Klingeln statt klicken - Kandidaten setzen auf direkten Kontakt zum Wähler

In drei Wochen können 7,7 Millionen Baden-Württemberger entscheiden, wer die Geschicke des Landes künftig lenken soll. Pünktlich zum Beginn der heißen Phase zeigen wir, wie die Parteien den Wahlkampf angehen: Wie ist das Verhältnis von Auftritten mit Wahlständen auf Märkten und Besuchen an Haustüren von Bürgern? Und welche Rolle spielen das Internet und soziale Medien in den Wahlkampfstrategien der Parteien?

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Vor Ort: Viele Kandidaten setzen auf direkten Kontakt mit den Bürgern und klingeln an der Haustür.  Foto: 

Jeder Einzelne habe es mit in der Hand, wie am 13. März die Wahl ausgehe. „Ruft Freunde, Bekannte, Verwandte an, überzeugt sie von unserer Regierungsbilanz“, appelliert SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid an seine Zuhörer. Es ist Freitag, 18.24 Uhr. Den Aufruf hören über 15.000 Genossen, die einer Telefonkonferenz der Stuttgarter SPD-Zentrale zugeschaltet sind. 40 Prozent der SPD-Mitglieder und sogar 65 Prozent der Genossen, die ihre Telefondaten hinterlegt haben, erreicht Schmid so auf einmal.

Ein Server wählt die Nummern an; binnen Minuten sind Tausende zugeschaltet. Geht ein Anruf ins Leere, wird er wiederholt. Die anderen werden per Bandansage informiert: „Bleib bitte in der Leitung, die Versammlung startet in Kürze.“ Mitglieder, die eine Frage haben, tippen die Taste 3. Einen Teil davon beantworten Schmid und weitere Spitzengenossen in der einstündigen Konferenz „live“; der Rest wird hinterher bearbeitet. Die „Schalte“, so Schmid, sei ein wichtiges Element, um die Basis zu mobilisieren.

„Der direkte Kontakt ist entscheidend“, sagt Muhterem Aras. 2011 war sie grüne Stimmenkönigin im Land, nun will sie ihr Direktmandat im Wahlkreis Stuttgart I verteidigen. Sie wirbt dafür auf Plakaten, im Internet – und erstmals an den Haustüren. Vergangenen Montag hat sie zwischen 17.30 und 19.30 Uhr bei 120 Leuten geklingelt, 75 haben geöffnet, nur zwei die Annahme des Flyers abgelehnt. Die meisten zollten ihr allein dafür Respekt, dass sie trotz strömenden Regens unterwegs war. „Der einzige Nachteil beim Häuserwahlkampf ist, dass einem die Zeit davonrennt“, so Aras.

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Der CDU-Politiker Wolfgang Reinhard, der den Wahlkreis Main-Tauber seit 1992 im Landtag vertritt, hat 2006 einen kleinen Versuch gemacht: Im 2600-Seelen-Ort Königheim ist er von Tür zu Tür gegangen und hat die Leute direkt angesprochen: „Bitte gehen Sie wählen! Ich brauche Sie!“ Es hat sich ausgezahlt: 2001 hatten im Wahlkreis 50,6 Prozent ihr Kreuz hinter seinem Namen gemacht, 2006 waren es dann 54,4 Prozent. In Königheim aber konnte sich Reinhart sogar von 60,3 auf 70,8 Prozent verbessern. Sein Fazit: „In den eigenen Hochburgen kann ein Kandidat durch gezielte Mobilisierung etwas bewegen.“ Der Lörracher CDU-Abgeordnete Ulrich Lusche fasst seine Erfahrungen so zusammen: „Wer sich um ein öffentliches Amt bewirbt, muss für die Leute sicht- und greifbar sein.“

Die Beobachtungen der Bewerber decken sich mit dem Stand der Forschung. „Das unschlagbarste Werbemittel ist ein Kandidat, der vor der Haustür steht“, sagt der Mannheimer Politologe und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Wahlforschung, Rüdiger Schmitt-Beck. Für die Wahlbeteiligung seien auch die Plakate und Wahlspots in Radio und Fernsehen wichtig – schließlich hätten viele den Wahltermin gar nicht auf dem Schirm. Die Wirkung moderner Medien wie Facebook oder Twitter würden von den Parteien dagegen überschätzt. Sie seien aber wichtig, um speziell junge Wähler zu erreichen – und als Signal der Parteien, dass sie am Puls der Zeit sind.

„Wir müssen alle Kanäle nutzen“, sagt Timm Kern, FDP-Abgeordneter für den Wahlkreis Freudenstadt. Am effektivsten sei das direkte Gespräch. Aber Facebook, das er seit 2011 nutzt, sei als niedrigschwelliges Angebot eine sinnvolle Ergänzung und gut, um zu informieren, aber auch, um in den Dialog zu treten. Selbst der Mannheimer SPD-Abgeordnete Stefan Fulst-Blei, der mit einem via Facebook verbreiteten Wahlkampf-Video im Rapper-Stil 44.000 Downloads verbuchen konnte, sieht die modernen Medien lediglich als Beiwerk. „Bei Hausbesuchen kannst Du die Leute direkt abholen, der Einsatz spricht sich auch herum. Auf Facebook habe ich 2500 ,Friends’, mein bester Post in jüngster Zeit hat 8000 Leute erreicht – aber wie viele davon im Wahlkreis leben, weiß ich nicht.“

Um ihre Botschaften an die Bürger zu kriegen, setzen die Kandidaten stark auf Kundgebungen mit Parteiprominenz – immer mehr aber auch auf Politainment. Damit versuchen sie, die größer werdende Zahl derer zu erreichen, die für Politikerreden in Hinterzimmern ihr Haus nicht verlassen würden. So gehört zum Wahlkampfprogramm des Ludwigsburger Grünen-Abgeordneten und Kultus-Staatssekretärs Jürgen Walter eine Veranstaltung mit Regierungschef Winfried Kretschmann, aber auch eine Lesung mit dem Sternekoch und Autor Vincent Klink. Bei Letzterer verzichtet Walter auf eine Grundsatzrede, der Verweis auf den Info-Stand vor dem Saal und ein kleiner Werbeblock sollen genügen: „Sie haben heute eine gute Wahl getroffen – machen Sie es am 13. März genauso.“

In Zeiten, in denen ein Großteil der Bürger nicht einmal alle Minister kennt, versuchen Bewerber auch, den Wählern mit Humor im Gedächtnis zu bleiben. So verteilt die Karlsruher CDU-Abgeordnete Katrin Schütz Fahrrad-Sattelbezüge mit dem Schriftzug „Gut be-Schütz-t“. Beim Spiel mit Namen ist auch der FDP-Abgeordnete des Wahlkreises Hechingen-Münsingen im Vorteil. Er heißt Andreas Glück und plakatiert den Slogan: „Ein Glück fürs Land“. 

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Facebook

Das soziale Netzwerk Facebook scheint bei Politikern im Südwesten beliebter zu sein als der Kurznachrichtendienst Twitter. Am meisten Zuspruch in Form von mehr als 20.000 „Gefällt mir“-Angaben bekommt Landesvater Winfried Kretschmann (Grüne), gefolgt von SPD-Chef Nils Schmid (knapp 9900). CDU-Herausforderer Guido Wolf liegt mit 9400 Likes auf Rang drei, Bernd Riexinger, einer der beiden Co-Spitzenkandidaten der Linken, hat Platz vier inne (knapp 8400). Hans-Ulrich Rülke (FDP) befindet sich mit rund 4000 Likes in guter Gesellschaft etwa von Alexander Bonde (Grüne, 4100) und Bilkay Öney (SPD, 3800).

Twitter

 Auf Twitter gibt es eine andere Verteilung auf der Hitliste. Spitzen-Zwitscherer ist Landwirtschaftsminister Alexander Bonde (Grüne) mit 4100 Followern und 11600 Tweets. Ebenfalls sehr aktiv ist Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD) mit 3200 Followern und rund 5000 Tweets. Doppelt so viele Benutzer folgen Bernd Riexinger von der Linken; er hat aber „nur“ 1500 mal kurze Nachrichten versandt. Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat übrigens auch einen Account, seine 188 Follower warten aber noch auf seinen Jungfern-Tweet. Auch CDU-Kandidat Guido Wolf ist kein besonders starker „Singvogel“.
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