Kidnapper einer Schülerin steht vor Gericht

Im Mai wurde in Tübingen eine Schülerin entführt. Am selben Abend noch stellte ein Spezialeinsatzkommando der Polizei den Kidnapper in Freudenstadt. Gestern begann der Prozess gegen den Mann in Tübingen.

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Vor dieser Telefonzelle am Marktplatz in Freudenstadt wurde der Entführer gefasst. Foto: Monika Schwarz

Am Morgen des 10. Mai war die 13-Jährige auf dem Weg zur Bushaltestelle, als ein Mann sie um Hilfe beim Ausbau eines Kindersitzes aus seinem Auto bat. Den Wagen hatte er mit geöffnetem Kofferraum am Straßenrand abgestellt, das vordere Kennzeichen war mit einer Plastiktüte teilweise abgeklebt. Als sich das Mädchen arglos zum Kindersitz beugte, warf ihr der Mann eine Decke über, drückte das Kind mit "seinem ganzen Gewicht", so Oberstaatsanwalt Michael Klose, auf die Rückbank und sagte, sie solle ruhig bleiben, dann passiere ihr nichts.

Um 11.35 Uhr rief er von einer öffentlichen Telefonzelle aus die Mutter des Kindes an und forderte Lösegeld in Höhe von einer Million Euro, einer Million US-Dollar, einer Million Franken und zehn Kilo Gold. Bei diesem Anruf habe er auf den Fall der entführten und ermordeten Heidenheimerin Maria Bögerl angespielt und verlangt, die Polizei aus dem Spiel zu lassen. Die Mutter verständigte die Polizei, der es kurz nach dem dritten Anruf des Entführers am Abend gelang, den Mann festzunehmen. Ihm wird nun erpresserischer Menschenraub in Tateinheit mit versuchter räuberischer Erpressung vorgeworfen.

Bei dem Angeklagten handelt es sich um einen 51-Jährigen aus Rottenburg-Ergenzingen, der drei Jahre vor der Tat fristlos entlassen worden war - "wegen Veruntreuung von Geldern im großen Stil", wie Klose sagte. Er habe zum Tatzeitpunkt unter Geldnot gelitten und sei zudem depressiv gewesen.

Vor der Großen Strafkammer, die der Vorsitzende Richter Ralf Peters leitet, berichtete der Ergenzinger ausführlich seinen Lebenslauf. Der zeichnet sich vor allem durch einen regen Wechsel der Arbeitsstellen aus: Seit 1989 hatte er sechs verschiedene Jobs. Einer davon war die eigene Tankstelle. Kaum hatte er die eröffnet, wurde er erpresst, wie er sagte. Erst sei ihm ein Foto seiner kleinen Tochter zugeschickt worden, "dann bekam ich Besuch, dann brannte es". Die anderen fünf Stellen verlor er alle, weil ihm gekündigt worden war. Doch immer wieder kam der gelernte Großhandelskaufmann auf die Beine und fand einen neuen Job. "Er ist ein Stehaufmännchen", bescheinigte ihm Beisitzer Christoph Sandberger.

Nicht mehr aufgestanden ist er aber nach dem Verlust seines letzten Arbeitsplatzes. "Die haben mich einfach weggehauen", sagte er. Die fristlose Kündigung kam, nachdem er offenbar Geld veruntreut hatte. Das Verfahren dazu läuft noch. Deshalb wollte der Angeklagte gestern dazu vor Gericht nichts sagen.

Nach der Kündigung habe er etwa zehn Bewerbungen verschickt und dann nichts mehr getan. Er habe sich in einem Zimmer in seinem Haus verkrochen. Viel gegessen habe er, sich gehen lassen, sich um nichts gekümmert. "Ich fühlte mich wie in Watte gepackt." Nicht mal die Geburt seines ersten Enkels habe ihn emotional berührt. Nur der Unfalltod des Verlobten seiner Tochter riss ihn für kurze Zeit aus seiner Lethargie. Vor Gericht brach er in Tränen aus, als er davon berichtete.

Nach dem Unfall sei er mehrmals nachts an Bahngleise gegangen, habe sich danebengestellt und den Zügen zugeschaut. "Ich habe mich aber nicht getraut, den letzten Schritt zu machen." Auch mit dem Auto sei er unterwegs gewesen: "Ich kenne jede Brücke und jede Kurve, in der man ungebremst gegen etwas fahren kann."

Er habe erkannt, dass er das Problem war, habe dieses Problem aber "nicht gelöst gekriegt". So sei er zu der Erkenntnis gekommen, dass "jemand anders es lösen muss".

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