Künzelsauer Kocherbad: Schwimmer protestieren gegen Badeverbot

Das Flussbad in Künzelsau ist geschlossen, weil eine EU-Richtlinie dies verlangt. Bürger protestieren gegen das Verbot auf pfiffige Art.

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Still ruht der Fluss: Wegen einer umstrittenen EU-Verordnung ist das Baden im Kocher bei Künzelsau verboten. Dagegen regt sich Protest – naturgemäß insbesondere unter Schwimmern.  Foto: 

Die Ruhe für Enten und Graureiher war gestern Abend vorbei. Gehörte das Areal des Flussbades in Künzelsau (Hohenlohekreis) in den letzten Tagen weitgehend den Vögeln, wehrten sich Schwimmer nun mit einer Protestaktion gegen die Vertreibung aus ihrem angestammten Bereich. Wo seit Generationen jeden Sommer gebadet wird, darf derzeit niemand ins Wasser steigen, weil eine umstrittene Richtlinie der Europäischen Union dies so will. Den Aufpassern passt die Wasserqualität nicht ins Konzept, nachdem immer wieder Verunreinigungen mit Kolibakterien festgestellt worden sind, zuletzt 2014 und 2015, 2012 und 2013 war die Wassergüte „ausreichend“. Bei dieser Verordnung spielt der aktuelle Zustand des Gewässers keine Rolle. Von einem Verbot sind nach Angaben des Sozialministeriums auch der Finsterroter See (Kreis Heilbronn) und das Strandbad Eriskirch am Bodensee betroffen.

Das Künzelsauer Freibad ist eine Rarität. Es handelt sich um kein gemauertes, gefliestes Becken, vielmehr ist es eine Badebucht, die mit Wasser des Flusses Kocher gespeist wird. Nach Überzeugung der Hohenloher besitzen sie das letzte öffentliche Flussbad im Land. 2009 waren 1,1 Millionen Euro für angemessene Umkleiden und Sanitärbereiche investiert worden. Ein kleiner Stellplatz für Wohnmobile grenzt an. Ein „Kleinod“ sei dies, schwärmt Ernst Heller (69), der Vorsitzende der DLRG-Ortsgruppe, „viele beneiden uns darum“. Seit seinem fünften Lebensjahr gehe er dorthin  zum Schwimmen. Früher seien sogar noch Abwässer in den Fluss geleitet worden: „All das hat uns nicht geschadet.“ Wöchentliche Wasserproben seien „ein vollkommen ausreichender Schutz“.

Längst gibt es Kläranlagen, das Wasser ist nach Überzeugung der Künzelsauer sauber genug für ein erfrischendes Bad. „Die grünliche Farbe ist gut“, glaubt auch Friedrich Sterr (62). Auf dem Wasser schwimme kein Dreck, es rieche nicht – „es besteht überhaupt keine Gefahr“, meint der Steuerberater, „das ist pure Natur“. Wie Ernst Heller befürchtet auch Sterr, dass die Bürokraten ihr geliebtes Flussbad am liebsten für immer beseitigen wollten. „Das Land legt die Vorschrift aus Brüssel noch enger aus als die EU“, vermutet Sterr. Er ist einer der Initiatoren einer Protestaktion, zu deren Premiere 80 Gleichgesinnte kamen.

Gestern Abend sollte die Fortsetzung folgen. Doch nach einem Gespräch mit Stadtverwaltung und Polizei verzichten Sterr und seine Mitstreiter auf die Missachtung des Verbots, weil sonst auf die Stadt wohl hohe Strafen zukämen. Die EU-Kommission hat dem Land ein tägliches Bußgeld von 970 000 Euro angedroht, wenn das Badeverbot nicht erlassen wird, sagte eine Sprecherin des Sozialministeriums der SÜDWEST PRESSE. Für die Durchsetzung der Anordnung ist die Ortspolizei zuständig. Die Demonstranten werden dennoch ins Wasser steigen, ohne der Stadt oder dem Land zu schaden. Deshalb haben sie einen Bereich jenseits des ausgewiesenen Freibads ausgesucht. Wenige Meter neben der Abgrenzung wird der schwimmende Protest beginnen und an der Badebucht vorbeiführen. „Schwimmen im Kocher ist ja nicht verboten“, sagt Sterr. Diese feuchte Form einer Montagsdemo soll möglichst so lange wiederholt werden, bis die Existenz des Flussbades gesichert ist.

Bürgermeister Stefan Neumann möchte in Stuttgart bei Sozialminister Manne Lucha (Grüne) vorsprechen. Er hofft auf eine politische Entscheidung, „weil wir nicht glauben, dass wir auf Sachbearbeiterebene weiterkommen“. Neumann, selber gelegentlicher Gast im Flussbad, kann die Anordnung nicht verstehen. Die Verwaltung lasse das Wasser wöchentlich untersuchen, „und die Werte sind gut bis ausgezeichnet“. Dass nach Starkregen und aufgewühltem Schlamm niemand in den Kocher steige, sei selbstverständlich, bestätigt auch Friedrich Sterr. Die Bürger könnten sehr wohl selber entscheiden, ob sie sich das Bad zumuten wollten. Der amtliche Schwimm-Stopp sei auch unverständlich, weil die Selbstreinigungskraft der Natur über mehrere Monate hinweg unberücksichtigt bleibe. „Das ist ein Hirnriss“, empört sich Sterr über das Verbot.

Richtlinie will Gesundheit schützen

Vorschrift Die Richtlinie 2006/7/EG vom 15. Februar 2006 betrifft die Qualität der Badegewässer und deren Bewirtschaftung. Zweck sei „die Umwelt zu erhalten und zu schützen, ihre Qualität zu verbessern und die Gesundheit des Menschen zu schützen“, heißt es in Artikel 1.

Vorgehen Wenn ein Badegewässer als „mangelhaft“ eingestuft worden ist, gelten im folgenden Jahr „angemessene Bewirtschaftungsmaßnahmen, einschließlich eines Badeverbots oder des Abratens vom Baden, um die Badenden keiner Verschmutzung auszusetzen“. Fällt die Beurteilung fünf Mal hintereinander „mangelhaft“ aus, muss das Baden „auf Dauer“ untersagt werden. Obwohl „die verfügbaren wissenschaftlichen und technischen Daten“ herangezogen werden müssen, werden die aktuellen Mess-Ergebnisse nicht berücksichtigt. hgf

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