Kreis Reutlingen schafft 100 Arbeitsplätze für Behinderte

Um Arbeitsplätze für Menschen mit Handicap zu schaffen, sind Firmen und Politik gefragt. Im Kreis Reutlingen sollen 100 weitere solcher Stellen entstehen.

|
Susan Kemmler im Kreise der Kinder, die sie als hauswirtschaftliche Hilfskraft im Tübinger Kinderhaus Loretto betreut.  Foto: 

„Das ist wie ein Sechser im Lotto“, sagt Susan Kemmler. Die 29-jährige schwerbehinderte Frau arbeitet seit acht Jahren in dem städtischen Tübinger Kinderhaus Loretto. Nach einem Praktikum wurde sie fest als hauswirtschaftliche Hilfskraft  angestellt.  In den vergangenen Jahren hat die Tübinger Stadtverwaltung fünf solcher Arbeitsplätze geschaffen. Drei weitere Mitarbeiterinnen in städtischen  Kindertageseinrichtungen sind bei der Lebenshilfe Tübingen angestellt. Sie bekommt dafür Zuschüsse von der Stadt.

„Solche best-practice-Beispiele brauchen wir“, sagt der Landesbehindertenbeauftragte Gerd Weimer. Damit die Teilhabe an Arbeit für Menschen mit Handicaps gelingt, müssten sich jedoch auch die politischen Rahmenbedingungen verbessern. Ein Knackpunkt dabei sei die Ausgleichsabgabe. Diese gilt für Unternehmen, die mehr als 20 Mitarbeiter haben und nicht mindestens fünf Prozent der Stellen mit schwerbehinderten Menschen besetzt haben. Weimer fordert eine deutliche Erhöhung der Abgabe, die derzeit bei 2100 Euro pro Jahr liegt.

In den kommenden fünf Jahren ist das Ziel, 100 Arbeitsplätze für Menschen mit einer wesentlichen Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu schaffen: Dieses Ziel hat sich die Inklusionskonferenz im Landkreis Reutlingen zusammen mit dem „PlusEinhundert – Netzwerk Arbeit inklusiv“ gesetzt. Es ist ein Zusammenschluss kommunaler Kooperationspartner wie Integrationsfachdienst, IHK, Handwerkskammer und der Agentur für Arbeit.

„Da habe ich den Joker gezogen“, sagt Heike Dorn. Mit Hilfe des Integrationsfachdienstes hat sie seit Oktober vergangenen Jahres eine feste Stelle bei der Reutlinger Firma Medcon. Das Unternehmen kümmert sich um erkrankte Reisende im Ausland und bietet unter anderem Rückholungen für Konzerne an. Dorn, durch eine psychische Erkrankung schwerbehindert, hatte zuvor in einem Café der Reutlinger Bruderhausdiakonie gearbeitet. „Da waren meine grauen Zellen unterfordert“, sagt sie. Dorn hat im Tourismusbereich studiert und spricht mehrere Fremdsprachen. Heute nimmt sie telefonisch Notrufe entgegen und organisiert im 17-köpfigen  Team der Medcon Rückholungen. Die Festanstellung hatte ihr die Firma nach einem halbjährigen Praktikum angeboten.

„Ein Praktikum ist immer der Einstieg“, sagt Rainer Dibbern vom Integrationsfachdienst. Dabei sei für beide Seiten wichtig herauszufinden, ob Arbeit und Umgebung passen. „Ein Praktikum anzubieten ist ungefährlich“, so Dibbern. Er und seine Kollegin Annika Reder gehen deshalb gezielt auf Betriebe zu. Mit der Netzwerkinitiative wollen sie  Arbeitgeber erreichen, „die sich bisher noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben und zeigen, dass es tatsächlich funktionieren kann“.

Im Gespräch mit den Firmen gehe es oft um die Frage nach passenden Tätigkeiten, aber auch um Unsicherheiten, etwa im Umgang mit behinderten Menschen. Skepsis von Seiten ihrer Kollegen spürt  Heike Dorn nicht. „Ich merke, wie gut mir die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt tut“, sagt sie.

Doch wo können auch Menschen mit Behinderung arbeiten, die nicht über eine ähnliche Ausbildung wie Heike Dorn verfügen? „Es geht immer um Nischenarbeitsplätze und  Stellen, die so meist in den Betrieben nicht ausgeschrieben sind“, sagt Dibbern. Die müsse man unter Umständen suchen, sagt er. Aber: Möglichkeiten bieten sich vielfach in Großküchen, Gartenlandschaftsbau oder bei einfachen Tätigkeiten in Produktionsunternehmen, erklärt er weiter.

Michael Weinlich, der Geschäftsführer der Firma Medcon, ist nicht nur von der Arbeit seiner neuen Angestellten begeistert, sondern auch von der Begleitung durch den Integrationsfachdienst: „Ein Mitarbeiter, der mit einem Coach kommt – das ist doch ein hervorragender Service.“ Dieser Coach bleibe, so Rainer Dibbern vom Integrationsfachdienst, auch nach der erfolgreichen Vermittlung  Ansprechpartner für beide Seiten.

„Es lohnt sich auf die Stärken zu gucken und nicht auf die Schwächen“, sagt deshalb auch Susanne Blum, die Leiterin der  Geschäftsstelle Inklusionskonferenz, und versichert: „Es kein Risiko, dass man da eingeht.“

Mehr als 2800 Interessierte vermittelt

Aktion 1000 In Baden-Württemberg leben mehr als 900 000 schwerbehinderte Menschen und rund zwei Millionen Kinder und Jugendliche. Der Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS) hat 2007 die „Aktion 1000“ gestartet, deren Ziel es war, 1000 Menschen mit Behinderung auf den Ersten Arbeitsmarkt zu bringen.

Erfolge Mittlerweile liegt die Zahl der vermittelten Menschen bei etwa 2800 – und das mit durchaus langfristigem Erfolg: Die Haltequote beträgt rund 80 Prozent. del

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Beziehungstat: Drei Leichen in Eislinger Tiefgarage gefunden

In einer Eislinger Tiefgarage am Bahnhof hat eine Frau am Donnerstagmittag in einem geparkten Auto drei Leichen entdeckt. weiter lesen