andere anfeuern werden und nur zwei Prozent ihn. Genauso wenig Stimmen erhielt die Linke 2011 hier. Es war das schlechteste Ergebnis im gesamten Land.

Das hat etliche Gründe. Die Arbeitslosigkeit liegt unter vier Prozent und die ländlich geprägte Region ist eine römisch-katholische Hochburg. 66 Prozent der Einwohner gehören dieser Konfession an, in Baden-Württemberg beträgt der Schnitt 38 Prozent. Viele hier wählen seit jeher CDU. Linke Stammwähler, wie sie die Partei in Ostdeutschland hat, gibt es hier kaum.

Günaydin weiß um all das. Er schätzt seine Chancen realistisch ein. "In einer der jüngsten Umfragen kamen wir zwar im Südwesten auf 5,5 Prozent", sagt er im warmen Café Moccafloor in der Innenstadt. "Hier haben wir aber immer so rund zwei Prozentpunkte weniger." Bis Mitte Februar hatte er zudem kaum Zeit für Wahlkampf, weil er für Prüfungen in seinem Informatikstudium büffeln musste.

Dennoch: "Ich habe richtig Bock darauf, für die Linke anzutreten. Mir geht es wirklich nur um die Sache." Mit "um die Sache" meint er Themen wie Pflege, Flüchtlingshilfe und Anti-Rassismus, prekäre Arbeitsverhältnisse, Armut sowie öffentlicher Nahverkehr und Schulschließungen im ländlichen Raum. Die Schwerpunkte haben viel mit eigenen Erfahrungen zu tun. Rund um Meßkirch werden schlechte Verkehrsverbindungen und Schulschließungen heiß diskutiert.

Seine Urgroßeltern flohen vor der Verfolgung von Muslimen nach dem Ersten Weltkrieg aus dem heutigen Montenegro in die Türkei, seine Eltern kamen in den 70er Jahren als "Gastarbeiter" nach Deutschland. Die Integration verlief für den in Sigmaringen geborenen Günaydin ohne große Probleme. Die Schule und das Spielen in Meßkircher Fußball- und Handballvereinen hätten da bestimmt geholfen, sagt er, aber auch, dass es seiner Familie finanziell ganz gut ging. "Wenn die Eltern arm sind, haben die doch oft gar nicht den Kopf, um sich um die Probleme der Kinder zu kümmern."

Als ein Onkel schwer unter Multipler Sklerose litt, wurde ihm bewusst, wie wichtig gute Pflege ist. Das Thema Arbeit ist ihm seit Ferienjobs in Fabriken ein Anliegen. Er findet die vielen befristeten Arbeitsverträge einfach "grausam".

Dieser eigene Erfahrungsschatz und die lokale Verwurzelung verleihen Günaydin im Gespräch Glaubhaftigkeit. Das zeigt sich auch wenige Tage später, als er mit den anderen Landtagskandidaten aus dem Wahlkreis in einem Saal des Meßkircher Schlosses auf dem Podium diskutiert. Günaydin bleibt zwar klarer Außenseiter an diesem Abend. Einerseits, weil andere Kandidaten schlagfertiger sind. Andererseits, weil viele Leser- und Publikumsfragen sich nur an jene Parteien richten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Landtag gelangen. So kommt er recht selten zu Wort. Und als er gegen 22.30 Uhr aufstehen kann, sieht er ein wenig erschöpft aus. Aber: "Das war auf jeden Fall schon besser als bei der letzten Podiumsdiskussion", sagt er. Wenn er von den 300 Zuhörern nur zwölf an diesem Abend überzeugen konnte, wären das vier Prozent. Und das bedeutete schon ein sehr gutes Ergebnis für die Linke - hier, im schwarzen Wahlkreis Sigmaringen.
www.swp.de/vorderwahl

Der Blick von unten

Ergebnis Bei der vergangenen Landtagswahl 2011 holte Die Linke im Landkreis Sigmaringen exakt 1223 Stimmen - genau so viele wie die Republikaner. Das waren 2,0 Prozent der in dem Landkreis abgegebenen Stimmen. Es waren in Summe zwar 136 Personen mehr, die ihr Kreuz bei der Linken machten, aufgrund der höheren Wahlbeteiligung lag die Partei aber 0,2 Prozent unter dem Ergebnis von 2006.

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