In St. Martin wechseln sich katholischer und evangelischer Pfarrer ab

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Anderswo mag es einst immer wieder blutige Händel gegeben haben, wenn Papsttreue und Protestanten aneinandergeraten sind. Im oberschwäbischen Biberach teilen sich die Konfessionen seit mittlerweile 469 Jahren ein Gotteshaus: Die Stadtpfarrkirche St. Martin wird simultan genutzt, von evangelischen  und katholischen Christen gemeinsam.

1531 hatte sich die freie Reichsstadt in Oberschwaben der Reformation angeschlossen. Beim „Bildersturm“ im selben Jahr mussten der Hochaltar und die Seitenaltäre von St. Martin dran glauben, sie wurden zerstört. 17 Jahre später war es dann mit der exklusiven Nutzung des Gotteshauses durch die Protestanten wieder vorbei. Seit 1548, nach einer Verordnung Kaiser Karl V., wird in der Kirche auch wieder die katholische Messe gefeiert.

Simultankirchen gibt es mehr als fünf Dutzend in Deutschland. St. Petri in Bautzen dürfte die älteste von ihnen sein. Seit 1524 ist die Kirche in Sachsen zwischen den beiden Konfessionen aufgeteilt. Im Unterschied dazu wird im oberschwäbischen Biberach das Kirchenschiff gemeinsam genutzt, beten katholische und evangelische Geistliche mit ihren Gemeinden abwechselnd in einer Kirche.

Trotz aller Reibereien und Streitigkeiten in der Vergangenheit funktioniert die gemeinsame Nutzung schon Jahrhunderte. „Mit vielen Regeln und sehr genauen Festlegungen für alles Mögliche“, sagt Ulrich Heinzelmann, seit 22 Jahren evangelischer Pfarrer in Biberach. Konflikte waren früher trotzdem häufig: Mal saß  der evangelische Mesner wegen Störung der katholischen Messfeier im Gefängnis, mal der katholische wegen Störung des evangelischen Gottesdienstes. „Aber es ging ohne Blutvergießen ab“, sagt Pfarrer Heinzelmann

Noch bis in die 1960er Jahre bestimmte Konkurrenz das Verhältnis der beiden Konfessionen. Seither wurden die Gräben aber immer mehr zugeschüttet. „Ein bisschen umständlich“ ist der Gemeindealltag in Biberach bis heute, sagt Heinzelmann.

Kein Wunder: Mesner, Putzdienst, alles gibt es doppelt und will organisiert sein. Gottesdienste, Taufen, Hochzeiten, alle Belegungstermine werden abgestimmt. Anderswo geht der Pfarrer „in seine Kirche“. In Biberach gehört die der „Gemeinschaftlichen Kirchenpflege“ einer rechtlich selbstständigen Stiftung, verwaltet von der Stadt und beiden Kirchengemeinden. In einem Förderverein sammeln katholische und evangelische Biberacher Geld für die Sanierung. „Gemeinsam lässt sich mehr stemmen als allein“, sagt Heinzelmann. Wie den Einbau einer Fußbodentemperierung („Heizung wäre zu viel gesagt“), im Mai geht’s los.

Die Zusammenarbeit sei nicht nur ökonomisch ein Gewinn sondern auch für die Ökumene der beiden Bekenntnisse, sagt Heinzelmann. Im Reformationsjahr laden beide Kirchengemeinden gemeinsam zu ökumenischen Gottesdiensten. Ein Benediktinerpater, eine Prälatin und die Bischöfe Gebhard Fürst und Frank-Otfried July sind unter den Gastpredigern. „Wenn man weiß, man steht auf der Kanzel vor seiner Gemeinde, und man weiß, schon in einer Stunde predigt der katholische Kollege auch hier“, sagt Pfarrer Heinzelmann, „dann relativiert sich mancher Unterschied zwischen den Konfessionen. Das macht demütig, man wird bescheidener.“

Eine schöne Seite des Simultaneums, findet Heinzelmann, der selbst ein Semester katholische Theologie in Rom studiert hat und mit einer Katholikin verheiratet ist. Auch die Eindrücke, die man vom Innenleben einer katholischen  Kirchengemeinde gewinnt, seien „eine Bereicherung“, sagt der überzeugte Lutheraner Heinzelmann. Unterschiede beider Konfessionen seien ohnehin zu 90 Prozent nur Gewohnheit und Trägheit geschuldet, ist der Pfarrer überzeugt.

Das Hauptschiff von St. Martin ist katholischer und evangelischer Kirchengemeinde gemeinsam zugeordnet, der Chor mit Seitenkapellen und die Sakristei den Katholiken, der „Nonnenschopf“ und eine zweite Sakristei den Evangelischen.

„Zwei Sakristeien, das ist einfach praktischer“, sagt Pfarrer Heinzelmann. Weil insgesamt auf die Katholiken ein bisschen mehr Fläche entfällt, galt früher ein genauer Schlüssel bei Sanierungskosten: 53:47 wurde aufgeteilt. Inzwischen gilt geschwisterlich Halbe-Halbe. Wie beim Strom, die getrennten Stromzähler für die Kirche sind mittlerweile ebenfalls abgeschraubt worden.

Für die Katholiken wie für die Protestanten, sagt Pfarrer Heinzelmann, könnte das Simultaneum zu dem Modell der Zukunft werden: Zusammenrücken sei schließlich heute gefragt – in Zeiten von Austritten und Bedeutungsverlust der beiden großen Kirchen.

St. Martinus und Maria in Biberach wurde von 1746 bis 1748 barockisiert. Johannes Zick aus München schuf das Deckenfresko der Geschichte Jesu. Das Bildprogramm ist theologisch sorgfältig ausgewählt: Nur biblische Szenen, Motive, die beide Konfessionen verbinden, werden verwendet. Im nur katholisch genutzten Chorraum finden sich als Kontrast Marias Himmelfahrt und allerlei Heilige.

Simultankirchen im Südwesten sind auch die Johanneskirche in Rohrdorf (Kreis Calw), die Stiftskirche St. Juliana in Mosbach und St. Michael in Neuried-Schutterzell. aw

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Reformation

Die Reformation vor 500 Jahren hat auch zwischen Kurpfalz, Franken und dem Bodensee viel bewegt. Die Serie „Reformation und der Südwesten“ dreht sich um diese Umwälzung und ihre Folgen.

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