Aufklärung von Missbrauchsvorwürfen in Korntal verzögert sich

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Das Kinder- und Jugendheim „Hoffmannhaus“ der Brüdergemeinde Korntal. Foto: Daniel Naupold/Archiv

Stuttgart (dpa/lsw) – Im Ringen um die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in Heimen der evangelischen Brüdergemeinde Korntal (Kreis Ludwigsburg) haben sich die Fronten verhärtet. In einem mehrere Stunden dauernden Gespräch konnten sich Opfervertreter, die Brüdergemeinde und Mediatoren am Samstag nicht auf einen gemeinsamen Aufklärer einigen. 

Man sei sich zwar grundsätzlich einig, doch habe der Widerspruch einer Mediatorin gegen den zunächst vorgesehenen Aufklärer eine Entscheidung im Konsens verhindert, berichteten Teilnehmer. Demnach führte die Mediatorin Elisabeth Rohr Medienberichte an, wonach der einzige Kandidat für das Amt, der Rechtsanwalt Ulrich Weber, in eine Korruptionsaffäre verwickelt sein könnte.

Weber selbst wies die Berichte zurück: „Es wird nicht gegen mich ermittelt“, sagte der Anwalt, der zuvor auch die Missbrauchsvorwürfe bei den Regensburger Domspatzen aufgearbeitet hatte. Dass die Einigung auf einen gemeinsamen Aufklärer letztlich an Rohr scheiterte, sorgte bei vielen Teilnehmern für Kritik. „Ich bin fassungslos“, sagte Martina Poferl vom Netzwerk Betroffenenforum.

Opfervertreter Detlev Zander erklärte nach den Gesprächen: „Die Wünsche der Opfer werden hier überhaupt nicht mehr berücksichtigt.“ Er selbst hatte den Missbrauch im Sommer 2014 öffentlich gemacht. Der heute 55-Jährige war in den 1960er und 70er Jahren im Heim. Seinen Angaben zufolge werfen inzwischen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er bis 1980er Jahren in den zwei Kinderheimen der Gemeinde sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Der Versuch einer Aufarbeitung war Anfang 2016 schon einmal gescheitert. Eine neuer Versuch, die verhärteten Fronten zu überwinden, soll bei einer weiteren Gesprächsrunde am 25. März unternommen werden.

Brüdergemeinde

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Kommentare

11.02.2017 20:03 Uhr

AufklärerInnen können nur so gut arbeiten, wie man sie lässt


Soweit ich informiert bin, scheitert es im Falle der Brüdergemeinde nicht an Fachleuten, die dafür in Frage kommen, sondern daran, dass sich deren Seriosität darin äußert, dass sie sich für dieses Projekt nicht zur Verfügung stellen. Es ist vollkommen unklar, wer auf Seiten der Institution überhaupt verantwortlich und inwieweit der Wille zur Erkenntnis und Veränderung bei der Brüdergemeinde vorhanden ist.

In erster Linie wird es um Hilfen für die Opfer gehen. Da ließen sich ja Mittel und Wege für ein Konzept finden, auch ohne großen Aufklärungsaufwand. Die Brüdergemeinde könnte sich z.B. daran orientieren, was der institutionelle Teil des Ergänzenden Hilfesystems vorsieht und außerdem eine Anerkennungszahlung in angemessener Höhe leisten. Hintergrundinfos zum Missbrauchsfonds und zu Anerkennungszahlungen gibt es im Netz.

Bei Aufarbeitung dagegen, handelt es sich um einen umfassenden und anspruchsvollen Prozess. Solche Aufgaben sollten Expertenteams übernehmen, die über ausreichend Unabhängigkeit und Erfahrung verfügen. Ich verstehe nicht, warum sich die Brüdergemeinde nicht Hilfe bei der Landeskirche und beim Diakonieverband holt. Denen ist sie doch eng verbunden und beide Organisationen sind sehr wirkmächtig und politsch sehr gut vernetzt.

Aktuell macht die australische Royal Commission vor, wie echte Aufarbeitung funktioniert. Auf deren Homepage wird das Projekt vorgestellt.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

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