Jagst soll nach Gift-Desaster wieder zum vorbildlichen Ökosystem werden

14 Millionen Euro kostet ein Aktionsplan für die Jagst. Der Fluss war im Sommer 2015 durch Düngemittel vergiftet worden. Die Rettung soll Modellcharakter bekommen und ähnliche Unfälle verhindern.

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Das Vorhaben ist ebenso anspruchsvoll wie beispielhaft, kostspielig obendrein. Mit einem „Aktionsprogramm Jagst“ sollen nicht nur die schweren Schäden, die der Fluss im vergangenen August erlitten hat, beseitigt werden. Zum Rettungsplan gehört auch eine Stärkung der Widerstandskraft des einstigen „Vorzeigegewässers“. Alle Erkenntnisse, die beim Kampf gegen die Giftbrühe und bei der anstehenden Reaktivierung gesammelt werden, möchte Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) zusammenfassen. Damit sollen alle Akteure „im unerwünschten Fall eines ähnlichen Ereignisses besser gerüstet sein“, sagte er bei einer Konferenz in Schöntal-Bieringen (Hohenlohekreis).

Als am 23. August 2015 beim Brand in einer Mühle bei Kirchberg (Kreis Schwäbisch Hall) mit dem Löschwasser Düngemittel in die Jagst gespült wurden, sei „ein verheerender Schadensfall eingetreten“, blickte Untersteller zurück. Die hohen Ammoniakkonzentrationen töteten mindestens 20 Tonnen Fische, auf den ersten Flusskilometern nach der Brandstelle musste Totalausfall registriert werden.

Zunächst wurde das Ausmaß nicht in vollem Umfang erkannt, dann liefen Gegenmaßnahmen nur schleppend an. Aber dank des von Untersteller gelobten „großartigen Engagements“ von Behörden, Fischervereinen, Feuerwehren, Technischem Hilfswerk und Freiwilligen hatte in den Landkreisen Hohenlohe und Heilbronn das von Experten erwartete „Allerschlimmste“ verhindert werden können.

Allem Anschein nach, erklärte Untersteller, seien die Fischnährtiere („Makrozoobenthos“) nur gering geschädigt. Aber es zeichne sich bereits ein hoher Grad der Schädigung bei den Kiemen der Fische und ein erheblicher Parasitenbefall ab. Einen genauen Überblick gibt es noch nicht. Eine erneute Untersuchung muss abgewartet werden.

Gemeinsam mit Anglern und Anliegern wollen die Ämter für Verbesserungen sorgen. Die einstige Artenvielfalt soll wiederhergestellt werden. Der Fischbestand soll durch Besatz aus nicht geschädigten Abschnitten der Jagst und ihrer Nebenflüsse auf das frühere Niveau gebracht werden. Einige Uferbereiche sollen „naturnah“ umgestaltet werden, wofür Grundstücke aufgekauft werden. Hindernisse, die Fische stoppen, müssen weichen, wie dies die europäische Wasserrahmenrichtlinie ohnedies vorsieht. Der Umweltminister nannte 14 Millionen Euro als Kosten des Aktionsplans, „das ist aber nur eine vorläufige Aufstellung“. Das Programm versteht er als „außergewöhnlichen Prozess“. Der Hohenloher Landrat Matthias Neth wünscht sich wieder „einen der saubersten Flüsse“ und „einen einzigartigen Lebensraum“ wie vor dem Giftbrühendebakel.

Bis jetzt steht nicht fest, wer die Kosten von rund 2,5 Millionen Euro für den Einsatz der Helfer bezahlt. Minister Untersteller sieht hier in erster Linie den Verursacher des Desasters in der Pflicht: „Es kann nicht sein, dass gleich nach dem Steuerzahler gerufen wird.“

Weitgehend unberücksichtigt blieben bisher die Folgen für den Tourismus. Als sich die Schreckensmeldung vom „Gift in der Jagst“ republikweit verbreitete, blieben Urlauber weg. Selbst als von einer Katastrophe nichts mehr zu sehen war, „kamen weniger Gäste“, sagte Andreas Dürr von der Touristikgemeinschaft Hohenlohe der SÜDWEST PRESSE. Die Jagst als heiles Ökosystem sei besonders wichtig für die Vermarktung der Urlaubslandschaft. Angeboten werde ein „Naturparadies“ für Wanderer, Radfahrer, Kanuten. „Wir leben vom intakten Jagsttal“, betonte Dürr, „das ist unser Kapital.“

 

Garantie für die Fischer

Auch wenn die Kosten der Jagstrettung nicht explizit im Haushaltsplan des Landes aufgeführt sind, ist das Projekt gesichert, betonten Regierungsvertreter in Schöntal vor über 160 interessierten und teilweise selber betroffenen Zuhörern.

Fischer wollten auch wissen, ob der Ausgang der Landtagswahl am 13. März Einfluss auf den Aktionsplan habe. Denn, so ein skeptischer Angler, bei der Regierung unter CDU-Führung sei „in dieser Hinsicht nur wenig geschehen“. Der Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl (FDP) konnte diesbezügliche Bedenken beiseite räumen. Das Rettungsprogramm sei „ein überparteiliches Anliegen“, betonte er. Widerspruch kam von keinem der anwesenden Abgeordneten oder Kandidaten.

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