Kirche und Knittelverse

Götz von Berlichingen und schwäbisch-hällische Landschweine: Der fränkisch geprägte Tagungsort der Deutschen Bischofskonferenz wartet mit viel Natur und einer Reihe Besonderheiten auf.

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Kloster Schöntal: Unter Abt Benedikt Knittel entstand das Ensemble von barocker Klosterkirche und palastartigem Abts- und Konventsgebäude mit Rokoko-Treppenhaus.  Foto: 

Es ist still in Schöntal. In dem weiten, lichtdurchfluteten Tal im Norden Baden-Württembergs scheint die Wintersonne auf die sanft ansteigende Hügellandschaft und Wiesenauen. Die Jagst verbreitert sich in einer weiten Schleife zu einem 70 Meter breiten Wehr, stürzt zwei Meter herab und setzt ihren Weg Richtung Neckar fort. Mitte Februar gesellen sich zu den exakt 209 Einwohnern Schöntals vier Tage lang 66 Gäste hinzu - die Deutsche Bischofskonferenz.

Um 1157 gründeten hier Zisterzienser-Mönche aus Maulbronn ein Kloster. Seine barocke Gestalt bekam das Areal im "Speciosa Vallis", dem schönen Tal, aber erst Ende des 17. Jahrhunderts: Unter Abt Benedikt Knittel entstand das Ensemble von barocker Klosterkirche und palastartigem Abts- und Konventsgebäude mit Rokoko-Treppenhaus. 1802 wurde die Abtei säkularisiert und diente dann bis 1975 als evangelische Klosterschule. Als die ihren Betrieb einstellte, stieg die Diözese Rottenburg-Stuttgart beim Land Baden-Württemberg als Nachmieter ein und machte Schöntal zum Tagungshaus.

Schöntal gehört landsmannschaftlich weder zu Württemberg und schon gar nicht zu Baden. "Wir sind Hohenloher", sagt Hausleiterin Bettina Bienlein und beschreibt die Menschen dort als "gesunde Mischung aus Franken und Schwaben": mit Bodenhaftung, natürlich und offen im Umgang, Menschen mit eigener Prägung. Entsprechend soll das Essen sein, mit dem sie die Bischöfe verköstigen will. Sie sagt: "Regional und abwechslungsreich soll es sein."

Der Wein kommt aus der Heilbronner Gegend und dem benachbarten Kochertal, das Bier von einer Privatbrauerei aus dem nahen Herbsthausen. Natürlich wird es auch Fisch geben - in der Jagst sind Hechte, Zander, Welse, Äschen und Forellen heimisch; und vielleicht auch die andere große kulinarische Spezialität der Gegend: das schwäbisch-hällische Landschwein. Übrigens wird die vor ein paar Jahrzehnten fast ausgestorbene Sau umgangssprachlich - und politisch nicht korrekt - "Mohrenköpfle" genannt, weil Kopf, Hals und Hinterbeine schwarz sind.

Besonderheiten weist die Klosteranlage auch im Inneren auf: Im Ostflügel des Kreuzgangs ruht das Rittergeschlecht der Berlichinger. Das bis heute geltende Familienprivileg, dort begraben zu werden, hatte die Abtei aus Dankbarkeit ausgesprochen. Bei einer Belagerung im Jahr 1504 hatte ein Kanonenschuss dem bekanntesten Vertreter der Familie, Götz von Berlichingen, die Hand zertrümmert. Seitdem behalf sich der Ritter "mit der Eisern Hand" mit der wohl berühmtesten Prothese der Orthopädie-Geschichte. Sie ist auch auf seinem Grabstein abgebildet. Sein berühmtes Zitat "Er kann mich am Arsche lecken!" verewigte Johann Wolfgang von Goethe 1773.

Sprachlich weniger derb geht es dagegen bei den fast unzähligen Knittelversen zu, die der gleichnamige Schöntaler Klostervorsteher fast überall in Kirche und Konvent anbringen ließ. Es ist eine vor allem im Hohenlohe-Kreis gern verbreitete Mär, dass sich das Wort Knittelvers auf den Zisterzienser-Abt zurückführen lässt. In Wahrheit steht der Begriff für ein Versmaß und bedeutet übersetzt schlicht Reimvers.

Und diese besonderen Verse finden sich in der Klosterkirche ebenso wie in den Sandsteinumfassungen über den karminrot lackierten und mit schmiedeeisernen Beschlägen verzierten Holztüren, die früher zu den vier Meter hohen Mönchszellen und heute zu den 54 Gästezimmern führen. Leicht spöttisch heißt es wegen der Vielzahl der lateinischen Sprüche, dass sich der Abt wohl schwer damit getan haben muss, blanke Wände zu ertragen.

Außerhalb der Klostermauern ist es ebenfalls interessant, wenn sich auch auf den Straßen und Feldern an diesem Wintertag niemand blicken lässt. Zwar endete der Güter- und Personenverkehr der 40 Kilometer langen Jagsttal-Schmalspurbahn 1951 und auch die Museumsbahn läuft schon lange nicht mehr, aber geblieben ist das alte Stationsgebäude.

Hier hielten die Züge, die zwischen Möckmühl im Landkreis Heilbronn und Dörzbach im Hohenlohekreis verkehrten. An der Strecke liegt fünf Kilometer flussabwärts Jagsthausen, in dessen Schloss Altbundespräsident Roman Herzog den Burgherrn gibt.

Nach dem Tod seiner Ehefrau Christiane hatte er Alexandra Freifrau von Berlichingen geheiratet. Begeistert von der Gegend ist natürlich auch der gastgebende Bischof Gebhard Fürst. Er freut sich, in der Woche nach Fasching und Karneval den anderen Bischöfen "einen der schönsten Tagungsorte Süddeutschlands" präsentieren zu können.

Deutsche Bischofskonferenz

27 Bistümer Die Deutsche Bischofskonferenz ist der Zusammenschluss der katholischen Bischöfe. Sie kommen aus den 27 Bistümern und leiten als Ortsbischöfe eine Diözese oder helfen dabei als Weihbischöfe. Ebenfalls zur Konferenz gehören Diözesan-Administratoren, die ein Bistum nach Rücktritt oder Tod eines Ortsbischofs übergangsweise verwalten.

Richtlinien Die Konferenz dient der Beratung und der Koordinierung der kirchlichen Arbeit. Sie gibt Richtlinien vor und pflegt Verbindungen zu anderen Bischofskonferenzen. Ihr oberstes Organ ist die zweimal jährlich tagende Vollversammlung. Die Herbstvollversammlung tagt jeweils in Fulda. Die Frühjahrstreffen finden an wechselnden Orten statt, dieses Mal im Kloster Schöntal. Im Mittelpunkt steht die Flüchtlingskrise. Derzeit hat die Bischofskonferenz 66 Mitglieder. Vorsitzender ist der Münchner Kardinal Reinhard Marx.

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