Kein Plan B in der Schublade

Übergangsgeld beantragen, Mitarbeiter unterbringen, Akten entsorgen: Wer abgewählt ist, hat zunächst viel zu tun. Wie es dann weitergehen soll, weiß der 54-jährige Helmut W. Rüeck (CDU) noch nicht.

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Nicht wiedergewählt: Helmut W. Rüeck (CDU) aus Crailsheim und sein SPD-Wahlkreiskollege Nikolaos Sakellariou aus Schwäbisch Hall (rechts)  Foto: 

Was soll ich denn antworten?" Helmut W. Rüeck schaut fragend. Gerade hat der CDU-Parlamentarier aus Crailsheim, der am Sonntag aus dem Landtag geflogen ist, erzählt, dass er seither ständig gefragt wird, wie denn so was passieren konnte. Ja, was soll er da antworten? "Sie hätten mich wählen sollen und nicht die AfD oder die FDP", könnte sagen. Aber Rüeck tut das nicht. "Meine Wählerinnen und Wähler haben mir 15 Jahre im Landtag geschenkt", sagt er stattdessen. Die Wähler kritisieren, das will er nicht. Also bemüht er sich um ein Lächeln, wenn er den Satz hört: "Herr Rüeck, das ist aber schade!"

Was macht ein Mann in den 50ern, der 15 Jahre Politiker als Beruf angegeben hat - und nun ohne Mandat dasteht? Rüeck lässt sich Zeit mit der Antwort. Dann sagt er einen zunächst verblüffenden Satz: "Ich bin irgendwie erleichtert." Erleichtert darüber, dass jetzt Klarheit herrscht. Der Druck in den vergangenen Wochen sei enorm gewesen. Reicht's, reicht's nicht? Das ständige Nachdenken über eine Frage, die nur die Wählerinnen und Wähler beantworten konnten.

Deren Votum in Crailsheim macht dem Stimmenkönig von 2014 zu schaffen. Fast jeder Vierte hat AfD, NPD oder Republikaner gewählt. Er selbst stürzte selbst im heimischen Crailsheim auf 24 Prozent (-16,6 Prozent) ab. Das Direktmandat hat ihm die Grüne Jutta Niemann aus Schwäbisch Hall abgejagt. Rüeck musste bei der Landtagsverwaltung in Stuttgart vorstellig werden. Es geht ums Übergangsgeld. Eine Finanzspritze für diejenigen, die nicht wiedergewählt worden sind. Also eine Art Arbeitslosengeld für Ex-Parlamentarier.

Nein, geschockt habe ihn sein schlechtes Wahlergebnis nicht, erzählt der Mann, der seit rund 40 Jahren für die CDU Politik macht. Zuletzt saß er im Landtag der Enquete-Kommission zum Thema Pflege vor. Er habe schon "um Weihnachten herum" angefangen, sich mit der Frage zu beschäftigen, was denn wäre, wenn's richtig schlecht läuft. Etwa 14 Tage vor der Wahl sei ihm klar gewesen: "Der Kampf ist so gut wie aussichtslos." Gekämpft hat er trotzdem bis zuletzt. Jetzt sitzt er am Tisch, gefasst, ein bisschen müde. Listet auf, mit was er sich nun befasst: Telefon im Wahlkreisbüro in Schwäbisch Hall kündigen, schauen, dass sein Mitarbeiterstab in Hall und Stuttgart irgendwo unterkommt, überlegen, was mit Hunderten von Aktenordnern geschieht, die sich in den Büros angesammelt haben. Tut das alles weh? Nein, versichert er. Aufräumen, sortieren, entsorgen - da sei keine Zeit, sich mit Weltschmerz in der Wohnung einzuschließen.

Die Klatsche vom Sonntag versteht Rüeck "nicht als persönliche Niederlage". Der Wahlkreis Schwäbisch Hall sei "noch nie ein dunkelschwarzer" gewesen und immer wieder anfällig für ein hohes Protestwählerpotenzial. Der Noch-Abgeordnete will sich ein positives Bild von den 15 Jahren in der Landespolitik bewahren. "Ich habe oft helfen können", erinnert er sich, "habe manches auf den Weg gebracht."

Rüeck, der nächste Woche 54 wird, hat keinen Plan B in der Schublade. Die Gesundheit des gelernten Maschinenschlossers hat gelitten in letzter Zeit, da will er nichts überstürzen, "ich schaue jetzt einfach mal auch etwas mehr nach mir". In seinem Alter ist an Ruhestand noch nicht zu denken. Immer wieder hatte er "interessante Angebote aus der Wirtschaft erhalten". Bis Ende April ist er noch Abgeordneter.

Bis dahin wird er noch oft den "Schade um Sie, Herr Rüeck"-Satz hören und ein freundliches Gesicht dazu machen müssen.

Prominente Wahlverlierer

Abschied 19 Mandate sind der SPD im Landtag gebleiben - von 34. Neben Fraktionschef Claus Schmiedel, Sozialministerin Katrin Altpeter oder dem innenpolitischen Sprecher Nikolaos Sakellariou muss auch der Böblinger Florian Wahl seinen Landtagssitz räumen. Der 31-Jährige verabschiedete sich auf Facebook: "Ich möchte mich herzlich bei allen bedanken, die mich unterstützt und begleitet haben. Das bedeutet mir sehr viel."

Einbußen Die CDU büßte 18 Mandate ein, hat noch 42. Einer, den den Wiedereinzug nicht schaffte, ist der Ludwigsburger Klaus Hermann (56) - nach 20 Jahren im Landtag. Alexander Throm (47) wurde in Heilbronn nicht wiedergewählt. Katrin Schütz verlor ihr Direktmandat in Karlsruhe-West. Die 48-Jährige, seit 2014 Generalsekretärin der Südwest-CDU, war zehn Jahre im Landtag.

 

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