Land startet Modellversuch: Schulunterricht mit Tablets

An vier Südwest-Gymnasien wird jetzt der Einsatz von Tablets im Unterricht erprobt. Bundesweit kümmern sich auch große Stiftungen um das digitale Lernen.

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Gymnasiasten ohne eigenes Smartphone dürften inzwischen eine sehr kleine Minderheit sein. Die digitale Welt gehört für die allermeisten Schüler längst dazu. Online zu sein, ist ihre Lebenswirklichkeit. Nur in der Regel nicht in den Schulen. Zwar gibt es vor Ort viele Initiativen, doch großteils wird wie gehabt offline unterrichtet.

Jetzt aber gewinnt das Thema an Fahrt in Baden-Württemberg und darüber hinaus. „Wir wollen die Chancen der Digitalisierung nutzen und herausfinden, wie Schüler mit Tablets beim Lernen unterstützt werden können“, begründete Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) den am Mittwoch angekündigten Schulversuch, der noch in diesem Schuljahr beginnt.

Um das Ob und das Wie geht es vor allem. Deshalb wird das Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen in Kooperation mit dem Leibnitz-Institut für Wissensmedien in Tübingen auswerten, welche Folgen der Unterricht mit dem Tablet an den vier Pilotschulen in Göppingen, Reutlingen, Gengenbach und Karlsruhe hat. Insgesamt hatten sich 56 Gymnasien beworben. „Wir wissen, dass die Digitalisierung die Schule verändert“, sagte Professor Ulrich Trautwein vom Hector-Institut.  Unter welchen Voraussetzungen aber digitale Endgeräte Lernprozesse unterstützen können, müsse empirisch auf solider Datenbasis untersucht werden.

Im Mittelpunkt der Erprobung stehen die Fächer Mathematik, Englisch, Geschichte und Naturwissenschaften in den Klassen sieben bis neun Mittelstufe. Mit bis zu vier Deputatsstunden werden die teilnehmenden Gymnasien entlastet. Die nötige gesamte Hardware-Ausstattung – im kommenden Schuljahr wird der Versuch auf weitere 14 Schulen ausgeweitet – fördert das Kultusministerium mit rund einer Million Euro. In die wissenschaftliche Begleitforschung fließen zusätzlich Mittel der Hector-Stiftung in sechsstelliger Höhe.

Bundesweit will auch das Forum Bildung Digitalisierung das Thema nach vorn bringen. Dem auf Vorschlag der Telekom-Stiftung im Frühjahr zustande gekommenen Zusammenschluss gehören auch die Bertelsmann-Stiftung, die Robert-Bosch-Stiftung und die Siemens-Stiftung an. Gefördert wird die Initiative zudem durch die  Stiftung Mercator. „Es geht um eine Mammutaufgabe“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Telekom-Stiftung, Stuttgarts Alt-OB Wolfgang Schuster der SÜDWEST PRESSE. Denn bisher fehle eine übergreifende Strategie zur digitalen Bildung in Deutschland. Die entscheidende Frage sei nicht die Technik, die sich ohnehin rasant verändere, sondern die pädagogische Frage, „wie gehen die Themen Bildung und digitale Welt zusammen?“

Kommende Woche wird das Forum, das sich als Plattform für alle maßgeblichen Akteure aus Bildungspraxis, Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft begreift, in Berlin zur Konferenz „Schulentwicklung digital“ nach Berlin laden. Es  werden 30 Schulen ausgesucht, auch welche aus dem Land, deren digitaler Unterricht gefördert und ausgewertet werden wird. „Wir gehen der Frage nach:  Schafft der Einsatz digitaler Medien einen Mehrwert für bessere Bildung und zwar möglichst für alle?“ Dabei ist Schuster mit Eisenmann, die er kürzlich aus diesem Grund traf, einig: „Pädagogik kommt vor Technik.“ Die Kultusministerin formuliert es so: „Es geht um Inhalte, wir müssen festlegen, welche Pädagogik Sinn macht. Ich bin keine Anhängerin davon, Kindern in der Grundschule das Programmieren beizubringen. Schreiben, Lesen, Rechnen ist da das Wichtigste.“  Mit Hilfe des Schulversuchs, wobei eine weitere Kooperation mit den Stiftungen durchaus willkommen sei, müsse ein pädagogisches Grundkonzept für den Einsatz digitaler Medien erarbeitet werden. Eisenmann hat inzwischen ein eigenes Referat dazu eingerichtet, wo die Fragen gebündelt werden.

Im kommenden Jahr wird Baden-Württemberg nach dann 17 Jahren den Vorsitz in der Kultusministerkonferenz haben. Kernthema wird die Berufliche Ausbildung sein, „dabei spielt die Digitalisierung natürlich auch eine ganz wichtige Rolle“, sagte Eisenmann.

Der Zeitplan

Pilotschulen Das Werner-Heisenberg-Gymnasium in Göppingen, das Helmholtz-Gymnasium Karlsruhe, das Marta-Schanzenbach-Gymnasium in Gengenbach und das Friedrich-List-Gymnasium in Reutlingen beginnen nach Angaben des Kultusministeriums in diesem Schuljahr mit jeweils zwei siebten Klassen den Tablet-Unterricht. Zwei weitere siebte Klassen folgen dann in jeder dieser Pilotschulen im kommenden Schuljahr 2017/2018. Im Herbst 2017 starten 14 weitere Modellschulen ebenfalls mit zwei 7. Klassen. eb

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