Islamkunde an Baden-Württembergs Schulen bleibt Modellprojekt

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Die Einführung eines regulären Islamischen Religionsunterrichts (IRU) wird erneut verschoben. Gegenüber der SÜDWEST PRESSE erklärte das Kultusministerium, dass „aufgrund einer großen Zahl noch nicht geklärter Fragen“ der anvisierte Beginn zum Schuljahr 2018/19 nicht zu erreichen ist. Seit 2006 läuft IRU als Modellprojekt, 93 Schulen bringen mittlerweile muslimischen Kindern ihre Religion näher.

Das Angebot gilt als Instrument zur Wertevermittlung und Integration. „Wir müssen den muslimischen Kindern und Jugendlichen in Baden-Württemberg eine fundierte, kritische und wertorientierte Auseinandersetzung mit ihrer Religion ermöglichen“, sagte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Sie halte am IRU und dem Dialog mit den Islam-Verbänden fest.

Für Unruhe sorgen aber die Ermittlungen gegen den größten Verband Ditib (Islamische Union der Anstalt für Religion). Infolge des Putsches sollen Imame dem türkischen Geheimdienst Informationen zu Anhängern der Gülen-Bewegung zugespielt haben. Das Kultusministerium erklärte, man habe Ditib klar gemacht, „dass die Zusammenarbeit hierdurch belastet wird“.  Die Entwicklungen könnten „Auswirkungen auf die Frage haben, ob Ditib weiterhin als Partner der Landesregierung in Betracht kommt“. Ditib war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Islamischer Religionsunterricht: Es bleibt beim Provisorium

Mit einem Kommentar von Fabian Ziehe.

Kommentar: Provisorium beenden

Der Wert misst sich in Zahlen, der Bedarf auch: An bereits 93 Standorten im Südwesten gibt es Islamischen Religionsunterricht (IRU). Verglichen mit den ersten zwölf  Grundschulen 2006 ist das eine Steigerung, zumal nun über die Hälfte davon weiterführende Schulen sind. Doch in der Summe bietet nur etwa jede 40. allgemeinbildende Schule IRU an, Privatschulen nicht eingerechnet. Das ist viel zu wenig.

Denn Experten und Fachpolitiker – vom Christdemokraten bis zum Laizisten – wissen es zu schätzen, dass muslimische Schüler abseits von Moscheen und Elternhaus von Lehrern im Staatsdienst etwas über ihre Religion erfahren. Das stärkt das kindlich-jugendliche Selbstbild, ermöglicht die Verortung in der deutschen Gesellschaft, schützt vor radikalen Rattenfängern und vermittelt religiöse Bildung jenseits der Konfession.

Es gibt einen Bildungsplan, Lehrstühle an den Hochschulen, viel guten Willen – und doch wird der Start des Regelunterrichts erneut verschoben. Das liegt etwa an den „Erblasten“ der Islamverbände – die streng konservativen Wurzeln des IGBW und die Verbindungen zum türkischen Staat bei Ditib. Andererseits hofft die Landesregierung auf einen einheitlichen Ansprechpartner – eine Idee, auf die sich die Kirchen nie einlassen würden.

Und nun? Nun braucht es einen gemeinsamen Kraftakt, um voranzukommen. Um die nötigen Pädagogen auszubilden und ihre Unabhängigkeit sicherzustellen. Um die Verbände einzubinden und sie als Teil einer pluralistischen Gesellschaft in die Pflicht zu nehmen. Um Widerständen und Ressentiments gegen Islamunterricht zu begegnen. Und um aus einem guten Provisorium eine dauerhafte Erfolgsgeschichte zu machen.

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