Kritik an der Polizei: Schorndorfs OB im Interview

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    Schorndorfs OB Matthias Klopfer: „Eltern von Austauschschülern fragten, ob sie ihre Kinder zurückholen sollten.“ Foto: 
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    „Das ist archivwürdig“, sagt OB Matthias Klopfer. Foto: 
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Von 1000 randalierenden Jugendlichen, größtenteils mit Migrationshintergrund, am Rande eines Stadtfestes in Schorndorf war am Sonntag die Rede. Aus 1000 wurden 100 und aus dem „Flüchtlingsmob“, wie so manches Online-Portal vermeldete, wurden feiernde Schüler. Eine Falschmeldung katapultierte die 40.000-Einwohner-Stadt in ein Medienspektakel. Eine Woche nach den Ereignissen resümiert Oberbürgermeister Matthias Klopfer (SPD) die Geschehnisse.

Wie haben Sie die vergangenen Tage erlebt?

Matthias Klopfer: Ich laufe auf Reserve-Akku. Ich freue mich, wenn ich in den kommenden Tagen entspannen kann und möglichst wenig reden muss. Ich habe von Sonntag- bis Donnerstagabend  nichts anderes gemacht, als mit Medien und besorgten Bürgern zu sprechen. Eltern amerikanischer Austauschschüler riefen an und fragten, ob sie ihre Kinder zurückholen sollten. Eine ältere Dame hatte Angst, auf den Seniorennachmittag zu gehen…

Sie waren selbst spätabends auf dem Stadtfest und wohnen direkt beim Schlosspark. Wie haben Sie das Wochenende erlebt?

Ich war auf dem Marktplatz, mitten im Geschehen. Am Samstag sind wir gegen 23 Uhr durch den Schlosspark nach Hause. Aufgefallen ist mir dabei nichts. Die Jugendlichen haben ganz normal gefeiert, wie die Jahre zuvor. Es war große Partystimmung. Da waren junge Menschen aus allen Nationen.

Wie haben Sie von den Ausschreitungen erfahren?

Am Sonntag am Frühstückstisch. Mein Sohn hat mich gefragt, ob ich schon was mitbekommen hätte. Ihm sei die viele Polizei am Abend in der Stadt aufgefallen. Ich hatte aber keinen Anruf, keine Nachricht auf dem Handy.

Die Polizei hat sie in der Nacht nicht informiert?

Leider nein. Das hätte ich mir ehrlicherweise gewünscht – auch mitten in der Nacht. Ich wohne ja nur 50 bis 100 Meter entfernt vom Park und wäre sehr schnell vor Ort gewesen. Dann hätte ich auch eine eigene Lage-Einschätzung gehabt – die fehlt mir jetzt natürlich.

Was ging ihnen durch den Kopf, als sie die Mitteilung der Polizei lasen?

In der Sekunde, in der ich am Sonntag die Pressemitteilung der Polizei gesehen habe, war mir klar, dass das bundespolitische Aufmerksamkeit gibt. Ab da war ich in maximaler Anspannung.

Was lief schief?

Sofort nach der falschen dpa-Meldung hätte das Lagezentrum des Landes eine zweite Meldung mit einer Klarstellung der Ereignisse herausgeben müssen.

Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und Polizeipräsident Roland Eisele jetzt?

Wir hatten schon harte Gespräche. Was auch nötig war. Wir befinden uns aber auf Augenhöhe und müssen auf dieser auch diskutieren können. Unabhängig davon gilt: Es gibt einen engen Schulterschluss zwischen Stadt und Polizei.

War die Polizei überfordert?

Klar ist: Es kann nicht Aufgabe der Stadt sein, die Pressearbeit in solchen Fällen zu machen. Weil von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Aalen bis Mittwochabend keine Aktualisierung kam, lief alles über die Stadt Schorndorf. Wir waren Getriebene. Man müsste bei der Polizei alle sozialen und klassischen Medien beobachten und viel aktiver begleiten.

Sie wurden auch persönlich stark angefeindet, beleidigt und bedroht.

Irgendwann habe ich mir gesagt: Du liest das nicht mehr. Ich hatte keine Zeit mehr, und es hat mich belastet. Meine Mitarbeiter habe ich gebeten, alles ausführlich zu dokumentieren.

Lassen Sie sich das gefallen?

Ich werde einige Kommentare zur Strafanzeige bringen. Wenn jemand meinen Rücktritt fordert oder mich als Verharmloser bezeichnet ist das etwas anderes. Aber da gab es ganz konkrete Bedrohungen gegenüber mir und meiner Familie. Spätestens da hat man die politische Auseinandersetzung verlassen.

Sie haben bereits angekündigt, eine Medienanalyse in Auftrag zu geben?

Ja, wir werden eine solche Analyse machen. Ich bin sehr gespannt was dabei herauskommt. Auch was von Maschinen, den sogenannten Bots kam, und was von Menschen. Und wie sich dieser Medienwirbel entwickelt hat.

Diese Woche wird den Schorndorfern noch lange im Gedächtnis bleiben…

Alles was jetzt passiert, ist archivwürdig. Irgendwann wird man sich damit auseinandersetzen, was im Rahmen des Festes passiert ist. Ich bin mir sicher, damit werden sich noch Masterarbeiten und Doktoranden beschäftigen.

Auch wenn die Ereignisse übertrieben dargestellt wurden: Es gab mit 53 Anzeigen doppelt so viele wie in den Vorjahren. Neun Anzeigen wegen sexueller Belästigung gingen bei der Polizei ein. Wie wollen Sie der gestiegenen Gewalt begegnen?

Ich habe immer betont: Sexuelle Belästigungen sind keine Bagatelldelikte. Das ist eine Angstsituation für Frauen, verbunden mit einem enormen Schamgefühl – aber wir brauchen die Anzeigen der Frauen. Deshalb müssen wir sie ermutigen. Das darf kein Tabuthema bleiben.

Wie könnte ihre Strategie konkret aussehen?

Denkbar wäre im Jahr 2018 ein Schutzraum, wo man zur Ruhe kommt. Da kann sowohl ein Diebstahl des Geldbeutels angezeigt werden, aber auch Frauen können sich in einen sicheren Bereich begeben und Belästigungen bei ausgebildeten Beraterinnen zur Anzeige bringen. So könnte ein Teil unseres Sicherheitskonzeptes fürs nächste Jahr aussehen.

In diesem Jahr haben Sie es bei der Räumung des Schlossparks mit der Politik der „langen Leine“ versucht und wollten den Platz in Absprache mit der Polizei später räumen. Ein Fehler?

Wir haben das um 19 Uhr bei der Lagebesprechung beschlossen, weil die Jugendlichen am Vortag friedlich feierten. Aber es hätte am Samstagabend spätestens um 22 Uhr, als die ersten Flaschenwürfe kamen, zu einer anderen Lagebewertung seitens der Stadt und der Polizei kommen müssen. Die Strategie hätte dann heißen müssen: Wir räumen früher.

Um die Ereignisse in Schorndorf entbrannte eine Landtagsdebatte. Die AfD zog Vergleiche mit der Silvesternacht in Köln. Wie stehen sie zur Debatte?

Das ist Stimmungsmache der übelsten Sorte. Die AfD ist eine Schande fürs Parlament, eine Schande für Deutschland. Das ist keine Diskussionskultur mehr, das ist eine Diskussionsunkultur.

Wo sehen Sie jetzt ihre Aufgabe als Oberbürgermeister?

Meine Aufgabe ist jetzt zu vermitteln: Wir sind alle Schorndorfer. Egal, ob unsere Urgroßeltern schon auf dem alten Friedhof beerdigt wurden oder wir erst zugezogen sind. Auch in Zukunft bieten wir Heimat für alle.

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Zur Person: Matthias Klopfer stammt aus Renningen (Landkreis Böblingen), wo er am 14. März 1968 geboren wurde. Nach dem Abitur studierte er Politik- und Sportwissenschaft sowie Geographie an der Universität Stuttgart. 2001 war Klopfer hauptamtlicher SPD-Wahlkampfleiter für die Landtagswahl in Baden-Württemberg. Von 2001 bis zu seiner Wahl als Oberbürgermeister 2006 in Schorndorf war er Geschäftsführer bei der SPD-Landtagsfraktion Baden-Württemberg. 2006 wurde Matthias Klopfer im zweiten Wahlgang mit 50,8 Prozent der Stimmen zum Oberbürgermeister gewählt. 2014 wurde er wiedergewählt. 

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