Kleine Kliniken vor dem Aus

Bund und Land stellen in diesem und im nächsten Jahr für die Kliniken mehr Geld zur Verfügung. Das ist nötig, weil fast die Hälfte der Krankenhäuser rote Zahlen schreiben. Ein Grund sind die Fallpauschalen.

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In Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis) läuft es richtig gut: Kürzlich ist das neue Zentralklinikum mit 750 Betten eingeweiht worden, und der Jahresbericht 2012 ist durchweg positiv. Das Schwarzwald-Baar-Klinikum hat im vergangenen Jahr 3,6 Millionen Euro Überschuss erwirtschaftet. Als Gründe für den Erfolg gibt Geschäftsführer Rolf Schmid steigende Patientenzahlen, eine kürzere Aufenthaltszeit der Patienten und die Schließung des Krankenhauses in St. Georgen an.

Nach dem Umzug ins Zentralklinikum am kommenden Wochenende werden auch die Häuser in Villingen und Schwenningen geschlossen. Nur das Krankenhaus in Donaueschingen bleibt neben dem Zentralklinikum bestehen.

Damit vollzieht die Doppelstadt, wohin der Trend in der Krankenhaus-Landschaft Baden-Württembergs geht: hin zu mehr Zentralisierung und Spezialisierung. Denn fast die Hälfte der Kliniken im Land steckt tief in den roten Zahlen. Das ist das Ergebnis der aktuellen Umfrage der baden-württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG). Folge der Entwicklung ist, dass immer mehr Kliniken - vor allem im ländlichen Raum - geschlossen werden oder fusionieren.

Als vorerst letztes Krankenhaus im Land wurde Ende Juni das Krankenhaus in Leutkirch im Allgäu geschlossen. Es hatte zuletzt noch 68 Betten und gehörte zum Oberschwaben-Klinikverbund (OSK), der seit Jahren satt in den roten Zahlen steckt. Der OSK betreibt jetzt noch fünf Kliniken an vier Standorten in Bad Waldsee, Wangen, Ravensburg und Isny.

Auch das kleine Krankenhaus in Isny mit nur noch 19 Betten soll zugemacht werden. Doch die Isnyer kämpfen um ihre medizinische Versorgung - mit Aussicht auf Erfolg, auch wenn wirtschaftlich alles dagegen spricht. Es gibt einen Vertrag aus dem Jahr 1970, in dem der Kreis der Stadt zugesagt hat, das Haus offen zu halten. Die Isnyer pochen darauf und fordern einen Notlagen-Tarifvertrag. Der steht auch in den Verhandlungen um die Kliniken in den Kreisen Böblingen und Calw und der Stadt Sindelfingen im Raum.

Wie wichtig den Menschen die medizinische Versorgung vor Ort ist, zeigte sich im erbitterten Streit um das Krankenhaus in Schramberg. Das und die Klinik in Rottweil hatten dem Kreis zuletzt 2010 ein Defizit von sieben Millionen Euro beschert. Deshalb entschied sich der Kreistag im Februar 2011 für den Verkauf der Häuser an den privaten Klinikbetreiber Helios. Der hatte von vornherein klar gemacht, dass die Einrichtung in Schramberg nicht zu halten sei. Sie wurde Ende 2011 geschlossen. Bis vor kurzem bemühten sich Bürger, Stadt und Ärzte um den Aufbau eines Ärztezentrums. Das scheiterte nun aber an der mangelnden Beteiligung der Ärzte.

Aktuelles Beispiel für eine Fusion ist Weingarten im Kreis Ravensburg. Das defizitäre städtische Krankenhaus 14 Nothelfer wird vom Klinikum in Friedrichshafen übernommen. Bereits vollzogen ist die Fusion der Häuser im Kreis Konstanz. Dort hatten sowohl die Einrichtungen der Hegau-Bodensee-Hochrhein-Kliniken als auch die Kreis-Kliniken in Konstanz Defizite eingefahren. Die Lösung für alle ist nun ein Gesundheitsverbund.

Die Liste der Negativ-Beispiele könnte fast beliebig fortgeführt werden. Dabei drängt sich die Frage auf, woran die Hälfte der Kliniken im Land krankt und was ihnen Genesung bringen könnte. "Ein Grund für die Schwierigkeiten sind die Fallpauschalen", sagt BWKG-Sprecherin Annette Baumer. Die geben für hunderte Krankheitsbilder vor, wie lange ein Patient in der Klinik verweilen sollte und wie viel Geld die Klinik dafür erhält. Dauern Krankenhaus-Aufenthalte länger, bleibt die Klinik auf den Kosten sitzen.

Weiterer Grund für rote Zahlen ist die "Mengen-Degression". Die trat bisher ein, wenn eine Klinik mehr Patienten als vorgesehen behandelt hat und führte dazu, dass die Vergütung der Leistungen sank. Jedoch nicht nur in der Klinik, die auch tatsächlich mehr Patienten behandelt hat, sondern landesweit. Das brachte Häuser, die weniger Patienten hatten, in Schwierigkeiten.

Die Bundesregierung, die über die Erstattung der Betriebskosten der Kliniken entscheidet, hat diese Regelung für das laufende und das kommende Jahr ausgesetzt, aber nicht gestrichen. Das kritisiert die Krankenhaus-Gesellschaft, lobt dagegen, dass das Land vom Bund für dieses und nächstes Jahr 50 Millionen Euro mehr bekommt. Damit werde die Lücke von 70 Millionen Euro zwar nicht gestopft, sagte Vorstandsvorsitzender Thomas Reumann in der BWKG-Mitgliederversammlung. "Dennoch ist die Nothilfe ein tragbarer Kompromiss." Doch die Fehler im System bleiben.

Für die Förderung von Investitionen an den Kliniken ist das Land zuständig. Deshalb beklagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) beim Festakt zur Eröffnung des Zentralklinikums in Villingen-Schwenningen einen "gigantischen Investitionsstau". Der betrug Ende 2012 noch 850 Millionen Euro. Seit dem Regierungswechsel 2011 wurde die Fördersumme für die Kliniken um 35 Prozent gesteigert. In diesem und im nächsten Jahr fördert das Land die Investitionen mit jeweils 250 Millionen Euro.

Das Geld kommt in diesem Jahr 18 Kliniken zugute. Darunter sind etliche Neu- und Erweiterungsbauten. Der Trend ist klar: Die Kliniken müssen wachsen, um überleben zu können. Die kleinen Häuser auf dem Land bleiben auf der Strecke.

Die Klinik-Landschaft in Zahlen
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