Land hilft verfolgten Jesidinnen

Baden-Württemberg setzt seine Hilfe im Nordirak mit dem Aufbau eines Instituts für Psychotherapie fort. Geholfen werden soll traumatisierten Flüchtlingen. <i> Mit einem Kommentar von Igor Steinle</i>

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Der Traumatologe Jan Kizilhan mit jesidischen Flüchtlingen im Nordirak. 1000 der gequälten Frauen durften in den Südwesten ausreisen.  Foto: 

„Wir wissen, dass Kriegstraumata sogar generationenübergreifend wirken. Deshalb ist es wichtig, qualifizierte Fachkräfte auszubilden, die in der Lage sind, das psychische Leid der Menschen zu lindern. Leid darf nicht zu einem lang wirkenden Gift werden“, sagte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) gestern in der Regierungspressekonferenz. Unter der Federführung ihres Ressorts wird an der nordirakischen Universität Dohuk ein Institut für Psychotherapie aufgebaut. Dafür wird das Land zunächst eine Million Euro bereitstellen. Hinzu kommen weitere 320.000 Euro an Stipendiengeldern für Studierende. Gern dürften weitere Spender sich  beteiligen.

In Kooperation mit der Universität Tübingen und der Dualen-Hochschule Villingen-Schwenningen, wo der Jeside Jan Kisilhan eine Professur für Psychologie innehat, soll im Frühjahr ein  Masterstudiengang zunächst für Ärzte, Pflegekräfte oder auch Lehrer beginnen. Die Studierenden werden sowohl in Dohuk bei  deutschen Fachkräften als auch in Baden-Württemberg lernen. Ein Teil soll befähigt werden, später selbst Fachkräfte auszubilden.

Das jetzt vom Kabinett beschlossene Projekt dient, wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagte, der Verbesserung der Situation der Inlandsflüchtlinge im Irak. Das gelte auch für das bereits unter Grün-Rot zusammen mit der Bundesentwicklungsagentur GIZ begonnene Vorhaben zur Müllentsorgung im Nordirak. Dadurch sollten der Schutz vor Seuchen gestärkt und Arbeitsplätze für Flüchtlinge geschaffen werden. „Für uns war von Anfang an klar, dass es nicht mit der Aufnahme von Notfällen getan ist“, sagte Kretschmann unter Verweis auf  die rund 1000 traumatisierten jesidischen Frauen und Kinder, die 2015 und 2016  auf Initiative der Landesregierung als Sonderkontingent ins Land gekommen sind. Sie alle hatten unter unermesslichen Gräueltaten der  „Schergen“ des sogenannten Islamischen Staates zu leiden.

Eine von ihnen, Nadia Murad (23), wurde, wie berichtet,  vergangene Woche von UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon zur ersten Sonderbotschafterin für die Würde von Opfern von Menschenhandel“ ernannt. Im Beisein von Ministerin Bauer sprach Nadia Murad, deren Mutter und sechs Brüder vom IS ermordet  und die von den Peinigern als Sexsklavin missbraucht worden war, am Montag vor der Uno-Vollversammlung. „Es war ein sehr bewegender Moment“, sagte Bauer. Sie bewundere die Entschlossenheit Murads, nicht zu schweigen. Das sei „ein wichtiges Signal, denn es dürfe nicht weggeschaut werden. „Der Genozid an den Jesiden hält ja an.“ Ungefähr noch 3000 Frauen der verfolgten Minderheit lebten immer noch in versklavten Verhältnissen.

Kretschmann erinnerte daran, dass immer noch mehr als 3200 Jesidinnen in nordirakischen Flüchtlingscamps lebten. Er werde auf der Ministerpräsidentenkonferenz im November an die Kollegen appellieren. „Es muss doch möglich sein, diese Frauen und Kinder aufzunehmen und damit schlimmstes Schicksal abzumildern“, sagte er. „Wir haben international große Anerkennung bekommen.“ Er dankte den Kommunen für die problemlose Unterbringung der 1000 Flüchtlinge. Bisher seien die veranschlagten Kosten von 90 Millionen Euro für drei Jahre deutlich unterschritten worden. Das hänge auch mit der mangelnden Nachfrage nach individueller Traumatherapie zusammen.

Kommentar von Igor Steinle: Ausdruck des Anstands

Im allgegenwärtigen Geschrei der Ängstlichen setzt Winfried Kretschmann ein Zeichen der Stärke: Er kündigt an, sich für die Aufnahme verfolgter Jesidinnen aus dem Nordirak einzusetzen. Dieser Schritt ist nicht nur moralisch richtig. In Zeiten, in denen Rechtspopulisten in ganz Europa mit Tiraden gegen die Aufnahme Geflüchteter Wahlerfolge erzielen, ist er ein Ausdruck des Anstands.

Seit jeher werden Jesiden aufgrund ihres altorientalischen Glaubens unterdrückt. Was der 4000 Jahre alten Volksgruppe jedoch zuletzt angetan wurde, überschreitet jedes Maß. Es ist unklar, wie viele jesidische Männer in der vom IS überrannten Herkunftsregion überhaupt noch leben. Ihre Frauen und Kinder wurden versklavt, vergewaltigt, misshandelt. Diese Menschen in einem nordirakischen Flüchtlingslager sich selbst zu überlassen ist keine Option. Dagegen ist die Zusicherung einer Millionen-Hilfe für ein psychotherapeutisches Behandlungszentrum im kurdischen Dohuk ein richtiger Schritt: Viele Frauen sind derart traumatisiert, dass ein Wegzug in eine kulturell völlig fremde Umgebung ihnen nicht zuzumuten ist. Anderen muss man anders helfen.

Der begrüßenswerte Vorstoß Kretschmanns hat jedoch einen Beigeschmack. Will er die von ihm unterstützte Ausweitung sicherer Herkunftsländer auf Staaten Nordafrikas kompensieren? Selbst wenn dem so wäre, bewiese der grüne Katholik mit seinem Appell an die anderen Länderchefs vor allem eins: ein Gewissen. Während „christlich“ und „sozial“ betitelte Politiker die Rhetorik der Angstmacher kopieren, scheint Kretschmann diese Werte nicht vergessen zu haben. Bleibt zu hoffen, dass er damit auch in Europa Gehör findet.

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